Alltag als Mutter mit ADHS: "Die späte Diagnose war für mich total entlastend."
13. April 2026
geschrieben von Julia Allmann

Wie sieht der Alltag als Vierfach-Mama mit ADHS aus? Natalia Lamotte hat erst nach der Geburt ihres vierten Kindes erfahren, dass sie ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) hat. Dieses Wissen hat viel für sie und ihre Familie geändert – und einfacher gemacht. Als Doula begleitet sie Frauen* rund um die Geburt, und auch mit ihrem Buch "Chaos, Kinder und Konfetti" möchte sie andere Mütter bestärken, gut durch den Alltag mit ADHS und Kindern zu kommen.
Im Interview spricht Natalia darüber was es bedeutet, erst spät eine ADHS-Diagnose zu bekommen, welche Herausforderungen und Stärken diese mit sich bringt – und was sich gesellschaftlich ändern muss, damit neurodivergente Mütter besser unterstützt werden.
femtastics: Heute Morgen habe ich Müsli gemacht, Brotboxen, Turnbeutel und Matschhose eingepackt, während beide Kids ständig nach mir riefen. Da dachte ich an dich. Wie machst du das als Mutter mit ADHS?
Natalia Lamotte: Ich habe mir Strategien zugelegt, weiß aber, dass sie nur für einen bestimmten Zeitraum funktionieren. Dann nutzt sich der Effekt oft ab und ich muss die Herangehensweise ändern, das ist typisch für ADHS. Ich habe gelernt, mich flexibel an das anzupassen, was gerade funktioniert.
Bei einem klassischen Morgen vor Schule und Kita hilft vor allem die Routine. Wenn es viele Wiederholungen gibt und die einzelnen Wochentage immer gleich ablaufen, dann klappt es. Gibt es einen Feiertag mitten in der Woche, gerät alles durcheinander. Ich kann mich nie darauf verlassen, dass ich das am nächsten Tag noch weiß. Ich muss mir das aufschreiben und an den Badezimmerspiegel kleben. Früher habe ich mich dafür geschämt. Seit ich weiß, dass ich ADHS habe, kann ich das besser für mich akzeptieren.
"Wenn wir den Mythos der perfekten Mutter abbauen, hilft das allen – neurodivergenten Mamas ganz besonders."
Als du die ADHS-Diagnose bekamst, warst du bereits vierfache Mutter. Wie lief der Weg dorthin?
Es begann mit meinem persönlichen Leiden und der Suche nach einer Antwort. Ich litt darunter, dass mir Dinge nicht gelangen oder immer wieder passierten. Zum Beispiel habe ich immer wieder Fehler bei Ticketbuchungen gemacht und oft Züge oder Flüge verpasst, weil ich zu spät kam. Oder ich hatte die Reisepässe nicht dabei. Auch Einkaufen ist immer wieder eine Herausforderung: Ich hatte Phasen, da habe ich immer Tomatensoße gekauft, weil ich im Kopf hatte, dass sie letztens fehlte. Also stapelten sich am Ende sieben Dosen im Schrank.
Jetzt denken sicher viele: Ach, das ist mir auch schon passiert…
Der Unterschied ist: Mir passiert es nicht ab und zu, sondern sehr regelmäßig. Ich kann mir da selbst nicht vertrauen. Dieses Problem mit der Wahrnehmung zieht sich durch viele Bereiche, sogar bis hin zu körperlichen Bedürfnissen wie dem Hungergefühl. Ich bin entweder total satt oder so hungrig, dass es mir wehtut. Es gibt keine Mitte. Dann schaffe ich es teilweise nicht, mir ein Brot fertig zu machen, sondern beiße schon beim Schmieren rein.
Ein weiterer Punkt, der Menschen mit ADHS von denen unterscheidet, die manchmal verpeilt sind: Ich habe ganz stark das Gefühl, nicht aus Erfahrungen zu lernen, und da kommt wieder die Scham ins Spiel. Ich denke mir: Es kann doch nicht sein, dass ich schon wieder diesen einen Geburtstag vergessen oder zwei Verabredungen gleichzeitig ausgemacht habe. Oder ich frage mich abends: Ich weiß doch, dass es anstrengend ist, allein mit den Kindern ins Schwimmbad zu gehen, warum lege ich direkt danach noch einen Termin in den Kalender? Das sollte ich eigentlich wissen, aber ich fühle mich wie das Murmeltier, das immer wieder von vorn anfängt.
