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Feminismus

Sarah Diehl kämpft um das Recht auf Abtreibung und Kinderlosigkeit

13. August 2017

geschrieben von Anna Weilberg

fotografiert von Sophia Lukasch

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Das Recht auf Abtreibung sollte jede Frau* haben, findet Sarah Diehl und kämpft dafür, einen sicheren Schwangerschaftsabbruch zu ermöglichen.

Sarah Diehl ist Autorin und Aktivistin in Berlin. Ihre Themen: das weibliche Recht, selbst zu entscheiden, ob man Kinder möchte oder nicht – auch im Falle einer ungewollten Schwangerschaft – und unser Umgang mit freiwillig kinderlosen Frauen. Sarah Diehl hat das Buch „Die Uhr, die nicht tickt: Kinderlos glücklich“ geschrieben und setzt sich mit der Organisation Ciocia Basia dafür ein, Frauen aus Polen, wo Abtreibung strafbar ist, einen sicheren Schwangerschaftsabbruch in Deutschland zu ermöglichen. Wir treffen die 39-Jährige in ihrer Berliner Wohnung zum Gespräch über die Grenzen des Feminismus, den weiblichen Körper, die Angst vor der Kleinfamilie und neue Formen der Elternschaft.

 

femtastics: Du hast Museologie, Afrikawissenschaften und Gender Studies studiert. Hattest du vor dem Studium einen Berufswunsch?

Sarah Diehl: Schriftstellerin oder Autorin! Ich wollte Geschichten aus der Welt einsaugen, mit ihnen etwas machen und sie zurückgeben – in welcher Form auch immer. Das wollte ich schon in der Pubertät beruflich machen. Heute schreibe ich Romane, Sachbücher und habe einen Dokumentarfilm gedreht. Und ich hatte immer das Gefühl, dass die Themen mir sagen, mit welchem Medium sie behandelt werden wollen.

Du wolltest aber nicht Journalistin werden, sondern Autorin?

Ich glaube, dass man nicht jede Erfahrungswelt journalistisch abbilden kann. Manchmal braucht man Fiktion. … Bald kommt mein zweiter Roman heraus!

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Sarah wohnt in einer Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg.

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Und wie kamst du darauf, Museologie zu studieren?

Das hat sich ergeben, weil ich nur Fachabitur hatte und Museumswissenschaften einer der wenigen Studiengänge war, zu denen ich zugelassen werden konnte. Es war dann aber sehr interessant. Ich fand immer die Arbeit in den Archiven, in den Kellern, total spannend. Meine heutige Arbeit ist gar nicht so anders: Ich stochere jetzt in Geschichten herum, gucke mir Dinge genau an und präsentiere sie am Ende. Mich interessieren die Untiefen – und deshalb finde ich vielleicht auch das Thema Abtreibung so interessant.

Das Thema Abtreibung ist so negativ belastet, dass es Frauen sehr schwer gemacht wird, ihre eigenen Einstellung und ihren eigenen Weg zum Thema Abtreibung zu definieren, der nicht von Scham und Schuldgefühlen bestimmt ist,

Wie wurden die Themen rund um Frauen, den weiblichen Körper und Abtreibung für dich so relevant?

Die erste Anthologie, die ich geschrieben habe, hieß „Brüste kriegen“. Da fing ich an, mir Gedanken dazu zu machen, wie mein weiblicher Körper einerseits Gefängnis ist, andererseits aber auch Potential. Wenn man darüber nachdenkt, landet man ganz natürlich beim Thema Abtreibung, weil das ein sehr umkämpftes, geradezu mythologisiertes Thema ist. Das Thema ist so negativ belastet, dass es Frauen sehr schwer gemacht wird, ihre eigenen Einstellung und ihren eigenen Weg zum Thema Abtreibung zu definieren, der nicht von Scham und Schuldgefühlen bestimmt ist, sondern den Frauen selbstbewusst vertreten können.

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Sarah ist studierte Museumswissenschaftlerin und hat sich, sozusagen, zu Hause ein eigenes Museum erschaffen, das ihre Reisen und ihre Interessen widerspiegelt.

