Autismus im Beruf: „Viele Autist*innen scheitern nicht an ihrer Kompetenz – sondern an den Rahmenbedingungen!“
01. April 2026
geschrieben von Fiona Torke

Viele übliche Strukturen in der Berufswelt stellen autistische Menschen vor Herausforderungen und verhindern, dass sie ihre Potentiale entfalten und ihre Kompetenzen richtig einbringen können – fachlich, analytisch sowie menschlich. Von Bewerbungsgesprächen bis zur Arbeitsumgebung werden die Bedürfnisse autistischer Menschen nicht ausreichend berücksichtigt. Svenja Diederichs ist Autistin, hat ADHS, und unterstützt als Autismusberaterin und Autismuscoach Familien sowie Unternehmen dabei, autistische und andere neurodivergente Menschen besser zu verstehen und passende Rahmenbedingungen zu schaffen. Wir sprechen mit ihr darüber, welche Schwierigkeiten viele Autist*innen im Berufsalltag erleben und was Unternehmen konkret tun können, um autistische Mitarbeitende besser zu unterstützen.
Hinweis: Autismus, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) und Neurodivergenz zeigen sich bei jeder Person unterschiedlich. Die folgenden Aussagen spiegeln die persönlichen Erfahrungen von Svenja Diederichs wider und erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Neurodivergenz kann für viele Menschen mit verschiedenen Herausforderungen verbunden sein – dieser Beitrag soll eine individuelle Perspektive sichtbar machen.
"Ich bin ehrlich, anfangs war ich über die Diagnose etwas empört, da ich selbst noch sehr stereotype Vorstellungen davon hatte, wie Autismus aussieht."
femtastics: Du wurdest erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Wie kam es dazu?
Svenja Diederichs: Ich wurde mit Mitte 30 diagnostiziert. Als Kind und Jugendliche habe ich immer wieder gespürt, dass ich irgendwie anders bin. Das wurde mir auch von außen gespiegelt, besonders in der Schulzeit wurde ich viel gemobbt.
Gleichzeitig gab es lange keine passende Erklärung. Es wurden immer wieder psychische Diagnosen vermutet, aber nichts hat so wirklich zu mir gepasst. Ich habe irgendwann selbst angefangen zu recherchieren und mich durch verschiedenste Diagnosen gelesen. Von Persönlichkeitsstörungen über andere psychische Erkrankungen. Vieles passte teilweise, aber ich habe mich nie vollständig wiederfinden können.
Irgendwann habe ich gemerkt, dass manche Dinge bei mir eher auf etwas Neurobiologisches hindeuten. So kam ich zunächst auf ADHS. Bei einem Arzt kam dann zum ersten Mal die Vermutung auf, dass ich autistisch sein könnte. Ich bin ehrlich, anfangs war ich darüber etwas empört, da ich selbst noch sehr stereotype Vorstellungen davon hatte, wie Autismus aussieht. Erst als ich mich intensiver damit beschäftigt habe, wurde mir klar, wie vielfältig das Spektrum ist. Plötzlich ergab vieles in meinem Leben Sinn.
Wie war es für dich, die Diagnose schließlich zu bekommen?
Zu dem Zeitpunkt, als ich die Diagnose bekam, war ich innerlich schon relativ sicher. Deshalb war die Bestätigung zunächst eher erleichternd. Ein Moment hat mich trotzdem sehr erschreckt: In einem Diagnosebericht stand der Begriff "tiefgreifende Entwicklungsstörung". Das klingt erstmal sehr dramatisch. Aber im Grunde bedeutet es einfach, dass Autismus viele Lebensbereiche betrifft und beeinflusst.
Ich spreche von mir als Autistin, nicht als Person mit Autismus, denn Autismus ist nichts, was man zusätzlich "hat". Autismus prägt meine Wahrnehmung, meine Kommunikation, meine Art zu denken. Und genau deshalb war es für mich früher auch so schmerzhaft, wenn mir gesagt wurde, ich müsse mich einfach ändern. Denn mein Anderssein ist kein Charakterzug, sondern ein entscheidender Teil meiner Persönlichkeit.
