Kinderwunsch: Mit Social Freezing die Fruchtbarkeit verlängern

2. Mai 2022

Will ich Kinder? Oder will ich keine? Eine Frage, die höchstgradig persönlich und im wahrsten Sinne des Wortes lebensentscheidend sein kann – und bitte möglichst nicht ungefragt von Außenstehenden gestellt werden sollte. Denn der Druck ist groß, gesellschaftlich ebenso wie biologisch – dabei sollte es in erster Linie vollkommen okay sein, wenn man sich vielleicht noch gar nicht für ja oder nein entschieden hat. Vielleicht fühlt man es nicht. Es fehlt die oder der passende Partner*in. Oder es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt. Hier kommt Social Freezing ins Spiel, eine Methode, die die Fruchtbarkeit von Frauen verlängern kann, sofern viele wichtige Faktoren stimmen. Aber was genau passiert da eigentlich? Wann ist der richtige Zeitpunkt für Social Freezing? Und warum könnte diese Methode bald durch das Einfrieren von Eierstockgewebe abgelöst werden?

Wir haben dazu mit Dr. Yvonne Frankfurth, Soziologin an der University of Cambridge, gesprochen. Sie forscht als Teil der „ReproSoc Arbeitsgruppe“ zu den sozialen Aspekten von Reproduktionstechnologien wie Social Freezing. Außerdem hat sie die Informationsplattform „es-klappt-nicht.de“ gegründet, auf der sie immer auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand unabhängige Informationen und persönliche Beratungsgespräche zum Thema Fruchtbarkeit, Kinderwunsch und Social Freezing bietet.  

Dr. Yvonne Frankfurth forscht an der University of Cambridge zu Reproduktionstechnologien.

femtastics: Noch mal kurz umrissen – was genau passiert beim Social Freezing Verfahren?

Dr. Yvonne Frankfurth: Beim Social Freezing steht am Anfang ein ärztliches Erstgespräch mit Blutabnahme und Ultraschalluntersuchung. Wenn hier alles passt, beginnt die Frau meistens um den zweiten Zyklustag herum, sich circa zehn Tage lang hormonell zu stimulieren. Kurzum: Sie injiziert sich täglich Hormone. Die Vorstellung schreckt am Anfang viele ab, aber eigentlich erzählen alle Frauen, dass es schon am dritten Tag Routine ist.

Während dieser Stimulierung wird zwischendurch ärztlich geprüft, wie sich die sogenannten Eibläschen – die ja die Eizellen enthalten – entwickeln. Daran wird das Stimulationsprotokoll angepasst. Um den 12. Zyklustag herum entnimmt man der Frau dann die Eizellen, die im Anschluss im Labor eingefroren werden. Dabei werden die Eizellen mit einem speziellen Verfahren eingefroren, indem die Temperatur mit flüssigem Stickstoff rasch auf -196 °C gesenkt wird. So kommen alle biologischen Prozesse zum Stillstand. Die Zelle kann in diesem Zustand jahrelang erhalten werden, ohne zu altern.

Das heißt, die Fruchtbarkeit der Frau kann verlängert werden?

Da das Alter der Eizelle für die Fruchtbarkeit der Frau eine große Rolle spielt, kann das Social Freezing sie verlängern, ja. Man muss aber berücksichtigen, dass das Alter der Frau zum Zeitpunkt der Entnahme sowie die Zahl der eingefrorenen Eizellen eine große Rolle dabei spielt, ob eine gute Erfolgschance besteht. Eine Garantie auf ein Kind ist Social Freezing in jedem Fall nicht.

Für wen (alles) ist das Social Freezing Verfahren eine geeignete bzw. in Betracht zu ziehende Option? Ab welchem Alter sollten sich Frauen mit der Option Social Freezing beschäftigen?

Social Freezing kann sich für eine Frau Anfang oder spätestens Mitte 30 anbieten, die einen starken Kinderwunsch hat, aber ziemlich sicher weiß, dass sie in den nächsten Jahren erst mal nicht schwanger werden möchte oder kann. Unter 30 Jahren wird es meistens als medizinische Überbehandlung gesehen, es sei denn, man friert die Eizellen aus medizinischen Gründen ein. Zum Beispiel, weil man Endometriose oder eine Krebsdiagnose hat.

Um eine relativ gute Erfolgsaussicht zu haben, sollte man die Eizellen idealerweise Anfang 30 einfrieren lassen. Wir wissen aber von Studien aus Ländern wie England, Israel und den USA, dass das Durchschnittsalter beim Social Freezing zwischen 35-36 Jahren liegt, Tendenz steigend! Die meisten Frauen, die ihre Eizellen einfrieren lassen, befinden sich in einer stabilen finanziellen und beruflichen Situation und haben einen aktiven Kinderwunsch. Aber sie haben keine*n Partner*in. Es stimmt also nicht, dass die meisten Frauen ihre Eizellen einfrieren, um in der Karriere durchstarten zu können. So wird es ja oft dargestellt. In den meisten Fällen liegt es daran, dass ein*e Partner*in fehlt, die oder der bereit ist, eine Familie zu gründen.

Wie erfolgsversprechend ist Social Freezing?

Ganz klar: Social Freezing kann unter bestimmten Umständen erfolgsversprechend sein. Wenn die Frau zum Beispiel Anfang 30 ist und genug Eizellen eingefroren werden, das Labor gut ist und zum späteren Zeitpunkt der Befruchtung auch die Spermien von guter Qualität sind. Ein Beispiel: Mit 33 Jahren bräuchte man theoretisch 20 eingefrorene Eizellen, um ungefähr eine 75%ige Wahrscheinlichkeit auf eine Lebendgeburt zu haben. Mit 38 Jahren bräuchte man bereits circa 33 Eizellen für die gleiche Wahrscheinlichkeit. Um 33 Eizellen zu gewinnen, müsste man den Stimulierungsprozess aber sicherlich mehrmals durchführen: Damit erhöhen sich die medizinischen Risiken, die Kosten und das Problem ist, dass mit steigendem Alter eben auch die Eizellqualität schlechter wird. Und beim Social Freezing kann man leider nicht sehen, ob die Eizellen von guter Qualität sind. Im Zweifel lassen sich zwar viele Eizellen einfrieren; nach Auftauen lassen sie sich dann aber zum Beispiel nicht befruchten.

Diese begrenzten Erfolgschancen sind auch der Grund dafür, warum ich auf meiner Informationsplattform „www.es-klappt-nicht.de“ individuelle Beratungsgespräche für Frauen zum Social Freezing anbiete. Es kursiert im Internet zu viel Halbwissen und teilweise einfach falsche Informationen. Wie kann man ohne korrekte Fakten gute Entscheidungen für die Zukunft treffen?

Dr. Yvonne Frankfurth hat die Informationsplattform „es-klappt-nicht.de“ gegründet, auf der sie unabhängige Informationen und persönliche Beratungsgespräche zum Thema Fruchtbarkeit, Kinderwunsch und Social Freezing bietet.

Die Themen Fruchtbarkeit und Kinderwunsch sollten nicht nur privat, sondern auch in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen besser vermittelt werden.

Sollten Eltern bereits mit ihren Töchtern über Social Freezing sprechen, damit der Druck des geeigneten Zeitpunkts fürs Kinderkriegen etwas rausgenommen wird?

Die Themen Fruchtbarkeit und Kinderwunsch sollten nicht nur privat, sondern auch in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen besser vermittelt werden. Viele Frauen, mit denen ich spreche, beklagen: „Mir wurde immer beigebracht, wie ich gut verhüte und kein Kind bekomme. Mir wurde aber nie konkret erklärt, wann biologisch gesehen eine gute Zeit zum Kinderbekommen ist und ab wann es kritisch wird!“. Hier sollte die Verantwortung nicht von Frauen allein geschultert werden müssen; auch Männer müssen hierzu aufgeklärt werden. Erst, wenn man alle Optionen und Fakten kennt, kann man gute Entscheidungen für die eigene Lebensplanung treffen. Gleichzeitig muss auch die gesellschaftliche Infrastruktur angepasst werden. Eine gute Vereinbarkeit von Arbeit und Kind muss Eltern erleichtert werden.

Was muss sich noch gesellschaftlich tun? Sollte es mehr Aufklärung zu Social Freezing geben?

Ich würde es ratsam finden, wenn Gynäkolog*innen Frauen ab dem 30. Lebensjahr aus ärztlicher Sicht über das Thema Fruchtbarkeit aufklären und bei Nachfrage auch Möglichkeiten wie das Social Freezing erwähnen. Wenn kein Kinderwunsch besteht, muss das aber natürlich sofort angenommen werden – es darf nicht der Anschein geweckt werden, die Rolle einer Frau sei es, unbedingt Kinder bekommen! Es ist also eine Gratwanderung für viele Frauenärzt*innen, denn das Thema Kinderwunsch ist oft ein ganz persönliches und emotional besetztes Thema.

Wie sieht es mit den Kosten aus? In welchem Rahmen bewegen sich diese aktuell?

In Deutschland belaufen sich die Kosten für einen Social Freezing Zyklus ohne Medikamente auf 2.500 bis 5.000 Euro – teilweise gibt es riesige Unterschiede. Es lohnt sich also, mehrere Zentren zu kontaktieren.

In anderen Ländern ist es Frauen teilweise möglich, ihre Eizellen kostenlos einfrieren zu lassen – im Gegenzug geben sie einige ihrer im Zyklus gewonnen Eizellen an eine Frau, die ihre eigenen Eizellen für eine intakte Schwangerschaft nicht verwenden kann.

Ist es realistisch, dass die Krankenkassen sich irgendwann an den Kosten beteiligen werden?

Seit 2022 übernehmen die Krankenkassen in Deutschland das Eizelleinfrieren, wenn eine Krebsdiagnose besteht. Es muss also eine medizinische Indikation vorliegen. Da das Social Freezing eine Art Präventiv-Behandlung ist, bei der zudem keine Krankheit vorliegt, ist es wohl unwahrscheinlich, dass die Krankenkassen hier Kosten übernehmen werden. In anderen Ländern ist es Frauen teilweise möglich, ihre Eizellen kostenlos einfrieren zu lassen – im Gegenzug geben sie einige ihrer im Zyklus gewonnen Eizellen an eine Frau, die ihre eigenen Eizellen für eine intakte Schwangerschaft nicht verwenden kann. Diese Möglichkeit gibt es aber in Deutschland nicht, denn die Eizellspende ist in Deutschland gesetzlich verboten. Frauen hierzulande werden also wahrscheinlich weiterhin selbst auf den Kosten sitzen bleiben – und somit wird die Option Social Freezing nur für wenige eine finanzierbare Option sein.

Denkst du, dass die Kosten sich durch eine perspektivisch höhere Nachfrage senken lassen?

Ein Großteil der Kosten entsteht tatsächlich durch die Medikamente; die Hormone, die man sich spritzt sind kostspielig. Allein dafür können 800 bis 2.000 Euro pro Zyklus anfallen. Es gibt aber die Möglichkeit, die Medikamente im Ausland zu bestellen, wo sie etwas günstiger sind. Das hört sich erst mal komisch an, ist aber mittlerweile fast die Norm. Es gibt also Wege, die Preise zu drücken. Aber das wissen eben leider nicht viele Frauen. Ich glaube nicht, dass die Behandlungskosten bei steigender Nachfrage sinken; es wird ja oft nach Einzelleistung abgerechnet, so wie es auch bei einer künstlichen Befruchtung der Fall ist.


Von meinen Forscherkolleg*innen bekomme ich allerdings mit, dass die Zukunft eher nicht im Social Freezing liegt. Was in vielleicht zehn Jahren gängiger sein wird, ist das Einfrieren von Eierstockgewebe. Hier würden wohl auch die Erfolgschancen weitaus höher ausfallen. Und die Kosten würden nur einmalig für die Entnahme und das Wiedereinsetzen einfallen. Keine Stimulierung, keine Medikamentenkosten. Aber das ist leider im Moment noch Zukunftsmusik für alle Frauen, die sich heute für das Social Freezing interessieren.

Wir bedanken uns für das spannende Gespräch!


Hier findet ihr Dr. Yvonne Frankfurth:


Fotos: Dr. Yvonne Frankfurth / Teaserbild: Irina Shatilova

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