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Fakt ist: Es gehört zur Gebärfähigkeit dazu, dass einmal etwas schief laufen kann und dass die betreffende Frau dann auch die Kontrolle darüber haben muss!
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Was genau meinst du?

Das Thema wird oft in einer philosophischen Diskussion über den Beginn des menschlichen Lebens behandelt, aber man denkt nicht daran, dass eine andere Person – nämlich die schwangere Frau – die Konsequenzen tragen muss. Es ist wichtig, festzustellen, dass es Personen gibt, die unsere philosophischen Diskussionen ausbaden müssen.

Zum Beispiel in Form von Gesetzen?

Ja, einerseits Gesetze, die den Zugang zu Abtreibung erschweren oder verhindern. Aber auch, wie Frauen, die abgetrieben haben, gesellschaftlich verurteilt werden: Ihnen wird immer wieder gesagt, sie seien Täter und hätten Schuld. Fakt ist: Es gehört zur Gebärfähigkeit dazu, dass einmal etwas schief laufen kann und dass die betreffende Frau dann auch die Kontrolle darüber haben muss! Und vielleicht ist das gar nicht so ein Drama, wie uns die Gesellschaft permanent glauben machen will. Ich finde, das Thema Abtreibung sollte gesellschaftlich diskutiert werden wie zum Beispiel Menstruation oder Fehlgeburt, aber nicht immer in einem Satz mit Tod und Töten.

Ist da auch eine Aufklärung nötig?

Auf jeden Fall. Ich finde, Frauen sollten neue wissenschaftliche Studien kennen, die belegen, dass man vor der 24. Woche, also vor Beginn des 6. Schwangerschaftsmonats, wirklich nicht von Subjektivität im Bezug auf den Embryo sprechen kann. Der Embryo hat keine Wahrnehmung und kein Schmerzempfinden. Das sollten Frauen wissen. Es stimmt, dass der Embryo schon ab der 6. Woche einen Herzschlag hat – und das wird so romantisch aufgeladen – aber im Grunde ist das Herz auch nur ein Muskel, der arbeitet. Abtreibungsgegner arbeiten gerne mit diesem Bild des schlagenden Herzens. Aber der Embryo hat zu diesem Zeitpunkt noch kein Gehirn und somit kann auch nicht von Wahrnehmung gesprochen werden. In England ist Abtreibung deshalb zum Beispiel bis zur 24. Woche erlaubt. … Aber es sind eh extrem seltene Fälle, in denen eine Schwangerschaft so spät abgebrochen wird.

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Die Insekten an ihrer Wohnzimmerwand hat Sarah alle selbst gesammelt – zum Beispiel in Afrika. „Das hat nichts mit Morbidität zu tun, ich finde die Schmetterlinge und Insekten einfach schön“, sagt sie. „Ich würde aber nie Teil einer Industrie sein wollen, die Tiere tötet, damit sie dann ausgestellt werden. Deshalb sammle ich alle selbst.“

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Und wie wurde gerade das Thema Abtreibung für dich so wichtig?

Ich habe vor etwa 12 Jahren gelesen, dass 78.000 Frauen auf der Welt jedes Jahr an einer selbst gemachten Abtreibung sterben. Das hat mich schockiert: Ich habe Gender Studies studiert und diese Zahl nie vorher gelesen. Das lag vielleicht daran, dass sich jüngere Feministinnen damals alle von ihrem Körper befreien wollen – wir sind alle queer und trans und wollen uns von der Biologie des Körpers befreien. Aber der schwangere oder gebärende Körper wird dadurch uncool, weil er ganz klar weiblich markiert ist. Das hat sich bis heute wieder geändert und mittlerweile ist das Recht auf Abtreibung eine zentrale Forderung.

Aber zurück zu den 78.000: Die meisten Abtreibungen passieren in den Ländern, in denen das Thema gesetzlich sehr restriktiv gehandhabt wird. Die Länder, die am liberalsten mit Abtreibung umgehen, sind die Länder, in denen die wenigsten Abtreibungen stattfinden, weil die Menschen aufgeklärter sind und die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen höher angesehen ist.