"Die Schwierigkeiten beginnen oft schon im Bewerbungsprozess. Viele klassische Auswahlkriterien funktionieren bei autistischen Bewerbenden schlicht nicht zuverlässig."
Du berätst heute Unternehmen im Umgang mit Neurodivergenz und speziell Autismus. Welche Herausforderungen erleben Autist*innen im Arbeitsleben besonders häufig?
Die Schwierigkeiten beginnen oft schon im Bewerbungsprozess. Viele klassische Auswahlkriterien funktionieren bei autistischen Bewerbenden schlicht nicht zuverlässig. Körpersprache, Blickkontakt oder "Bauchgefühl" werden häufig stark bewertet, dabei sagen diese Signale bei Autist*innen wenig über Motivation oder Kompetenz aus. Lebensläufe können anders aussehen. Schulabbrüche, längere Umwege oder Lücken entstehen oft durch schwierige Schulbedingungen oder fehlende Unterstützung, nicht etwa durch mangelnde Fähigkeiten.
Dazu kommt die soziale Dynamik im Bewerbungsgespräch. Vieles, was für nicht-autistische Menschen intuitiv läuft – so etwas wie Mimik deuten, Tonfall interpretieren, die "richtige" Menge Blickkontakt – ist für Autist*innen mit großer Anstrengung verbunden. Wenn man gleichzeitig versucht, all diese sozialen Signale zu steuern und inhaltlich überzeugend zu antworten, kann das belastend und herausfordernd sein.
Viele Autist*innen sprechen ihre Diagnose im Job nicht offen an. Warum?
Ein wichtiger Grund sind die vielen falschen Vorstellungen und Vorurteile über Autismus. Manche Arbeitgeber verbinden Autismus automatisch mit geistiger Einschränkung. Andere haben extreme Bilder im Kopf, etwa dass Autist*innen empathielos oder sogar gefährlich seien. Solche Vorurteile sind natürlich völlig verzerrt, haben aber reale Auswirkungen auf Bewerbungschancen. Ironischerweise kommt es sogar vor, dass Menschen jahrelang erfolgreich in einer Firma arbeiten und erst dann als „nicht mehr diensttauglich“ gelten, wenn sie ihre Diagnose offenlegen und um kleine Anpassungen bitten, wie beispielsweise eine Reduzierung der Arbeitszeit. Dabei waren sie natürlich schon immer autistisch und haben ihre Arbeit trotzdem gut gemacht.
"Ironischerweise kommt es sogar vor, dass Menschen jahrelang erfolgreich in einer Firma arbeiten und erst dann als „nicht mehr diensttauglich“ gelten, wenn sie ihre Diagnose offenlegen."
Ein Begriff, der im Zusammenhang mit Autismus oft fällt, ist „Masking“. Was bedeutet das?
Masking beschreibt Kompensationsstrategien, mit denen Autist*innen versuchen, nach außen möglichst angepasst zu wirken. Das kann zum Beispiel heißen, bewusst Blickkontakt zu halten, obwohl er unangenehm ist. Oder ständig daran zu denken, wie die eigene Mimik wirkt. Oder in einer lauten Umgebung so zu tun, als würde einen das gar nicht stören. Nach außen wirkt die Person dann vielleicht angepasst, aber innerlich kostet das enorm viel Energie. Auf Dauer kann das zu einer massiven Überlastung bis hin zum Burnout führen.
Ein autistischer Burnout ist ein Zustand extremer Erschöpfung, der oft durch jahrelange Überforderung und Masking entsteht. Die Belastbarkeit sinkt dann drastisch. Betroffene sind extrem erschöpft, ziehen sich stark zurück und schaffen manchmal selbst einfache Alltagsaufgaben kaum noch. Manche können über längere Zeit gar nicht mehr arbeiten.
Deshalb ist es so wichtig, dass Arbeitsbedingungen frühzeitig angepasst werden. Prävention ist hier entscheidend.
Was können Unternehmen konkret tun, um autistische Mitarbeitende besser zu unterstützen?
Ein zentraler Punkt ist Klarheit in der Kommunikation. Autist*innen orientieren sich stärker an dem, was tatsächlich gesagt wird – nicht an Andeutungen oder unausgesprochenen Erwartungen. Das heißt: klare Arbeitsaufträge, eindeutige Rückmeldungen und möglichst wenig indirekte Kommunikation.