"Was wir gerade erleben, ist ein Aufholen an Diagnosen, die Menschen eigentlich schon vor zehn oder zwanzig Jahren hätten bekommen sollen."
Du schreibst im Buch, dass es viele Frauen* gibt, die eine ADHS- oder auch Autismus-Diagnose erst mit Beginn der Mutterschaft bekommen. Wie kommt das?
Es gibt Studien, die das überprüft haben. Bei Frauen* wird die Neurodivergenz oft erst spät entdeckt. Da sich die bekannten ADHS-Merkmale eher am Klischee des "Zappelphilipps" orientieren, bleibt der unauffälligere, unaufmerksame Typ oft unerkannt. Besonders Mädchen maskieren oder kompensieren diese Symptome häufig durch Anpassung und übermäßiges Organisieren. Das funktioniert oft jahrelang, bis das Leben komplexer wird und diese Strategien nicht mehr ausreichen.
Die Diagnose kommt bei Frauen* häufig erst nach den ersten Jahren Mutterschaft – wenn man das Gefühl hat, die Lage stabilisiert sich bei allen im Umfeld, nur bei mir selbst nicht. Oder sogar erst, wenn das Kind selbst in der Testung ist, weil vielleicht die Lehrkraft Auffälligkeiten erkannt hat. Dann liest man als Mutter all diese Fragen und denkt sich: Oh, das kenne ich selbst alles.
Was hat sich verändert, seit du weißt, dass du ADHS hast?
Die Diagnose war für mich total entlastend. Ich habe dadurch ganz viel Verständnis für mich selbst entwickelt, weil ich jetzt weiß, was in meinem Gehirn passiert. Nachdem ich jahrzehntelang versucht habe, gegen mich zu arbeiten und wirklich streng mit mir war, konnte ich plötzlich Mitgefühl für mich aufbringen.
Vor allem über Social Media bekommt man schnell das Gefühl, ADHS-Diagnosen und Neurodivergenz-Themen sind überall. Woran liegt das?
Das ist auch eine Sache der Wahrnehmung. Öffentlich sprechen vor allem Menschen aus kreativen Berufen darüber, zum Beispiel Journalist*innen oder Creator*innen. Sie sind sichtbar, laut und reichweitenstark. Die Zahlen erfasster Diagnosen bestätigen den Eindruck, es gibt überall lange Wartelisten. Wer eine ADHS-Diagnose hat, sollte ernst genommen werden – der Prozess dahinter ist lang und aufwändig. Was wir gerade erleben, ist ein Aufholen an Diagnosen, die Menschen eigentlich schon vor zehn oder zwanzig Jahren hätten bekommen sollen.
"Es ist befreiend zu wissen: Es liegt nicht an mir, es ist einfach mein Gehirn, das so arbeitet."
Was spricht dafür, diesen aufwändigen Weg bis zur Diagnose zu gehen?
Ja, es ist anstrengend. Ich frage mich manchmal, ob die stundenlange Terminsuche per Telefon und der seitenlange Fragebogen schon Teil der Testung sind – ob sie sehen wollen, ob ich das überhaupt bis zum Ende durchhalte. Das klingt jetzt lustig, aber kostet viele Betroffene viel Kraft und mehrere Anläufe.
Eine Diagnose kann eine totale Entlastung sein. Besonders wenn man spät diagnostiziert wird und jahrzehntelang versucht hat, zu maskieren und sich anzupassen. Wenn man immer wieder gehört hat: "Du bist zu laut, du bist unzuverlässig, reiß dich mal zusammen." Dann ist es befreiend zu wissen: Es liegt nicht an mir, es ist einfach mein Gehirn, das so arbeitet. Außerdem öffnet sie den Weg zu Medikamenten und Therapie, also zu wichtigen Tools für den Alltag.
Welche Vorteile hat eine ADHS-Diagnose?
Ohne die Diagnose würde ich mich immer noch abrackern, besser organisiert zu sein. Und dabei übersehen, wie viel ich eigentlich leiste. Von außen habe ich gewirkt, als wäre ich eine super funktionierende Frau. Als ich einer Psychologin von meiner Rastlosigkeit und rasenden Gedanken erzählte, meinte sie: Das könne nicht sein, ich hätte schließlich einen Hochschulabschluss und Kinder, die jeden Tag versorgt ankommen. Ein Vorurteil, das viele Frauen* kennen.