Mittlerweile ist die Zahl der Frauen, die an selbst durchgeführten Abtreibungen sterben, laut der Weltgesundheitsorganisation aber auf 48.000 gesunken. Das liegt zum Großteil an der Abtreibungspille – sie rettet tausenden von Frauen das Leben. Die Information, dass man die Abtreibungspille übers Internet bestellen kann oder sie bei Apothekern unter anderem Namen bekommt, um selbst eine Abtreibung durchzuführen, hat viele Frauen wieder ermächtigt, selbstbestimmt mit ihrem Körper umzugehen. Es gibt den Frauen Macht zurück.

Wie sieht die Lage in Deutschland aus?

Viele Menschen denken, in Deutschland sei alles super. Aber das stimmt nicht. Hier ist gar nichts super. Das fängt damit an, dass die Auseinandersetzung mit Schwangerschaftsabbruch kein normaler Bestandteil der Ausbildung von Gynäkologen ist. Somit wird Gynäkologen auch vermittelt, das Thema sei kein normaler Bestandteil der Frauengesundheit. Und ich finde auch die Zwangsberatung, die eine schwangere Frau vor einer Abtreibung machen muss, problematisch, weil sie suggeriert, die Schwangere hätte sich keine Gedanken gemacht und sie müsse sich rechtfertigen. Wenn eine Frau zu dieser Beratung kommt, dann hat sie doch schon die Entscheidung getroffen, dass sie abtreiben will. Ich würde es super finden, wenn den betreffenden Frauen angeboten würde, eine Beratung zu bekommen, wenn sie wollen – aber sie darf kein Zwang sein. Die Aufklärung muss woanders stattfinden, zum Beispiel in Schulen. Aber die meisten Leute, die in Schulen eingeladen werden, um über das Thema zu reden, sind Abtreibungsgegner.

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Du setzt dich mit der Organisation Ciocia Basia dafür ein, Frauen aus Polen, wo Abtreibung strafbar ist, einen sicheren Schwangerschaftsabbruch in Deutschland zu ermöglichen. Wie sieht eure Arbeit aus?

Wir organisieren für ungewollt schwangere Frauen alle Termine, Übersetzerinnen, wenn nötig, Unterkünfte. Die Frauen können mit uns über alles reden, aber wir sind keine ausgebildeten Psychologinnen, wir sind einfach Kumpel. Alles ist privat, durch Spenden, finanziert. Wir mussten bislang noch keine Frau abweisen, die sich an uns gewandt hat. Es ist eine sehr schöne Arbeit, wenn sie für uns auch komplett unbezahlt ist. Aber man wächst sehr an dieser Arbeit und nimmt viel mit.

Ist dir ein Erlebnis besonders in Erinnerung geblieben?

Kürzlich habe ich eine Frau über mehrere Monate begleitet und war sogar im Kreissaal mit dabei. Das war der schlimmste Fall, den ich je hatte. Eine Frau aus Polen mit streng katholischen Eltern. Sie hat sich in der 23. Woche an uns gewandt, nachdem sie mittel- und hilflos niemanden gefunden hatte, an den sie sich wenden konnte. Wir haben noch versucht, eine Abtreibung in London zu organisieren – aber sie war ein paar Tage zu spät und die Abtreibung durfte nicht mehr durchgeführt werden. Sie musste also die Schwangerschaft austragen und wollte das Kind anschließend zur Adoption freigeben. Wir haben sie vier Monate hier in Berlin vor ihren Eltern und ihren Freunden versteckt.

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Wie kamen deine Kontakte zu polnischen Aktivistinnen zustande?

Als ich meinen Dokumentarfilm „Abortion Democracy – Poland/South Africa“ gemacht habe, habe ich so viele großartige Frauenorganisationen kennengelernt. Und irgendwann dachte ich, dass ich selbst eine Organisation gründen will, die polnischen Frauen in Berlin hilft. Es hat eine Weile gedauert, bis wir gute Kontakte zu Beraterinnen und Ärztinnen aufgebaut hatten.

Warum braucht ihr diese?

