Brustkrebs in der Schwangerschaft: „Mir fielen die Haare aus und in meinem Bauch wuchs ein Baby heran.“
28. August 2025
geschrieben von Nina Ponath

Manchmal liegen Leben und Tod näher beieinander, als man denkt. Für manche Frauen* ist die Schwangerschaft die schönste Zeit ihres Lebens. Für Kathrin Meier-Mantey ist es der Beginn eines existenziellen Ausnahmezustands. Sechs Jahre ist es her, da erfährt sie in der 15. Woche ihrer dritten Schwangerschaft, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Während im Bauch der gelernten Sozialpädagogin Leben entsteht, beginnt für sie ein Kampf ums eigene Überleben.
Was folgt, ist eine Zeit voller existenzieller Entscheidungen, medizinischer Grenzgänge und innerer Neuausrichtung. Heute gibt sie als Heilpraktikerin für Psychotherapie Schreibtherapie für Krebskranke – ein Angebot, das unter anderem über die „Schleswig-Holsteinische Krebsgesellschaft“ zugänglich ist. Aus der tiefsten Krise ist etwas Neues gewachsen: ein Raum für Worte, Heilung und Begegnung. Ein Gesprächsprotokoll.
"Der Verdacht auf Brustkrebs wurde in der fünfzehnten Schwangerschaftswoche bestätigt."
Es begann mit einer Veränderung in meiner Brust
Schon vor meiner dritten Schwangerschaft war ich zur Mammographie gegangen – wegen eines beunruhigenden Verdachts. Ich hatte eine Veränderung in meiner Brust gespürt, das Gewebe fühlte sich verhärtet an. Der Arzt fragte nach familiären Vorbelastungen – es gab keine – und weil ich mit 37 noch als jung galt, wurde ich wieder nach Hause geschickt. Ich glaube, in dem Moment wusste ich eigentlich, dass etwas nicht stimmte, aber ich freute mich, das Gegenteil zu hören.
Vier Monate später tastete ich abends beim Fernsehen unter der Achsel einen Knoten. Zu dem Zeitpunkt war ich mit meiner dritten Tochter schwanger. Der Verdacht auf Brustkrebs wurde dann in der fünfzehnten Schwangerschaftswoche bestätigt. Im ersten Moment dachte ich da nur „sch…, das kann nicht wahr sein!“. Ich fühlte mich wie im Film, es war alles ganz weit weg von mir. Ich brauchte ein paar Tage, um das zu realisieren; bis ich bemerkte, was da eigentlich in mir vorging. Ich weiß noch, dass ich am Donnerstag, einen Tag nach der Diagnose, ins Auto stieg und zur Arbeit fahren wollte. Ich dachte mir: Ich bin ja nicht krank, ich liege ja nicht im Bett, also weiter im Plan. Im Auto bin ich dann aber zusammengebrochen; da habe ich es zum ersten Mal richtig realisiert.
"Ich kämpfte mit dem Leben, während in mir neues Leben entstand. "
Chemotherapie - und ein Baby im Bauch
Es folgte eine Chemotherapie in der Schwangerschaft. Mein Baby bekam nichts ab, es wurde im Bauch komplett von der Plazenta abgeschirmt. Das war Wahnsinn, das zu sehen. Ich kämpfte mit dem Leben, während in mir neues Leben entstand. Mir fielen die Haare aus und in meinem Bauch wuchs ein Baby heran! So verrückt es klingt: Die Schwangerschaft hat mir Kraft gegeben. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte so Krebs bekommen, ohne dabei schwanger zu sein, ich glaube, das wäre schlimmer gewesen.
Wenn man schwanger ist, ist man voller Vorfreude aufs Baby. Und das war ich auch – trotz allem. Auch, dass meine anderen beiden Kinder da waren, hat mir sehr geholfen. Es hat mir Struktur gegeben und ich habe funktioniert. Ich wollte für sie da sein und gab alles daran gesund zu werden, zu überleben. Ich wollte das durchstehen.
