Wipfelstürmer*innen: Dieses Pärchen hat sich mit „Woodnest“ den Traum vom Baumhaushotel in Norwegen erfüllt!

10. Februar 2021

Runterkommen kann man am besten, wenn man raufklettert. Baumhäuser erleben seit ein paar Jahren einen großen Boom, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den skandinavischen Ländern. Sally (32) und Kjartan Aano (39) sind frischgebackene Baumhaushotel-Besitzer*innen. Seit fünf Monaten betreiben die gelernte Jugendarbeiterin und der Elektriker das nachhaltige Baumhaushotel „Woodnest“, das sie ganz nach ihren Wünschen in Odda in Norwegen gebaut haben. Ein Ort, der in den letzten Jahren besonders bekannt als Startpunkt für eine Wanderung zum Social-Media-Foto-Hotspot „Trolltunga“ (deutsch „Die Trollzunge“), Norwegens spektakulärster Felsvorsprung, wurde.

femtastics-Co-Gründerin Katharina, die gerade remote von einem Segelboot in Norwegen aus arbeitet, besucht die Australierin und den Norweger in ihren ungewöhnlichen Baumnestern „Banksia“ und „Kongla“, die an Tannenzapfen erinnern, und spricht mit ihnen über die romantische Entstehungsgeschichte von „Woodnest“, Herausforderungen beim Bau in Baumwipfeln, ihren Quereinstieg ins Hotelbusiness und, was ein Ausflug in die Natur mit Sinnfindung zu tun haben kann.

Von den Baumhäusern hat man einen wunderschönen Blick auf den Sørfjord, ein Nebenarm des Hardangerfjords.

femtastics: Was fasziniert euch beide an Baumhäusern?

Sally: Baumhäuser lassen einen gefühlt wieder Kind sein. Ein Baumhaus ist der Traum fast jedes Kindes – für uns ist es der Mix aus erwachsen sein und trotzdem einen Ort des Abenteuers in der Natur zu haben. Es ist für uns mit keinem anderen Ort vergleichbar. Wenn unsere vierjährige Tochter Lily gefragt wird, wo sie wohnt, antwortet sie: „Ich lebe in einem Baumhaus.“ Sie ist quasi auf der Baumhausbaustelle groß geworden.

Als wir unsere Bucket Lists alle gleichzeitig umgedreht haben, stand auf Kjartans Notiz: “Ich möchte ein Baumhaus bauen.” Und auf meiner Notiz stand: “Ich möchte in einem Baumhaus leben.”

Hei! Die Namen der beiden Baumhäuser sind an die Natur angelehnt und beziehen sich auf die beiden Besitzer*innen. Die „Banksia“ ist eine Wildblume und kommt aus Australien, „Kongla“ bedeutet Tannenzapfen auf Norwegisch.

Hinter „Woodnest“ steckt eine sehr romantische Story. Wie habt ihr beiden euch kennengelernt?

Sally: Wir haben uns das erste Mal vor fünf Jahren auf einer Hochzeit in Australien getroffen. Kjartans bester Freund hat meine beste Freundin aus Australien geheiratet. Ich war Brautjungfer und er Trauzeuge. Kurz vor der Hochzeit haben wir uns abends mit ein paar Freund*innen getroffen und jeder hat seine Bucket List aufgeschrieben und mit den anderen geteilt. Als wir unsere Bucket Lists alle gleichzeitig umgedreht haben, stand auf Kjartans Notiz: “Ich möchte ein Baumhaus bauen.” Und auf meiner Notiz stand: “Ich möchte in einem Baumhaus leben.”

Das ist fast filmreif!

Das war ein unglaublicher und magischer Moment für uns beide – wir kannten uns bis zu dem Zeitpunkt gar nicht! An seinem Abreisetag hat Kjartan mir dann gestanden, dass er auf mich steht und alles nahm seinen Lauf. Er hat mir später erzählt, dass er bereits in dem Moment, als wir die Zettel umgedreht hatten, dachte: Wenn ich jemals mit dieser Frau zusammenkommen werde, werde ich ihr ein Baumhaus bauen und ihr dort einen Antrag machen.

Und du hast dann sofort deine Sachen gepackt und bist zu Kjartan nach Norwegen gezogen?