Wir haben Ärztinnen gefunden, die für uns die Behandlungen zum Selbstkostenpreis durchführen, wenn die betroffenen Frauen gar kein Geld haben. Regulär kostet ein medikamentöser Abbruch 340 Euro und eine Absaugung kostet 470 Euro, inklusive Anästhesie. Wenn die Frauen ganz mittellos sind, bezahlen wir den Selbstkostenpreis für sie.

 

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Ebenso wie Abtreibung wird auch Kinderlosigkeit bei Frauen stigmatisiert. Das Frauenbild, an dem wir meines Erachtens immer noch festhalten, ist die Frau, die selbstlos immer für andere da ist, die fürsorglich ist, die sich aufopfert, für die Kinder, für den Ehemann, für den Staat.

 

Ist durch deine Arbeit rund um das Thema Abtreibung auch dein Interesse am Thema Kinderlosigkeit entstanden?

Ja, aber es ging nicht direkt um Kinderlosigkeit, sondern um die Frage, an welchem Frauenbild wir festhalten wollen. Denn ebenso wie Abtreibung wird auch Kinderlosigkeit bei Frauen stigmatisiert. Das Frauenbild, an dem wir meines Erachtens immer noch festhalten, ist die Frau, die selbstlos immer für andere da ist, die fürsorglich ist, die sich aufopfert, für die Kinder, für den Ehemann, für den Staat. Dementsprechend wird es immer so dargestellt, als könnten Frauen, die anders leben, nicht glücklich werden. Als ginge das gegen ihre Biologie. Von wegen: Die Frau kann nicht anders, weil ihre Natur so ist. Das ist eine Lüge! Dadurch wird die Frau in einen Käfig gesteckt.

2014 ist dein Buch “Die Uhr, die nicht tickt” erschienen, in dem es um das Recht auf Kinderlosigkeit geht. Du hast für das Buch mit vielen Frauen gesprochen, die freiwillig kinderlos sind. Welche Gründe haben sie für ihre Kinderlosigkeit genannt?

Ganz oft ging es nicht darum, dass die Frauen keine Kinder mögen, sondern, dass sie Angst vor der Kleinfamilie haben. Und vor der Rolle, welche die Frau in der Kleinfamilie hat: sie muss sich für die Familie aufgeben und wird permanent kritisiert, egal, was sie macht. Macht sie zu viel für die Kinder, macht sie zu wenig, ist sie eine „Helikoptermutter“ oder eine „Rabenmutter“? Die Frau wird von allen Seiten beäugt und kritisiert und es ist sehr schwer für sie, bei sich zu bleiben. Das war eine große Angst vieler Frauen: dieses Mutterideal erfüllen zu müssen und dadurch nicht mehr zu ihren eigenen Bedingungen leben zu können. Hinzu kommen dann Schuldgefühle, der Rolle nicht gerecht zu werden.

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Ist das heute wirklich noch so? Die Rolle der Familie – und auch der Väter – hat sich in den vergangenen Jahren doch sehr gewandelt.

Ich war überrascht, wie viele Frauen ganz klar sagen: Emanzipation hört auf, wenn die Kinder kommen. Viele Menschen haben die Vorstellung, Emanzipation sei erreicht, wenn Frauen die gleiche Lohnarbeit wie Männer machen. Aber, was man nicht mit bedenkt, ist, dass Emanzipation nur dann funktioniert, wenn Männer auch die Dinge mit machen, die Frauen bislang gemacht haben. Nämlich: Kinderbetreuung, Hausarbeit, Pflegearbeit. Die ganze Fürsorgearbeit. Und das funktioniert gleichberechtigt noch überhaupt nicht. Alles, was Fürsorge betrifft, wird immer noch Frauen zugeschrieben. Und das ist Quatsch.

Ich war überrascht, wie viele Frauen ganz klar sagen: Emanzipation hört auf, wenn die Kinder kommen.

Fehlt es den Frauen an Role Models, die beweisen, dass Familie auch jenseits der Kleinfamilie funktioniert?