Auch die Arbeitsumgebung spielt eine große Rolle. Viele Autist*innen arbeiten deutlich besser, wenn sie weniger sensorische Reize haben. Dies gelingt etwa durch ruhigere Arbeitsplätze, Einzelbüros oder flexible Arbeitszeiten.
Wichtig ist außerdem, Leistung nicht an sozialen Erwartungen zu messen. Nur weil jemand nicht gerne Smalltalk macht, nicht auf die Betriebsfeier geht oder in der Mittagspause lieber allein isst, heißt das nicht, dass er oder sie nicht teamfähig ist.
Was sind die Stärken autistischer Menschen im Arbeitskontext?
Viele autistische Menschen bringen Fähigkeiten mit, die für Unternehmen sehr wertvoll sein können. Dazu gehören zum Beispiel eine hohe Detailgenauigkeit, starkes analytisches Denken und die Fähigkeit, komplexe Muster oder Fehler schnell zu erkennen. Wenn ein Thema wirklich interessiert, entsteht oft eine enorme fachliche Tiefe. Autistische Mitarbeitende können sich sehr intensiv in komplexe Themen einarbeiten und entwickeln dadurch eine besondere Expertise. Viele arbeiten außerdem sehr strukturiert, zuverlässig und mit einem starken Verantwortungsgefühl. Loyalität hat für Autist*innen einen besonders hohen Stellenwert, was in Zeiten der Fluktuation ein enormer Vorteil für Unternehmen sein kann. Und weil sie weniger von sozialen Erwartungen geleitet werden, bringen sie oft neue Perspektiven und ungewöhnliche Lösungsansätze ein.
"Wenn Unternehmen bereit sind, Arbeitsbedingungen sinnvoll anzupassen, können autistische Mitarbeitende eine enorme Bereicherung sein."
Gerade Frauen* werden häufig spät diagnostiziert. Warum ist das so?
Die Diagnosekriterien wurden ursprünglich vor allem anhand männlicher Beispiele entwickelt. Viele autistische Frauen* passen deshalb nicht in dieses klassische Bild. Außerdem sind Frauen* häufig stärker daraufhin sozialisiert, sich anzupassen und ihre Bedürfnisse zurückzustellen. Dadurch maskieren sie ihre Schwierigkeiten oft stärker. Das kann dazu führen, dass sie erst sehr spät erkannt werden – manchmal sogar erst, nachdem sie bereits einen autistischen Burnout erlebt haben.
Wenn du Unternehmen einen zentralen Rat zum Thema Neurodiversität geben könntest – welcher wäre das?
Ich würde empfehlen, den Blick auf Bewerbungsprozesse und Arbeitsstrukturen etwas zu verändern. Ungewöhnliche Lebensläufe oder ein ungewöhnlicher erster Eindruck müssen nichts über Kompetenz aussagen. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen und Potenziale wirklich zu entdecken. Wenn Unternehmen bereit sind, Arbeitsbedingungen sinnvoll anzupassen, können autistische Mitarbeitende eine enorme Bereicherung sein – fachlich, analytisch und oft auch menschlich. Neurodiversität ist kein Problem, das man managen muss. Sie kann eine echte Stärke für Teams und Organisationen sein.
Hier erfahrt ihr mehr über Svenja Diederichs Arbeit:
Svenja Diederichs arbeitet freiberuflich als Autismusberaterin und Autismuscoach. Sie unterstützt Familien sowie Unternehmen dabei, autistische und andere neurodivergente Menschen besser zu verstehen und passende Rahmenbedingungen zu schaffen. Svenja berät unter anderem Unternehmen zum barrierefreien Arbeiten mit neurodivergenten Mitarbeitenden, damit Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Zusammenarbeit langfristig funktionieren. Das umfasst zum Beispiel Seminare zu Neurodivergenz im Arbeitsalltag, Unterstützung im Bewerbungsprozess und Onboarding sowie längerfristige Begleitungen mit Coaching, Klärungsgesprächen oder Mediation.
Foto: KOPTON photography Hamburg-Bergedorf