Sally: Nicht ganz. Im Juli 2014 haben wir uns das erste Mal getroffen, im Oktober 2015 bin ich nach Norwegen gezogen. In der Zwischenzeit hat Kjartan mich für drei Wochen in Australien und ich ihn für sechs Wochen in Norwegen besucht. Ansonsten hatten wir nur digitalen Kontakt. Es gab nicht wirklich viel Face-to-Face-Time (lacht). Über die große Distanz Kontakt zu halten, fiel uns beiden eher schwer.

Viele meiner Freund*innen dachten, ich sei verrückt, für einen Mann den ich nur dreimal getroffen habe, mein ganzes Leben in Australien aufzugeben und meinen Job zu kündigen. Ich glaube, es war ziemlich naiv, in ein Land zu ziehen ohne die Sprache zu sprechen, aber es hat funktioniert!

Und du hast dann wirklich ein Baumhaus für Sally gebaut, Kjartan?

Kjartan: Ja, das war 2016. Ich habe es hier in der Nähe gebaut und dort um ihre Hand angehalten. Es war 10 Meter hoch und man konnte nur über das Geäst raufklettern – es war also nicht ganz so sicher, wie unsere neuen Baumhäuser. (lacht) Jetzt liegt es in acht Teilen in unserer Garage. Wir mussten es leider abbauen, da der Grundstücksbesitzer gewechselt hat und der neue Besitzer uns das Grundstück nicht mehr vermieten wollte. Ich habe die Idee, es als Spielhaus in unserem Garten für unsere Kinder aufzubauen oder es mit dem Helikopter herauffliegen zu lassen und es hier noch mal aufzubauen. So können unsere Gäste sehen wie alles anfing.

Ungewöhnlicher Nestbau: Während die meisten Baumhäuser auf Stelzen gebaut werden, werden die Baumhäuser von Sally und Kjartan vom Baumstamm selbst getragen.

Wann kam die Idee auf, dass ihr beide ein Business aus eurer Leidenschaft für Baumhäuser machen wollt?

Sally: Durch unser erstes Baumhaus ist die Idee entstanden, Baumhäuser zu bauen und zu vermieten. Wir haben in dem Baumhaus sehr viel Zeit verbracht. Es war mit einem Bett und einer kleinen Küche ausgestattet – das war unser gemeinsamer Rückzugsort. Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, wie wir anderen Menschen dieses Erlebnis näherbringen können, mitten in der Natur zu sein und intensiv Zeit als Paar oder Familie verbringen zu können. Aber wenn uns vorher jemand gesagt hätte, wie viel Arbeit die Baumhäuser machen und wie viele Kosten der Bau verursachen würde, hätten wir es vielleicht nicht gemacht. (lacht)

Kartjan: Man sagt ja, dass Naivität oft Erfolg bringt. Viele starten, weil sie eine Businessidee im Kopf haben und diese in die Tat umsetzen wollen. Wir sind keine klassischen Gründer*innen. Bei uns begann alles mit einer Liebesgeschichte und unserer Leidenschaft für Baumhäuser. Geld war für uns nie der Antrieb.

Wir haben unbewusst den Zeitgeist getroffen.

Wohnen in Wipfeln: 15 Quadratmeter sind die Baumhäuser von „Woodnest“ groß und haben Platz für bis zu vier Personen – das Sofa lässt sich ausziehen. Die Sessel und die Eisbären stammen vom norwegischen Label „Eikund“.

Viele Menschen setzen ihre Träume nicht in die Tat um und Ideen landen in der Schublade. Wann wusstet ihr beide, dass ihr euren Traum verwirklichen wollt?

Sally: Wir hatten Besuch von Freunden aus Spanien, die beide im Kreativbereich arbeiten. Wir haben mit ihnen unseren Traum von einem eigenen Baumhaushotel geteilt. Kjartan war bis zu dem Zeitpunkt noch gar nicht richtig von der Idee überzeugt und ein bisschen irritiert, dass ich es einfach laut vor unseren Freund*innen ausgesprochen habe. Die beiden waren begeistert und haben uns gut zugesprochen. Noch in derselben Woche haben wir eine Präsentation erstellt und nach Architekt*innen gesucht. Als erstes haben wir geschaut, ob es vielleicht schon Architekturbüros gibt, die das konkret anbieten.

Kjartan: Das war vor vier Jahren. Zu der Zeit gab es in Norwegen aber kaum Baumhäuser beziehungsweise Baumhaushotels – das ist in den letzten Jahren hier förmlich explodiert. Zu der Zeit wussten wir noch nicht mal, dass es überhaupt Baumhaushotels in Norwegen gibt. Das zeigt, dass wir nicht einfach auf eine Welle aufgesprungen sind. Die Welle war noch gar nicht da.

