Zwischen Klischee und Karriere: Warum wir dringend mehr über ostdeutsche Frauen* sprechen müssen
05. März 2026
geschrieben von Juliane Baxmann

Arbeiten konnten sie immer, sichtbar sind sie bis heute nicht
Sie regeln Karriere, Familie und jede Krise: Bis heute hält sich dieses Bild ostdeutscher Frauen*. Wer in die obersten Führungsetagen Deutschlands blickt, sucht sie jedoch fast vergeblich. Nur 12,1 Prozent der Top-Jobs sind von Ostdeutschen besetzt, gerade mal drei bis vier Prozent davon entfallen auf Frauen*. Dabei bringen sie mit, was in Zeiten ständiger Veränderungen besonders wertvoll ist, findet Berit Großwendt: Erfahrung mit gesellschaftlichem Wandel, Resilienz und die Fähigkeit, sich in neuen Situationen zurechtzufinden.
Warum werden ihre Biografien trotzdem so oft übersehen? Darüber hat unsere Autorin mit der Unternehmerin und Macherin des Podcasts "Calling East" gesprochen. Im Interview erklärt Berit Großwendt, wieso ostdeutsche Frauen* auf ihrem Karriere-Weg immer wieder gegen eine unsichtbare Wand aus westdeutsch geprägten Netzwerken und alten Klischees stoßen. Und warum wir das dringend ändern müssen.
"Wenn große Magazine die 100 einflussreichsten 'Karrierefrauen*' küren, ist oft nicht eine Frau* aus dem Osten dabei. Das kann nicht sein."Berit Großwendt
Ich bin in einem 300-Seelen-Dorf in der Nähe von Magdeburg aufgewachsen. Meine Eltern kamen aus Niedersachsen, wir waren die "Wessis". Während meine Freund*innen an der Ostsee oder in Polen Urlaub machten, fuhren wir nach Österreich oder Schweden. In der Schule hatten wir jahrelang DDR-Geschichte, während meine späteren Kommiliton*innen in Kiel das Thema kaum streiften. Ich habe mich oft anders gefühlt, so als würde ich zwischen den Welten stehen.
Dieses Gefühl des "Andersseins" kennt auch Berit Großwendt. Die gebürtige Jenaerin hat Germanistik und Geschichte studiert, die Deutsche Journalistenschule (DJS) absolviert und Karriere in Mode-Redaktionen von München bis New York gemacht. Heute ist sie eine sogenannte "Rückkehrerin" und lebt wieder in ihrer Heimatstadt in Thüringen. In ihrem Podcast "Calling East" gibt sie Frauen* aus dem Osten eine Bühne und interviewt sie über ihre bisher weniger bekannten Erfahrungen und Erfolge.
Ich habe mit ihr darüber gesprochen, warum ostdeutsche Biografien eine Superkraft sind und wieso wir dringend neue Vorbilder brauchen.
"Die Bonus-Erfahrung der Wende hat mir geholfen, Resilienz aufzubauen und eine intrinsische Motivation, es schaffen zu wollen."
Femtastics: Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass deine ostdeutsche Prägung deine Karriere beeinflusst?
Berit Großwendt: Eigentlich hat es immer eine Rolle gespielt. Ich gehöre einer Generation von Frauen* an, die Ende der 90er, Anfang der 2000er in einem zweiten Schwung den Osten verlassen haben, um im Westen Karriere zu machen. Als ich nach New York und später nach München an die Journalistenschule kam, brachte ich – anders als viele Kolleg*innen – nichts mit, was im Sinne eines "Karriere-Mindsets" einherging.
Karriere hängt oft davon ab, ob man Beziehungen hat, ein funktionierendes Netzwerk oder ein vermögendes Elternhaus und eine entsprechende Ausbildung. Das alles hatten Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, nicht. Was ich aber hatte, war diese "Bonus-Erfahrung" der Wende. Sie hat mir geholfen, Resilienz aufzubauen und eine intrinsische Motivation, es schaffen zu wollen. Ich wusste: Ich kann mich in jeder Situation auf mich selbst verlassen, weil ich schon mal so einen radikalen Wandel miterlebt habe und bei null anfangen musste.
Du bist als Mode-Journalistin in eine Welt des Luxus' und Konsums eingetaucht. Wie hast du diesen Kontrast zwischen Ost und West erlebt?