Es ist ein Teufelskreis: Je besser sie ihre Schwierigkeiten verbergen, desto weniger wird ihr Leiden ernst genommen. Bis sie erschöpft zusammenbrechen oder Fehler machen, und als "faul" oder "unzuverlässig" gelten. Weil niemand den immensen Kraftaufwand sieht, den das Maskieren kostet. Als würden sie es nicht wollen statt nicht können. Die ADHS-Diagnose hilft hier extrem und ist die Bestätigung: Es war kein persönliches Versagen, alle Gefühle sind berechtigt. Und sie schafft im besten Fall Verständnis, bei einem selbst und im gesamten Umfeld.
Welchen gesellschaftlichen Umgang mit ADHS und anderen Formen der Neurodivergenz wünschst du dir, besonders für Mütter?
An Mütter werden exorbitant hohe Erwartungen gestellt, an Väter ein Minimum. Auch ohne ADHS wird die Lupe auf dich gerichtet und du kannst als Mutter auf so vielen Wegen versagen. Wenn das auf Menschen trifft, die ohnehin das Gefühl haben, sie müssten immer noch mehr geben, noch mehr tun, sich noch besser organisieren – dann wird es richtig hart.
Wenn wir den Mythos der perfekten Mutter abbauen, hilft das allen – neurodivergenten Müttern ganz besonders. Dann könnten wir auch die Stärken von ADHS mehr sehen: die Kreativität, das Empathische, das Kindliche. Ich kann mich so gut in meine Kinder hineinversetzen und mache mit ihnen total gerne Dinge, als wäre ich selbst noch ein Kind. ADHS bringt nicht nur Herausforderungen – es gibt auch vieles, von dem man selbst und das Umfeld profitiert.
"Selbstbeobachtung ist wichtig: Wann wird es besonders schwierig für mich, was verursacht Stress?"
Wie wirkt sich ADHS auf die Beziehung aus, wenn man Kinder bekommt?
Für uns war das eine große Herausforderung. Bevor die Kinder kamen, habe ich zwar einiges maskiert, aber ich konnte immer gut auf mich schauen und mich regulieren. Als diese Möglichkeit wegfiel und die ständige Reizüberflutung dazu kam, wurde mein Nervenkostüm extrem dünn. Das war auch für die Beziehung schwierig. Wenn man früher eine entspannte, chillige Partnerin hatte und plötzlich mit einer Person zusammen ist, die sich viel beschwert, die schnell überstimuliert ist und die es nicht schafft, auf ihre Bedürfnisse zu achten: Dann wird es schwierig.
Die Diagnose hat nicht nur mir geholfen, sondern auch meinem Mann. Er weiß jetzt, dass es mir nicht gleichgültig ist, wenn ich etwas vergesse. Sondern wie mein Gehirn funktioniert und dass es manchmal schwierig für mich ist, an alles zu denken.
Was hilft dir, um gut durch den Alltag als Mutter mit ADHS zu kommen?
Selbstbeobachtung ist wichtig: Wann wird es besonders schwierig für mich, was verursacht Stress? Es gibt Phasen mit normalem Stress und Phasen, die Ausnahmezustand bedeuten, zum Beispiel wenn ein Kind eingeschult wird. Dann passiert mir an einem Tag so viel wie sonst in drei Wochen. Wenn ich weiß, welche Anlässe mich besonders herausfordern, kann ich gegensteuern
Konkret hilft mir etwa zu verstehen, warum ich gegen 17 Uhr anfange herumzuschreien – und was vorher passiert ist. Oder dass ich schon am Limit bin, wenn ich mein Kind aus der Kita hole und vorher nicht gegessen habe, auf die Toilette muss oder direkt im Anschluss einen Termin habe. Mein Kind ist dann oft emotional dysreguliert und braucht Co-Regulation von mir, das kostet mich enorm viel Kraft. Wenn es früher in dieser Situation schlecht lief, habe ich mich mies und schuldig gefühlt. Heute frage ich stattdessen: Was hätte mir geholfen, was hätte ich gebraucht? Das hilft mir, mich selbst besser zu unterstützen, auch wenn es beim nächsten Mal nicht sofort klappt.
In ihrem Buch "Chaos, Kinder und Konfetti: Was neurodivergente Mütter entlastet, stärkt und ihnen neues Selbstbewusstsein schenkt" verknüpft Natalia ihr Fachwissen als Doula mit persönlichen Erfahrungen.
Hier findet ihr Natalia:
Foto: Katarina Fedora, Collage: "Canva"