Sally: Wir haben unbewusst den Zeitgeist getroffen.

Keine(r) von euch hat einen Background in Architektur. Ihr habt mit dem norwegischen Architekturbüro “Helen & Hard”, das regelmäßig Designpreise abräumt, zusammengearbeitet. Wie ist die Zusammenarbeit entstanden?

Sally: Es sind Bekannte von Freund*innen. Ich erinnere mich noch, als wir das erste Mal ihr Büro in Oslo betreten haben. Es war so fancy und wir hätten am liebsten direkt wieder auf den Fahrstuhlknopf gedrückt und wären wieder gegangen.

Warum?

Kjartan: Als wir das Büro betreten haben, wussten wir einfach, dass es über unserer Liga ist und wir uns eine Zusammenarbeit definitiv nicht leisten können.

Sally: Wir hatten keine Investor*innen, nur Kjartans Eltern haben uns unterstützt. Unser Glück war aber, dass die Gründer*innen von “Helen & Hard Architects” schon immer mal ein Baumhaus designen wollten und zum anderen hat sie auch die Story dahinter gekickt. Sie wollten es so gerne mit uns in Angriff nehmen, dass sie es auch für unser kleines Budget umgesetzt haben. Sie sind spezialisiert darin, mit Holz zu arbeiten. Wir wussten, wenn wir mit den beiden zusammenarbeiten werden, wird es ein unverwechselbares Design werden. Wir sind sehr dankbar für ihr Entgegenkommen und mittlerweile mit ihnen befreundet.

Wie lief der Designprozess ab? Hattet ihr ganz konkrete Vorstellungen als ihr auf sie zugegangen seid?

Sally: Die Architekt*innen haben uns viele Fragen gestellt, um herauszufinden, was uns wichtig ist. Kjartan hatte vorab schon viele Ideen und eine grobe Vorstellung, wie es aussehen könnte. Er sagt immer, wenn er nicht Elektriker geworden wäre, hätte er gern Architektur studiert. Er hat ein Auge für Details. Es gab sehr viele Skizzen, die zwischen uns und den Architekt*innen hin- und hergegangen sind bis wir ein Endprodukt hatten, mit dem alle zufrieden waren.

Für die Außenfront haben wir uns von der Form einen Tannenzapfens inspirieren lassen. Innen fanden wir die Idee toll, dass man um den Baum herumgehen kann und ins Bett klettern muss. Uns war wichtig, dass es sich so richtig nach einem Baumhaus anfühlt.

Sally trägt norwegische Sami-Schuhe aus echtem Rentierfell. Sie werden traditionell im Norden Norwegens gefertigt. Sallys Schwiegermutter hat sie in einem Vintageladen gefunden.

Das Interview führt femtastics-Co-Gründerin Katharina Charpian, die gerade ein halbes Jahr in Norwegen verbringt. Die Baumhäuser erreicht man nur durch eine etwa 20-minütige Wanderung. Holztreppen und kleine Wanderwege führen den steilen Hang hinauf. Zwischendurch kann man immer wieder den Blick auf Odda und den Fjord genießen.

Was ist der größte Unterschied zwischen dem Bau einer normalen Hütte und einem Baumhaus?

Kjartan: Wir waren immer ein bisschen enttäuscht, dass viele Hütten Baumhäuser genannt werden, obwohl es überhaupt keine richtigen Baumhäuser sind. Viele sogenannte Baumhäuser stehen auf Stelzen. Wir wussten von Anfang an, dass wir ein richtiges Baumhaus bauen wollen. Das ganze Gewicht unserer Baumhäuser wird vom Baum getragen. Es ist mit nur zwei Sicherheitsdrähten am Boden fixiert, jetzt im Winter sind es vier weitere wegen der stärkeren Winde.

Sally: Während des Bauprozesses habe ich es manchmal bereut, dass wir uns dafür entschieden haben, die Baumhäuser um beziehungsweise in nur einen Baum zu bauen, ohne jegliche Stützen. Das hätte unser Leben um einiges erleichtert, was zum Beispiel das Gewicht des ganzen Konstruktes betrifft. Jetzt sind wir aber sehr froh, dass wir es nicht gemacht haben – das Endprodukt ist viel schöner und wir können wirklich behaupten, dass es ein Baumhaus ist. Uns ist auch wichtig, dass wir die Umwelt drumherum nicht zerstört haben. Wir könnten das Baumhaus jederzeit abbauen und alles würde wie vorher aussehen. Wir wollten die Umwelt so wenig wie nur möglich belasten.