Das war für mich alles komplett neu, ich bin wie in eine Traumwelt gekommen. Ich wollte bewusst eine Welt erleben, die so weit wie möglich weg war von meinem bisherigen Erfahrungshorizont und der Provinz. Aber ich war oft die erste und einzige Ostdeutsche in den Teams und Verlagen, und hatte mit Ressentiments gegenüber Ostdeutschen zu kämpfen. Aus westlicher Sicht wurde sich wenig Mühe gegeben, ein wirkliches Interesse an Biografien aus dem Osten zu entwickeln.
"Dieses ,Ich brauche einen vermögenden Mann* an meiner Seite' kennen Ost-Frauen* nicht, weil sie wissen, dass sie es allein schaffen."
Laut Elitenreport der Uni Leipzig sind nur 12,1 Prozent der Führungspositionen mit Ostdeutschen besetzt, gerade einmal 5,1 Prozent davon entfallen auf Frauen*. Warum sind ostdeutsche Frauen* in Spitzenpositionen so unterrepräsentiert?
Diese Zahl macht einfach nachdenklich. Es ist so schwer, in Führungspositionen reinzukommen, weil die Netzwerke nicht da sind und Ostdeutsche nicht paritätisch mitbedacht werden. Es gibt dieses "Thomas-Prinzip": Männer* befördern immer wieder denselben Typus Mann*, in dem sie sich selbst spiegeln. Und so geht es umgekehrt auch mit Ostdeutschen: Sie werden nicht bedacht, wenn es um Karrieren geht.
Gleichzeitig sind erfolgreiche Ost-Frauen* in den Medien selten sichtbar. Wenn große Magazine die 100 einflussreichsten "Karrierefrauen*" küren, ist oft nicht eine Frau* aus dem Osten dabei. Das kann nicht sein. Andererseits brauchen wir mehr Selbstbewusstsein und müssen unsere Lebensleistungen auch nach draußen transportieren und sichtbarer werden. Wir haben viele Role Models, die inspirieren, Mut machen und Vorbild sind: Gründer*innen, Unternehmer*innen, Geschäftsführer*innen, Frauen* in Entscheidungspositionen. Mein Engagement besteht darin, diesen Ostfrauen* eine Bühne zu geben.
Was unterscheidet das Selbstverständnis von Frauen* aus dem Osten von dem im Westen im Bezug auf Karriere und Familie?
Bei uns ist das Selbstverständnis, dass Karriere und Familie vereinbar sind, fest verankert. In der DDR war Erwerbstätigkeit staatlich angeordnet. Das darf man nicht glorifizieren, denn Frauen* haben viele Opfer gebracht und ihre Kinder oft in Krippen oder sogar Wochenkrippen gegeben. Aber daraus ist entstanden, dass Ost-Frauen* heute finanziell weniger abhängig von ihren Männern* und mehr vollzeitbeschäftigt sind. Dieses "Ich brauche einen vermögenden Mann* an meiner Seite" kennen Ost-Frauen* nicht, weil sie wissen, dass sie es allein schaffen.
Ich habe mich französischen oder skandinavischen Kolleg*innen oft näher gefühlt als westdeutschen, weil die ihre Kinder auch sofort in die Krippe gegeben haben. Als ich in München war und meine Kinder bekam, gab es keine optimalen Betreuungssituationen. Das war einer der Gründe, warum ich zurück in den Osten gegangen bin – hier hatte ich das soziale Netzwerk und die Betreuung, um mich selbstständig zu machen und als Unternehmerin eine erfolgreiche Agentur aufzubauen.
"Man kann von uns Resilienz und Wandelerfahrung lernen. Gerade wenn heute Gewissheiten und Normen wegbrechen, haben wir diese disruptive Erfahrung schon einmal gemacht."
Was können wir als Gesellschaft heute von ostdeutschen Biografien lernen?
Man kann von uns Resilienz und Wandelerfahrung lernen. Gerade wenn heute Gewissheiten und Normen wegbrechen, haben wir diese disruptive Erfahrung schon einmal gemacht. Wenn man eine Kommission bildet, um Dinge voranzutreiben, dann nehmt bitte Ostdeutsche rein – wir wissen, wie es geht.
Ich wünsche mir ein ehrliches Interesse und dass man mit uns spricht, statt nur über uns. Wir müssen diese Mauern im Kopf einreißen. Die Tür schwingt nach beiden Seiten: Wir müssen uns die Bühnen selbst erobern und sagen: "Ich gehöre hier selbstverständlich hin". Aber es braucht auch den medialen Willen, Geschichten abseits der üblichen Protagonist*innen zu erzählen. Wir brauchen positive Narrative über Vorbilder, die Strahlkraft haben.
Hier findet ihr Berit Großwendt:
Foto: Heidi Gumpert, Collage: "Canva"