Bridge & Tunnel – Upcycling trifft Quartierarbeit und cooles Design

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Das junge Label Bridge & Tunnel arbeitet mit Textilien, die sonst auf dem Müll landen würden, bringt Frauen in Arbeit, die auf dem Arbeitsmarkt keine Perspektive haben und kreiert dabei moderne, coole Produkte – von Taschen und Accessoires bis zu Interior-Design. Hinter dem Projekt stecken Constanze Klotz und Lotte Erhorn. Wir haben sie im temporären „IDYL Concept Store“ in Wilhelmsburg zum Gespräch getroffen.

 

femtastics: Was ist die Geschichte von Bridge & Tunnel?

Constanze Klotz: Wir möchten viele Geschichten erzählen: wir betreiben Upcycling, wir möchten Frauen aus der Langzeitarbeitslosigkeit heraus in Arbeit bringen und wir möchten Jungdesignern eine Chance geben, sichtbar zu werden und unser Label sichtbar zu machen.

Wie kam es dazu, dass ihr Bridge and Tunnel gegründet habt?

Lotte Erhorn: Da kam Vieles zusammen. Wir haben ja die Werkstatt, Stoffdeck, in der man mit Textilien und anderen Materialien arbeiten kann. Da finden auch Workshops statt und wir haben mit der Kleiderkammer zusammen schon öfters Recycling-Projekte umgesetzt.

Constanze: Wir fanden es immer schon cool, junge Designer und Stadtteilarbeit zusammenzubringen. Eine Zeit lang hat sich immer ein muslimischer Näh-Club bei uns im Stoffdeck getroffen. Irgendwann kamen wir auf die Idee, alle Fäden, die bei uns metaphorisch zusammenlaufen, in einem neuen Projekt zusammenzuführen. Schwupp die Wupp war Bridge & Tunnel geboren. Die Idee ist, keine neuen Materialien zu verwenden, sondern dem Überfluss an Textilien zu begegnen. In der Kleiderkammer, einer Art Schwesternprojekt von uns, sehen wir jeden Tag die Kleiderberge, die da angeliefert werden. Und es gibt viel sogenannte Ausschussware, die zu schlecht für Ausgabestellen ist – und die verwenden wir weiter.

Lotte: Gerade bei Jeans ist da viel Ware dabei, die nicht weitergegeben werden kann. Bei Mode ist es oft günstiger, neue Produkte zu kaufen, statt sie reparieren zu lassen. Also wird viel weggeschmissen.

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Der temporäre „IDYL Concept Store“ in Wilhelmsburg.

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Auf den Etiketten der Bridge & Tunnel Produkte sind die Namen von Designerin und Herstellerin vermerkt.

Unsere Idee ist, für jede Kollektion andere überschüssige Materialien zu verwenden und mit einem anderen Designer zusammen zu arbeiten.

 

Wie seid ihr auf eure Designerin gekommen?

Constanze: Wir hatten über ein anderes Projekt Kontakt mir ihr. Es ist eine Dänin, Signe Bonnesen, und sie hatte richtig Lust, mit Jeans als Material zu experimentieren. Einzelne Jeans-Stücke hat sie zum Beispiel im Patchwork-Verfahren genutzt. Unsere Idee ist, für jede Kollektion andere überschüssige Materialien zu verwenden und mit einem anderen Designer zusammen zu arbeiten. Wir wollen die Projekte immer professionell von Designern umsetzen lassen.

Lotte: Wenn wir Leuten von unserem Label erzählen, ist die Reaktion oft: „Ach ja, in der achten Klasse habe ich mir auch aus einer alten Jeans eine Tasche genäht.“ Aber unser Anspruch ist ein ganz anderer. Sobald die Leute unsere Produkte sehen, verstehen sie das auch.

War euch wichtig, lokal in Hamburg zu produzieren?

Constanze: Ja, das war uns sehr wichtig. Wir wollten nicht wie andere Labels die Produktion aus Kostengründen ins Ausland verlagern. Hier in Wilhelmsburg haben wir durch das Trägerprojekt des Stoffdecks viel Kontakt mit Menschen, die in der Langzeitarbeitslosigkeit feststecken. Unsere Idee war deshalb, unsere Produktion hier in unserer Werkstatt zu machen, und zwar von Frauen aus dem Stadtteil.