Wir mussten fast alle großen Teile mit einem Helikopter hierauf transportieren lassen. Da sind auf jeden Fall Kosten entstanden, mit denen wir vorher nicht gerechnet hatten.

Ihr habt es eben schon angesprochen: Eure Baumhäuser sind jeweils nur um einen Baum gebaut, der durch die Konstruktion auch weiterhin wachsen kann. Welchen Kriterien mussten die Bäume entsprechen und wie habt ihr sie ausgesucht?

Kjartan: Das haben wir in Absprache mit einem Ingenieur, der geschaut hat, wie viel der Baum tragen kann und einem “Tree Doctor”, der den Gesundheitszustand des Baums beurteilt hat, entschieden. Außerdem hatten die Architekt*innen auch noch Mitspracherecht. Besonders wichtig war, dass die Bäume dick genug sind. Unsere ursprünglichen Wunschbäume waren etwas zu dünn.

Im September 2020 haben die ersten Gäste in den „Woodnest“-Baumhäusern übernachtet – bis November 2021 sind sie bereits ausgebucht.

Die Finanzen waren unsere größte Herausforderung. Das Budget, das wir uns ursprünglich gesetzt haben, haben wir sehr schnell überschritten.

Was konntet ihr während des Bauprozesses selbst umsetzen und für welche Arbeiten habt ihr euch Profis dazugeholt?

Den kompletten Weg bis hier oben, all die Holzstufen hat Kjartan gebaut. Beim Verlegen der Abwasserrohre und der Elektrizität hat uns Kjartans Familie geholfen. Es gibt ein Wort im Norwegischen, “Dugnad”,  es bezeichnet einen unbezahlten, freiwilligen Arbeitseinsatz, es geht darum anderen zu helfen – dafür bekommt man immer Kaffee und Kuchen. Immer. (lacht) Wenn dich jemand in Norwegen nach “Dugnad” fragt, kannst du ihn beim nächsten Mal auch um Hilfe fragen – das ist hier fest in der Kultur verankert. Wir hatten eine Menge „Dugnads“, einige Freund*innen haben für ein paar Stunden geholfen, andere für mehrere Tage. Kjartans Eltern haben zum Beispiel die Couchbezüge genäht, seine Geschwister haben uns viel geholfen – es ist definitiv ein Familienprojekt. Außerdem haben wir mit einem Bauunternehmen und einigen lokalen Unternehmen, von der Glaserei bis zum Dachdecker, zusammengearbeitet.

Die Aussicht aus beiden Baumhäusern ist spektakulär. Wie habt ihr das Grundstück gefunden?

Sally: Den Ort haben wir eher zufällig entdeckt. Unser Haus befindet sich unten am Hafen in Odda. Wir haben einige Wanderungen gemacht und nebenbei immer Ausschau danach gehalten, wo ein guter Ort für unsere Baumhäuser sein könnte. Wir sind beide religiös und haben hier oben ein kleines Gebet gehalten: “Wir wollen den perfekten Platz, den perfekten Baum finden. Gott, zeig uns, den richtigen Platz”. Wir haben dann diesen Spot gefunden und es war unglaublich, dass es quasi in unserem Hinterhof liegt. Das Grundstück gehört einem Odda-Bewohner, wir haben es nicht gekauft, sondern bei ihm gemietet.

„Kjartan und ich lieben Interior – das Baumhaus ist besser als unser eigenes Haus eingerichtet (lacht). Wir haben all unsere Energie hineingesteckt. Wir lieben neutrale und natürliche Farben und Holz. Es ist sehr minimalistisch eingerichtet, da es nicht sehr groß ist. Jedes Accessoire oder Möbelstück steht für sich“, erzählt Sally.

Was war die größte Herausforderung während der Bauphase?

Sally: Die Finanzen waren unsere größte Herausforderung. Das Budget, das wir uns ursprünglich gesetzt haben, haben wir sehr schnell überschritten. Das war eine konstante Challenge. Irgendwann gab es aber den “No point of return” – dann muss man einfach irgendwie weitermachen. Wir sind keine Businessmenschen und sind einige Risiken eingegangen, haben uns Geld geliehen. Es gibt bei einer Gründung sicherlich immer diese Momente, wenn man denkt: „Oh nein, was machen wir jetzt?“ Aber jetzt sehen wir, dass sich der Mut und unsere Risikobereitschaft bezahlt gemacht haben. Wenn einer von uns kurz gezweifelt hat und unseren gemeinsamen Traum vergessen hat, war der andere da und hat ihn wieder daran erinnert.