Das Schreiben hat mir geholfen
Während der Behandlung habe ich sehr viel geschrieben. Schreiben hat mir schon seit meiner frühen Jugend gut getan, aber irgendwie hatte ich im Alltag immer weniger Zeit und Muße zu schreiben. Als ich dann die Diagnose bekam, sagte mir eine Stimme, ich muss das aufschreiben! So habe ich eine Form gefunden, den Gefühlen, den Ängsten und Befürchtungen einen Ausdruck zu geben und dabei auch Abstand zu meinen Gedanken zu bekommen. Schreiben war für mich eine Methode, meine Gedanken zu sortieren, meine Sorgen loszulassen und die Ungewissheit auszuhalten. Das ganze Szenario verlor beim Schreiben für mich seinen Schrecken.
Ich habe dann die ganze Schwangerschaft, während der Chemo und den anschließenden Operationen und während der Bestrahlung, weitergeschrieben. Über das Schreiben stand ich mehr in Kontakt mit mir selber, war im Dialog mit meiner inneren Stimme. Und diese Stimme hat daran geglaubt, dass alles gut werden wird.
"Ich habe in der Zeit sowieso sehr damit gehadert, in welcher Gesellschaft und Umwelt wir leben."
Heute lebe ich viel bewusster
Wegen der Krebserkrankung konnte ich mein Baby nicht stillen - das hat mich damals sehr traurig gemacht. Ich trauerte um die fehlende Nähe, um das innige Verhältnis beim Stillen. Es hat sich schlimm angefühlt, meinem Kind Industriemilch aus einer Flasche geben zu müssen. Ich habe in der Zeit sowieso sehr damit gehadert, in welcher Gesellschaft und Umwelt wir leben. Wir sind umgeben von so vielen Giftstoffen, essen Nahrung aus Plastikverpackungen, wohnen neben Feldern auf denen Pflanzenschutzmittel gesprüht werden und so weiter. Und dann wundern wir uns, dass so viele Menschen, auch ganz junge Menschen, Krebs bekommen.
Inzwischen versuche ich Weichmacher, Plastik und Co. weitestgehend zu vermeiden. Ich trinke kaum noch Alkohol, esse kaum Fleisch und Zucker, treibe Sport und mache Yoga. Ich tue das, was in meiner Macht steht, um nicht wieder zu erkranken. Ich habe erkannt, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann.
Damals, in der Zeit der Diagnose, habe ich das noch nicht so gesehen. Ich habe es einfach als mein Schicksal angesehen. Heute, im Nachhinein, denke ich, dass die Sache trotz allem auch etwas Gutes hat. Nicht der Krebs selbst, aber das, was er in mir ausgelöst hat. Ich lebe bewusster. Dafür bin ich sehr dankbar.
Als Schreibtherapeutin helfe ich anderen Menschen mit Krebserkrankung
Plötzlich habe ich auch gewusst, dass ich mich beruflich umorientieren will; nämlich dass ich schreiben will und dass ich mit dem Schreiben arbeiten will. Für mich war das Schreiben die wichtigste Ressource während der Erkrankung. Deswegen will auch anderen Menschen mit Krebs diesen Zugang aufzeigen, als Möglichkeit die Krankheit zu bewältigen. Also habe ich mich intensiv mit dem therapeutischen Schreiben beschäftigt und ein Zertifikat als Schreibtherapeutin gemacht. Als meine Tochter zwei war, wagte ich den Schritt in die Freiberuflichkeit und gründete „Schreibenpur“. Heute biete ich als Schreibtherapeutin Kurse an und begleite Menschen während und nach ihrer Erkrankung. Meine Kurse werden unter anderem von den „Krebsgesellschaften der Länder“ und von der „Deutschen Krebshilfe“ finanziert.
Mich erfüllt es, anderen zu helfen und ich glaube, dass davon wirklich jede*r profitieren kann - vielleicht der*die eine mehr, als der*die andere. Ich habe aber noch nie erlebt, dass jemand nach einem Kurs nach Hause gegangen wäre, ohne etwas mitzunehmen oder sich erleichtert zu fühlen. Schreiben ist einfach ein einzigartiges Ausdrucksmedium.
Das Schreiben hat mich auch abseits vom Krebs mental verändert. Seitdem ich wieder regelmäßig schreibe, ruhe ich viel mehr in mir, ich bin fokussierter und weiß viel mehr, was ich will.
Hier findet ihr "Schreibenpur":
Fotos/Collage: Privat, "Canva"