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Business

New Work-Kritik: Warum modernes Arbeiten für Frauen* unfair bleibt

18. Februar 2026

geschrieben von Gastautor*in

New-Work-Kritik

Mehr Sinn, mehr Freiheit, mehr Selbstwirksamkeit? Kaum ein Arbeitsmodell verspricht so viel Fortschritt wie New Work. Doch ausgerechnet Frauen* profitieren davon kaum - sagt Zukunftsforscherin Friederike Müller-Friemauth. Sie wirft in ihrer New Work-Kritik einen persönlichen Blick hinter das Empowerment-Narrativ und klärt über gängige Mythen auf. Spoiler: Das Problem ist nicht, dass Frauen* sich falsch verhalten, sondern dass moderne Arbeit alte Macht erhält.

"New Work nutzt Frauen* deswegen nicht, weil es ein Leistungssystem stabilisiert, das ihre bevorzugten Arbeitsweisen ausnutzt, aber nicht honoriert."

Über moderne Arbeit, stille Sackgassen und die Frage, wer eigentlich von New Work profitiert

Direkt nach meiner Promotion habe ich in einem Thinktank gearbeitet, der seiner Zeit weit voraus war. "Corporate Foresight" bei "Daimler", damals in Berlin, bewusst weit weg von der Zentrale. Flache Strukturen, viel Autonomie, interdisziplinäre Teams, kaum Hierarchie. Das, was heute unter New Work verkauft wird, war dort Alltag, lange bevor es zum Buzzword wurde.

Und trotzdem habe ich dort etwas erlebt, das mir bis heute im Kopf geblieben ist. Kolleg*innen kamen weinend aus Beurteilungsgesprächen. Nicht, weil sie schlecht gearbeitet hätten, sondern weil sie nach klassischen Leistungsrastern bewertet wurden, die mit der tatsächlichen Arbeit in einem Thinktank schlicht nichts zu tun hatten. Beurteilt wurde Output, Vergleichbarkeit, individuelle Abgrenzung (von Personaler*innen, die aus Stuttgart anreisten), und nicht das, was diese Arbeit überhaupt erst möglich machte: gemeinsames Denken, Ideen verstärken, kollektiv klüger werden.

"Wer mit Sinn arbeitet, dem*der kann man mehr abverlangen. Gerade Frauen* landen so schnell in Rollen mit hoher Belastung und geringer Verhandlungsmacht."

Die Frauen* waren sichtbar, engagiert, erfolgreich im Team, und bekamen gleichzeitig Rückmeldungen, die sie festtackerten. Das Paradox wurde nicht aufgelöst. Einige gingen, andere blieben und fragten sich, warum sie trotz "moderner" Arbeitskonzepte nicht vorankamen. Heute würde man sagen: New Work. Und genau hier liegt das Problem.

New Work verschiebt Machtfragen, löst sie aber nicht

New Work verspricht Autonomie, Sinn und Selbstwirksamkeit. Was es in der Praxis oft liefert, ist etwas anderes: Verantwortung ohne echte Macht. Die Hierarchie bleibt entscheidungsfähig, die ganze Komplexität landet unten. Und genau davon profitieren Frauen* strukturell nicht.

Ein paar der gängigen Versprechen und was tatsächlich dahintersteckt:

„Flache Organisationen sind gerechter.“

Klingt super. In der Realität sind sie oft vor allem schlechter erklärbar. Macht verschwindet ja nicht, sie wird nur informeller. Wer entscheidet über Ressourcen, Entwicklung, Sichtbarkeit? Genau diese Unklarheit trifft Frauen* besonders. Nicht, weil sie weniger leisten, sondern weil horizontale Leistung in klassischen Bewertungssystemen schlicht nicht vorgesehen ist.

"Statt das Machtproblem zu benennen, heißt es: Du bist empowered. Als würde ein gutes Gefühl fehlende Entscheidungshoheit ersetzen."

„Purpose motiviert.“

Die ehrliche Übersetzung lautet: Sinn begründet Zumutbarkeit. Wer mit Sinn arbeitet, dem*der kann man mehr abverlangen, zeitlich, emotional, mental. Gerade Frauen* landen so schnell in Rollen mit hoher Belastung und geringer Verhandlungsmacht. Sinn ersetzt keine strukturelle Absicherung und zahlt auf keine Karriere ein.

„Mehr Autonomie heißt mehr Freiheit.“

Autonomie ohne klare Grenzen ist keine Freiheit, sondern eine elegante Form von Überforderung. Verantwortung wird delegiert, Entscheidungsmacht bleibt diffus. Was darf ich entscheiden und was nicht? Wenn das bewusst vage bleibt, entsteht ein System, in dem Zumutungen kaum noch verhandelbar sind.

Und jetzt kommt das eigentlich Absurde: Genau diese Konstellationen werden als Female Empowerment verkauft.

Menschen – vor allem Frauen* – landen in Strukturen mit viel Verantwortung, wenig Macht und hohem moralischem Anspruch. Statt das Machtproblem zu benennen, heißt es: "Du bist empowered." Als wäre das ein Ausgleich. Als würde ein gutes Gefühl fehlende Entscheidungshoheit ersetzen. Empowerment ist hier keine Befreiung, sondern Sedierung. Vertikaler Machterhalt, verpackt in ein teamorientiertes Narrativ. Willkommen in der New Work-Sackgasse.

"New Work ist dafür das perfekte Narrativ: modern, gut klingend, scheinbar progressiv und extrem entlastend für bestehende Machtverhältnisse."

Das System versteht sehr genau, was hier passiert, es will es nur nicht transparent machen. New Work ist dafür das perfekte Narrativ: modern, gut klingend, scheinbar progressiv und extrem entlastend für bestehende Machtverhältnisse.

Warum das kein persönliches Problem ist

Die Debatte wird trotzdem gern individualisiert. Frauen* müssten sichtbarer sein, selbstbewusster auftreten, sich besser verkaufen, noch eine Weiterbildung machen, noch ein Tool lernen. Für das System ist das ein Premium-Narrativ, weil es am Kern vorbeiläuft: Es verschiebt die Verantwortung zurück auf die Einzelne und verdeckt die strukturelle Barriere, auf die viele moderne Karrieren zulaufen.

New Work nutzt Frauen* deswegen nicht, weil es ein Leistungssystem stabilisiert, das ihre bevorzugten Arbeitsweisen ausnutzt, aber nicht honoriert. Und weil es so tut, als wäre Macht bloß eine Frage der Haltung.

Die entscheidende Frage ist nicht: Was fehlt mir noch? Sondern: In welchem System arbeite ich eigentlich – und wem nützt es? Vielleicht lohnt es sich, genau dort schärfer hinzusehen.

Text: Friederike Müller-Friemauth
Collage: "Canva"