Aber auch nach der Fertigstellung überlappen sich unsere Familien- und Businessleben konstant. Wir müssen uns manchmal also zwingen, bewusst Pausen zu machen und beschließen dann weder über E-Mails noch über „Woodnest“ zu sprechen. Dann ist Familienzeit oder Zeit für ein Date. Das ist sehr wichtig und etwas, das wir lernen müssen und woran wir noch arbeiten. Und es ist auf jeden Fall etwas anderes in einer Liebesbeziehung als in einer Businessbeziehung zu sein. Man hat andere berufliche Standards. Da kann es manchmal zu Konflikten kommen. Kommunikation ist wichtig – und Liebe.

Erinnert ihr euch noch an den Moment, als ihr sagen konntet: “Wir haben es geschafft!”?

Sally: Wir saßen ein paar Tage vor der großen Eröffnung in den Stühlen, in denen wir gerade sitzen, haben auf den Fjord geblickt und zueinander gesagt: „Wir haben es geschafft! Wir haben es wirklich geschafft!“ Es gab Nächte, da haben wir hier oben noch um 2.30 Uhr gearbeitet. Besonders zum Ende wurde es sehr stressig, da wir irgendwann ein festes Datum definieren mussten, wann wir eröffnen wollen. Einige Dinge waren zum Opening noch nicht zu 100 Prozent fertig. Wir konnten nach der Eröffnung kurz durchatmen, aber dann kam die Welle des Bookings, viele E-Mails und Anrufe. Der Relaxmoment hielt also nicht lange an.

Wir verlieren oft den Bezug zur Natur und werden von Unterhaltungsangeboten und Technologien abgelenkt. Sie betäuben uns und lassen uns vergessen, uns Gedanken über die wichtigen Dinge im Leben zu machen.

Euer Anliegen mit „Woodnest“ ist, dass eure Gäste den Bezug zur Natur wieder erlangen, wenn sie hier ein paar Nächte verbringen. Warum verlieren wir diesen manchmal?

Sally: Wir verlieren oft den Bezug zur Natur, weil wir uns von Unterhaltungsangeboten und Technologien abgelenken lassen. Sie betäuben uns und lassen uns vergessen, uns Gedanken über die wichtigen Dinge im Leben zu machen. In der Natur stellt man sich größere Fragen: Warum bin ich hier? Man nimmt die Umwelt intensiver wahr, die Blumen, die Tiere, wie sich Dinge natürlich verändern. Es geht darum zurück zu unserem Ursprung zu finden. Wer steht nicht auf einem Gipfel und fühlt sich ganz klein? Wer schaut nicht auf eine wundervolle Kreation der Natur und fragt sich: Wer hat das kreiert? Warum ist es hier? Das sind Fragen, mit denen wir uns wieder mehr beschäftigen sollten.

Habt ihr beide vor der Bauphase mal in einem klassischen Baumhaushotel eingecheckt?

Kjartan: Ja, wir haben 2017 zwei Nächte im “Tretopphytter” in Oslo verbracht. Der Besitzer ist bereits seit 2006 Baumhaushotelier. Nach unserem Aufenthalt wollten wir mit der Umsetzung unserer Idee unbedingt loslegen.

Sally: Es ist ein wunderschöner Platz und der Besitzer und seine Frau haben uns die Möglichkeit gegeben, ganz viele Fragen zu stellen.

Eure Baumhäuser befinden sich in Odda. Odda ist vor allem durch „Trolltunga“, ein Felsvorsprung, den man durch eine 10 Kilometer lange Wanderung von hier erreichen kann, über Instagram bekannt geworden. Hat Odda sich als Standort in den letzten Jahren dadurch stark verändert? Bewertet ihr die Veränderung positiv oder negativ?

Sally: Dazu gibt es eine ganz lustige Geschichte: Auf dem Flug von Australien nach Norwegen, quasi meinem Umzug, habe ich im Flugzeug ein norwegisches Paar kennengelernt und ihnen erzählt, dass ich zu meinem Freund nach Norwegen ziehen werde. Sie waren total begeistert von der Geschichte bis sie gehört haben, dass ich nach Odda ziehe. Sie fragten noch mal schockiert nach: Wirklich nach Odda? Ich konnte zunächst mit ihrer Reaktion nichts anfangen.

Odda ist in Norwegen als Industriestandort bekannt und hat wegen der vielen Fabriken einen schlechten Ruf, in den Siebzigern war der Fjord eine zeitlang stark verunreinigt. Kjartan, der kurz vor unserem Kennenlernen nach Odda gezogen ist, und ich haben aber beide das Potential in dieser Stadt gesehen. Die Natur drumherum ist wunderschön. In den letzten Jahren boomt der Tourismus hier und Odda hat sich stark verändert. Plötzlich tauchten immer mehr Bilder von Trolltunga bei Instagram auf und alle wollten ein Bild von sich auf dieser Klippe haben und posten. Trolltunga hat Odda bekannt gemacht. Es gibt Odda eine neue Chance. Wir leben hier in einer sehr spannenden Zeit. Vor Corona sind hier allein in den Sommermonaten 100.000 Tourist*innen angereist. Ich sehe diese Entwicklung sehr positiv.

Eine Nacht in einem Woodnest Treehouse kostet ab 315 Euro für bis zu 4 Personen.

Covid 19 hat die Reiseindustrie sehr verändert. Ihr habt euer Business ungewollt mitten in einer Pandemie gestartet. Im Januar 2020 habt ihr mit dem Bau begonnen und im September 2020 eröffnet. Wie hat sich die Pandemie auf euer Business ausgewirkt?

Sally: Wir haben unser Business mitten in einer Pandemie gestartet, was natürlich auch viele Ängste mit sich brachte. Eigentlich wollten wir uns von Anfang an voll auf den internationalen Tourismus fokussieren. Dann kam Corona und wir haben alle Pläne verworfen und uns voll auf den nationalen Markt fokussiert, was sich bezahlt gemacht hat. Wir sind bereits bis November dieses Jahres komplett ausgebucht.

Unser Traum ist, dass wir beide irgendwann von „Woodnest“ leben können.

Könnt ihr schon beide schon von „Woodnest“ leben? Wie teilt ihr euch die Aufgaben auf?

Sally: Ich bin bei „Woodnest“ fest angestellt und Kjartan ist im Moment noch als Elektriker tätig. Unser Traum ist, dass wir beide irgendwann von „Woodnest“ leben können. Wir hoffen, dass es in den nächsten Jahren möglich sein wird. Ich mache die Baumhäuser sauber, bereite das Frühstück oder die Käseplatte zu, mache Social Media, und die Kommunikation mit der Presse. Kjartan macht alles andere. Mittlerweile muss er aber teilweise auch die E-Mail-Kommunikation übernehmen, da wir unerwartet viel mit Norweger*innen kommunizieren. Ich spreche fast fließend Norwegisch, das Schreiben fällt mir aber noch nicht so leicht.

Ein eigenes Hotelprojekt beziehungsweise Unternehmen bringt Freiheiten, macht aber auch abhängig. Möchtet ihr auf lange Sicht euer Team erweitern?

Sally: Wenn wir die richtigen Leute finden, die zu uns und „Woodnest“ passen, können wir uns das auf jeden Fall vorstellen und das ist für die Zukunft definitiv. Ich war schon seit zweieinhalb Jahre nicht mehr in Australien – der Trip steht auf jeden Fall an.

Was steht heute auf eurer Bucket List?

Sally: Das ist gar nicht leicht zu beantworten. Ich würde sagen, dass unser Traum immer noch „Woodnest“ ist. Wir wollen noch vier weitere Baumhäuser bauen und starten dieses Jahr mit Nummer 3 und 4. Außerdem ist die Idee, ein kleines Spa, einen Pool und eine Sauna hier oben zu bauen, es also noch erlebnisreicher zu machen. Mein ultimativer Traum wäre es, unser Unternehmen nach Australien zu bringen und dort ebenfalls Baumhäuser unter dem Namen “Woodnest” zu bauen. Meine Kinder sollen irgendwann auch den anderen Teil ihrer Familie kennenlernen können.

Das klingt nach einem tollen Plan für die Zukunft. Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg mit „Woodnest“! Danke, dass wir euch besuchen durften.

Hier findet ihr Woodnest:

Fotos: Katharina Charpian & Axel Hackbarth

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