Lotte: Daran verdient man sich keine goldene Nase. Uns ist wichtig, die Leute langfristig in Arbeit zu bringen.

Constanze: Wir hatten zuerst ein Konzept für eine sogenannte „Zwischenmeisterei“ entwickelt. Also dass junge Designer ihre Kollektionen bei uns produzieren lassen können. Aber das war ein zu großes Brett für uns. Deshalb haben wir uns entschieden, das Konzept erst einmal im Kleinen, an Bridge & Tunnel, zu erproben.

Was ist euer Ziel?

Constanze: Wir möchten ein Produktionsteam fit machen, das später in der Lage ist, Aufträge von anderen Designern anzunehmen. Die Frauen müssen gar nicht nur für Bridge & Tunnel produzieren. Aktuell haben wir fünf Frauen im Team, die für uns arbeiten. Und es wäre toll, wenn wir ihnen eine zusätzliche Arbeitsperspektive bieten könnten.

Lotte: Und sie könnten dann auch ganz spontan auf Anfragen reagieren – wenn jemand drei Näherinnen braucht, oder zwölf. Oder jemand braucht eine Mitarbeiterin, die häkelt oder nur bügelt. Da wären sie total flexibel.

 

Unsere Mitarbeiterinnen haben verstanden, dass wir hier keine weitere Beschäftigungsmaßnahme anbieten, sondern eine Perspektive auf langfristige Arbeit, die auch vergütet wird.

 

Welche Frauen arbeiten aktuell für euch und wie habt ihr sie gefunden?

Constanze: Über verschiedene Kontakte. Wir hatten auch eine Zeitungsanzeige. Manche Frauen kannten wir auch aus dem muslimischen Näh-Club. Wir haben einen Probe-Nähtag veranstaltet und haben die fünf besten Näherinnen ausgewählt, um eine hohe Qualität zu garantieren. Die Frauen, die jetzt zu unserem Team gehören, kommen alle aus dem arabischen Raum oder der Türkei und waren hier in Deutschland schon länger arbeitslos. Sie haben alle unterschiedliche Ausbildungsniveaus und zum Teil gar keine Ausbildung und sie sprechen unterschiedlich gut deutsch.

Lotte: Sie haben alle verstanden, dass wir hier keine weitere Beschäftigungsmaßnahme anbieten, sondern eine Perspektive auf langfristige Arbeit, die auch vergütet wird. Das funktioniert aber nur, wenn die Produkte so gut sind, dass jemand für sie Geld bezahlt. Und im Umkehrschluss ist die Arbeit unserer Mitarbeiterinnen jemandem Geld wert. Das ist eine tolle Erfahrung, die sie jetzt machen.

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Aus Ausschussware entstehen neue Produkte – in der aktuellen Kollektion hat Bridge and Tunnel Jeansreste verwendet.

Was ist die Herausforderung für euch?

Constanze: Wir müssen das Projekt unternehmerisch angehen. Unsere Mitarbeiterinnen müssen zum Beispiel im gleichen Tempo arbeiten, damit wir effizient produzieren können.

Lotte: Wir müssen im Team auch ein Unternehmensethos vermitteln: „Ihr seid so wichtig, wenn ihr nicht zur Arbeit kommt, funktioniert die Produktion nicht. Es ist wichtig, dass ihr euch rechtzeitig abmeldet, wenn ihr nicht kommt.“

Constanze: Wir stellen auch fest, dass die Fertigkeiten der Frauen unterschiedlich sind. Eine kann zum Beispiel sehr gut mit der Hand nähen. Wir möchten diese unterschiedlichen Talente und Fertigkeiten sinnvoll nutzen. Eine Mitarbeiterin zum Beispiel hat diesen Teppich hier geflochten. Für einen Teppich mit 1 Meter Durchmesser braucht man 40 Meter Flechtmaterial. Das hat eine Frau aus Ghana gemacht, die superschnell flechten kann, weil sie das beim Haareflechten gelernt hat.