Vielleicht. Für mich ist zum Beispiel das Konzept der sozialen Elternschaft sehr interessant. Darüber sollte man in der Gesellschaft mehr sprechen! Wie kann man mit Kindern zusammenleben, die nicht unbedingt die eigenen biologischen Kinder sind? Und wie kann man jenseits der Kleinfamilie zusammenleben? Ich hatte mal ein tolles Gespräch mit einer älteren Frau, die auf einem Bauernhof groß geworden ist. Damals, als sie Kind war, haben sich alle Menschen, die auf dem Hof gelebt haben, um sie gekümmert. Sie sagte, es sei wie ein historischer Unfall, dass heute immer nur Mutter, Vater, Kind im Kleinen zusammenleben. Früher gab es gar nicht diese Vorstellung, dass nur die Mutter für das Kind da sein kann.

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Menschen werden heute vom Kinderkriegen abgehalten, weil sie Angst davor haben, in traditionelle Rollen gedrängt zu werden. Das muss sich ändern.
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Sarahs Bücher – Sachbücher und Romane.

Und du meinst, das wäre heute auch eine Lösung: dass man die Familie wieder mehr ins Öffentliche, ins Gemeinsame holt?

Genau, diese starke Trennung von privat und öffentlich, die die Mütter in die Privatsphäre verbannt hat, muss aufgehoben werden. Deshalb ist auch Kinderbetreuung am Arbeitsplatz so wichtig. Kinderbetreuung an der Uni, im Parlament, überall. Familie muss ein normaler Teil des öffentlichen Lebens sein. Menschen werden heute vom Kinderkriegen abgehalten, weil sie Angst davor haben, in diese traditionellen Rollen gedrängt zu werden. Das muss sich ändern. In Kanada gibt es zum Beispiel das Konzept namens „social guardianship“ – da können bis zu vier Personen als „Eltern“ eines Kindes eingetragen werden, mit denselben Rechten und Pflichten, die leibliche Eltern haben. Das finde ich super! Freunde können auch gute Eltern sein, vielleicht auch gerade, weil sie sich nicht mit dem Kind als Heilsträger überidentifizieren.

Du schreibst in einem viel diskutierten Artikel auf ZEIT Online, dass Frauen immer noch dazu gedrängt werden, im Kinderkriegen Erfüllung zu suchen. Warum?

Weil die Gesellschaft uns immer noch vermittelt, dass im Kinderkriegen die „wahrhaftige Weiblichkeit“ liegt. Uns wird von allen Seiten gesagt, dass mit uns etwas nicht stimmt, wenn wir keine Kinder wollen.

Stimmt. Spätestens ab 30 wird man andauernd gefragt: Und, wann bekommt ihr Kinder? Anstatt vielleicht zu fragen: Und, wollt ihr Kinder? … Denkst du, das wird sich irgendwann ändern?

Ich habe, ehrlich gesagt, manchmal das Gefühl, es wird wieder schlimmer, also eher wieder konservativer als liberaler. Manchmal erzählen mir Frauen in ihren 20ern, dass sie einen großen Druck verspüren, eine Familie zu gründen. Es wird als Teil der Erfolgsbiografie gesehen und Mutterschaft als Teil der Leistungsgesellschaft. Wenn der Kleinfamilie das weibliche Personal wegläuft, wird nun Druck gemacht, dass Frauen einen psychologischen Knacks hätten, wenn sie keine Kinder wollen.

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Welchen Ausweg daraus gibt es?

Ich würde gerne den Sisterhood-Gedanken etablieren. Frauen müssen sich gegenseitig bei ihren individuellen Entscheidungen unterstützen und sich nicht mehr gegenseitig kritisieren – Mütter gegen Kinderlose und so weiter. Das macht uns alle unfrei. Es gibt den Begriff der „Doula“, und eine Doula ist eine Frau, die eine Schwangere begleitet. Ich würde gerne das Thema Schwangerschaftsabbruch damit verknüpfen: Eine Frau, die schwanger ist, braucht Unterstützung – egal, in welche Richtung sie gehen möchte. Wir alle müssen das herrschende Mutterideal hinterfragen. Das Frauenbild ist auch Teil der Ökonomie, weil wir alle unbezahlte Arbeit machen. Die „Care-Work Revolution“ will darauf aufmerksam machen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Sarah!

Hier findet ihr Sarah Diehl: