Paartherapie: „Wir können Beziehungen so führen wie wir sie uns wünschen – ohne die andere Person verändern zu müssen.“

22. August 2022

Anouk Algermissen ist Psychologin und Paartherapeutin. Auf ihrem Instagramprofil @paarpsychologie klärt sie über Beziehungsthemen auf, gibt Tipps für verbesserte Kommunikation, Streitkultur und gesunde Dynamiken in der Partnerschaft. In der Gemeinschaftspraxis in Köln, in der sie hauptsächlich schematherapeutisch arbeitet, begleitet sie Paare auf ihrem Weg zu mehr Nähe und funktionaler Beziehungsgestaltung. Wir haben mit ihr über Langzeitbeziehungen gesprochen und sie gefragt: Können diese funktionieren? Was braucht es, um Verliebtheit, Anziehung und Leidenschaft aufrecht zu erhalten? Und woher weiß ich, wann es Zeit für eine Paartherapie ist? 

femtastics: Ganz direkt ins Thema hinein: Glaubst du, dass eine gesunde Langzeitbeziehung prinzipiell möglich ist?

Anouk Algermissen: Ja, definitiv. Das große Problem, das uns im Wege steht, ist: Wir lernen nicht, wie das funktioniert und was das eigentlich bedeutet. Es bedeutet nämlich nicht, sich nicht zu streiten. Ich sehe in der Praxis Paare, die super harmonisch sind und nie streiten. Hier fehlt es aber häufig an emotionaler Nähe und an der Bereitschaft, über Verletzungen zu sprechen. Von außen betrachtet ist hier alles wunderbar, aber im Inneren sieht es ganz anders aus.

Die Frage, die eine gesunde Beziehung ausmacht, ist also: Seid ihr in der Lage, eure Bedürfnisse offen zu kommunizieren, die Bedürfnisse der anderen Person im Blick zu haben und im gesunden Verhältnis beider Bedürfnisse zu stehen? Dabei ist es nicht wichtig, immer alles perfekt zu machen, sondern bereit zu sein, an der Beziehung und an sich selbst zu arbeiten.

Die Bereitschaft, an der Beziehung zu arbeiten, ist essentiell.

Ist diese Bereitschaft aus deiner Sicht der Schlüssel zu einer erfolgreichen Langzeitbeziehung?

Die Bereitschaft, an der Beziehung zu arbeiten, ist essentiell. Aber das geht über das hinaus, was viele Menschen als Beziehungsarbeit definieren. Viele denken an Dinge wie: schöne Urlaube, nette Dates, kleine Aufmerksamkeiten. Das ist auch alles wichtig, aber das Leben bringt häufig böse Überraschungen und hier entscheidet sich letztlich, ob eine Beziehung funktioniert. Hier erfordert es offene Kommunikation und vor allem Arbeit an sich selber.

In einer Langzeitbeziehung können sich Bedürfnisse und Vorstellungen davon, wie man die Beziehung führt, ja auch weiterentwickeln. Was passiert, wenn diese mit der Zeit auseinander gehen? Wie viel Unterschiedlichkeit hält eine Beziehung aus?

Die Frage bei Meinungs- oder Ansichtsverschiedenheiten ist immer: Handelt es sich um Dinge, bei denen wir einen Kompromiss finden können oder sind es grundlegende Werte oder Themen, die sich nicht vereinbaren lassen? Sprich: Kinderwunsch, Leben in der Stadt oder auf dem Land – das sind beispielsweise Dinge, bei denen man nur schwer einen Kompromiss finden kann. Diese Themen können ein Trennungsgrund sein, auch wenn die Liebe noch besteht. Aber es gibt auch genug Themen, bei denen es okay ist, keinen Kompromiss zu finden. Der Grundstock sollte passen, aber in jeder Partnerschaft gibt es Unterschiede. Hier sollte man sich fragen: Sind das Differenzen, mit denen ich leben kann?

Es gibt auch genug Themen, bei denen es okay ist, keinen Kompromiss zu finden.

Beziehungsformen sind flexibel. Woher weiß ich, ob ich monogam, polyamor oder in einer offenen Beziehung leben möchte? Wie kann ich damit umgehen, wenn sich der Wunsch verändert, ich beispielsweise monogam gestartet bin, aber die Beziehung mit der Zeit öffnen möchte?

Die für sich passende Beziehungsform zu finden, ist ein Prozess. Vielen Paaren, die ich bei der Öffnung ihrer Beziehung begleite, rate ich den internen Prozess zu kommunizieren. Man sollte den/die Partner*in nicht vor vollendete Tatsachen stellen. Wenn ich ihn/sie überrumple und sage „Ich halte es nicht mehr aus, die Beziehung muss geöffnet werden!“, dann kann das Ängste wecken. Deswegen ist es sinnvoll, vorsichtig vorzugehen, die Triggerpunkte des/der Partner*in zu kennen und hier sensibel, aber offen, in den Austausch zu gehen. Man kann erstmal nur die Idee ansprechen, man muss ja nicht sofort in die tatsächliche Öffnung gehen, sondern kann sich da erstmal theoretisch annähern.

Ein wichtiges Thema in Langzeitbeziehungen ist es, das Verliebtheitsgefühl, sexuelle Anziehung und Nähe aufrecht zu erhalten. Was rätst du deinen Klient*innen hier?

In der Anfangsphase einer Beziehung – das kennen wir alle – sind viele Hormone am Start, wir sind verknallt, alles ist aufregend und besonders. Das ist schön, aber auch sehr anstrengend, denn hier besteht immer das Risiko der Zurückweisung. Mit der Zeit kommt es zu mehr Sicherheit. Wir haben die andere Person erkundet, das Aufregende verfliegt ein bisschen, aber wir sind sehr innig, sehr nah miteinander. Irgendwann merken wir dann, dass es vielleicht ein bisschen langweilig wird, weil wir alles voneinander wissen. Wir können von einer Beziehung kaum erwarten, dass sie sowohl große Sicherheit als auch große Aufregung mit sich bringt.

Ich rate Paaren hier, erstmal anzunehmen, dass wir Beziehungen sehr viel abverlangen. Gleichzeitig kann man schauen, was am Anfang so viel Nähe und Aufregung geschaffen hat. Denn das fällt nicht vom Himmel. Es liegt daran, dass wir viel investiert haben, um das Gefühl zu erzeugen. Wir gehen auf Dates, machen uns schick, bringen Geschenke mit … Diese Dinge kann man wieder aufleben lassen, indem wir sie aktiv kreieren.

Was würdest du Paaren raten: Ab wann ist eine Paartherapie sinnvoll?

Grundsätzlich ist es hilfreich, so früh wie möglich eine Paartherapie aufzusuchen. Das sage ich nicht aus Eigeninteresse, sondern weil es einfacher, zeit- und kostensparender und erfolgsversprechender ist. Wenn man erst nach Jahren, vielleicht Jahrzehnten in die Therapie kommt, dann sitzen Verletzungen schon so tief, dass es sehr schwer wird, das alles abzuarbeiten. Wenn man merkt, dass Streits immer in dieselbe Richtung laufen oder ich merke, dass der Umgang feindlicher wird, dann ist eine Paartherapie sinnvoll. Das kann man mit einer Verletzung am Arm vergleichen. Ich gehe zum Check-Up, wenn ich merke, dass ich eine Wunde habe und nicht erst nach ein, zwei Jahren. Wenn die Paartherapie als letzte Lösung vor der Trennung gesehen wird, dann ist die Erfolgsrate deutlich geringer. Die Kraft, Liebe und Motivation, intensiv an der Beziehung zu arbeiten, sind dann oft einfach nicht mehr da.

Wenn die Paartherapie als letzte Lösung vor der Trennung gesehen wird, dann ist die Erfolgsrate deutlich geringer.

Wenn ich über eine Paartherapie nachdenke, wie kann ich das meinem/meiner Partner*in gegenüber kommunizieren, ohne bei ihm/ihr Ängste zu wecken?

Wenn ich für mich merke, dass ich eine Paartherapie in Betracht ziehe, sollte ich in die offene Kommunikation gehen. Ich kann meinem/meiner Partner*in klar machen, dass ich nicht denke, dass irgendwas mit ihm/ihr oder uns grundsätzlich nicht stimmt, sondern dass ich glaube, dass unsere Beziehung super stark ist, ich aber lieber jetzt schon investieren will, bevor uns gewisse Themen in ein paar Jahren um die Ohren fliegen.

Wenn man Interesse hat, bei dir eine Paartherapie zu machen: Wie ist der Weg zu dir in die Praxis und wie kann man sich den Ablauf vorstellen?

In der Regel kommen Klient*innen über die Website unserer Gemeinschaftspraxis zu mir, wenn sie online nach „Paartherapie Köln“ suchen, aber man kann mich auch über Instagram kontaktieren. Normalerweise können wir innerhalb von zwei Wochen einen Ersttermin vereinbaren. Wichtig zu beachten ist, dass eine Paartherapie nicht von der Krankenkasse übernommen wird und somit selbst bezahlt werden muss. Daher ist das Angebot leider auch einer gewissen Gruppe vorbehalten.

Das ist auch einer der Gründe, warum ich auf Instagram Informationen ohne Paywall zur Verfügung stellen möchte. Für die Sitzungen gilt, dass wir die Häufigkeit individuell anpassen können. Gerade jüngere Paare mit geringerem Budget kommen vielleicht nur drei, vier Mal. Hier arbeiten wir im Rahmen der Schematherapie sehr zielgerichtet. Das ist auch das Schöne an dieser Therapieform: Erfolge sind recht zügig spürbar, man kommt schnell in die Tiefe, kann Muster in kurzer Zeit aufarbeiten und mit wenigen Sitzungen merkliche Erfolge erzielen. Manche Paare begleite ich aber auch über Monate hinweg. Wichtig ist neben dem monetären Aspekt vor allem der Wille, an der Beziehung zu arbeiten. Eine Paartherapie kostet Kraft und Energie und es erfordert die Bereitschaft beider Personen, diese aufzubringen.

Eine Paartherapie kostet Kraft und Energie und es erfordert die Bereitschaft beider Personen, diese aufzubringen.

Das ist bestimmt eine besondere Erfahrung, intensiv mit Paaren zusammen zu arbeiten und Erfolge zu beobachten. Würdest du sagen, dass diese Erlebnisse das Schöne an deinem Beruf sind?

Auf jeden Fall. Die Paare sitzen bei uns auf einer großen Couch und gerade in den ersten Sitzungen sitzen sie dort häufig so weit wie es eben geht voneinander entfernt. Man merkt dann mit der Zeit, wenn die positive Entwicklung voranschreitet und das Paar wirklich bereit ist, dranzubleiben, wie sie immer näher zusammenrücken. Ich erinnere mich an ein Paar, das anfangs an den entferntesten Enden Platz genommen hat und am Ende händchenhaltend und eng umschlungen in der Mitte der Couch saß.

Wir sind in der Lage, eine Beziehung aktiv zu formen.

Was würdest du Paaren in einer Langzeitbeziehung gerne abschließend noch raten?

Man sollte sich bewusst machen, dass wir in der Lage sind, eine Beziehung aktiv zu formen. Oft denken wir: entweder es passt, oder eben nicht, entweder es läuft gut, oder es klappt halt nicht. Aber das ist nicht der Fall, wir können bewusst darauf einwirken. Das hat nicht nur etwas mit unserem Gegenüber, sondern vor allem auch mit uns zu tun. Und vor allem geht es hier nicht darum, die andere Person zu verändern, sondern es geht um Bewusstsein. Eine Bewusstheit dafür, welche Themen mir wichtig sind, wo ich nicht weiterkomme oder auf meinen Partner*in nicht gut eingehen kann. Dann muss ich diese Dinge nicht hinnehmen, sondern kann daran arbeiten. Wir können also wirklich viel tun, um langfristig die Beziehung zu führen, die wir führen wollen.


Hier findet ihr Anouk Algermissen:

Foto: Anouk Algermissen

Interview: Fiona Torke

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