Lotte: Das ist total super. Wir können dadurch, dass die Frauen direkt hier bei uns arbeiten und unterschiedliche Fertigkeiten haben, viele Ideen umsetzen. Und auch individuell auf Kundenwünsche reagieren.

Constanze: Wenn jemand den Teppich in einer anderen Größe sucht, können wir das umsetzen.

Die Geschichten hinter euren Produkten sind wirklich interessant.

Constanze: Ja, und die Herausforderung ist auch, diese Produkte richtig auf dem Markt zu platzieren. Weil alles hochwertig in Handarbeit entsteht, sind die Produkte nicht günstig. Und wir möchten auch gerne die Geschichten hinter den Produkten erzählen. Wir denken, dass die Produkte für viele Menschen interessant sind – wenn sie das Design anspricht, werden die Produkte durch ihre Geschichte noch interessanter.

Lotte: Das Design ist uns wichtig. Wir möchten uns von üblichen Upcycling- oder „Eine Welt Laden“-Produkten absetzen.

Ist euer Ziel auch, dass eure Produkte in Interior- und Modegeschäften verkauft werden?

Constanze: Ja, das wäre toll. Wir haben auch schon Anfragen von Upcycling Fashion Stores, in Berlin und Hamburg, die unsere Produkte aufnehmen wollen.

Lotte: Museums-Shops wären auch interessant für uns.

Wieso arbeitet ihr in Wilhelmsburg?

Constanze: Weil wir hier unsere Werkstatt haben und hier total gut vernetzt sind.

Lotte: Hier haben wir einen guten Zugang zu den Frauen, mit denen wir arbeiten. Wir kooperieren auch mit dem Job-Center.

 

Wilhelmsburg ist schon seit Jahren der ungeliebte Hinterhof der Stadt. Aber hier passiert so viel, hier gibt es so viele Menschen mit kreativen Ideen und Erfindergeist.

 

Constanze: Wilhelmsburg ist schon seit Jahren der ungeliebte Hinterhof der Stadt. Aber hier passiert so viel, hier gibt es so viele Menschen mit kreativen Ideen und Erfindergeist. Hier poppt immer wieder Gründergeist auf. Das vermisst man an anderen Orten der Stadt. Deshalb passt Wilhelmsburg gut für uns.

Woher kommt der Name Bridge & Tunnel?

Constanze: Das Label heißt Bridge & Tunnel, weil das einmal die Verkehrswege bezeichnet, über die man nach Wilhelmsburg kommt: Brücke und Tunnel. Gleichzeitig bedeutet es auch, dass wir Brücken bauen möchten, für die Frauen in den Arbeitsmarkt.

Lotte: In New York waren die Leute aus Brooklyn lange die „Bridge and Tunnel People“, die jeden Tag nach Manhattan rein fahren mussten. Irgendwann hat es sich umgekehrt und jetzt fahren alle aus Manhattan nach Brooklyn. Vielleicht passiert das hier mit Wilhelmsburg irgendwann auch mal so.

Constanze: Vielleicht merken die ganzen Hamburger, dass Wilhelmsburg gar nicht so weit weg ist.

Lotte: Wilhelmsburg ist halt eine Insel und eine Insellage ist immer etwas Besonderes. Ich hoffe, dass sich die besondere Energie von Wilhelmsburg noch länger hält.

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Kleine Taschen, Handtasche und Teppich aus der aktuellen Bridge and Tunnel Kollektion.

Was habt ihr für die Zukunft geplant?

Constanze: Wir kooperieren schon länger mit der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg. Wir würden gerne in Zukunft mit jungen Designern aus Hamburg zusammenarbeiten, sodass jede Kollektion von einem neuen Designer gestaltet wird.

Lotte: Sie würden die Möglichkeit bekommen, sich Materialien aus den Altkleidern auszusuchen, die sich für die Produktion von Kollektionen eignen und dürften sich kreativ austoben.

Constanze: Unser Motto ist „think big“.

 

Sehr gut! Vielen Dank für das Gespräch!

 

Hier findet ihr Constanze und Lotte:

Fotos: femtastics

 

 

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