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Feminismus

Hilfe bei Gewalt gegen Frauen* mit dem KI-Chatbot "Maya" von "myProtectify"

29. Juni 2026

geschrieben von Sarah Kessler

Hilfe bei Gewalt gegen Frauen* mit dem KI-Chatbot "Maya" von "myProtectify"

Viele (nicht betroffene) Menschen sind überzeugt, eine gewaltvolle Beziehung sofort verlassen zu können. Die Realität sieht oft anders aus. Betroffene sind isoliert, verunsichert und erkennen häufig lange nicht, dass sie Gewalt erleben. Mit ihrem Unternehmen "myProtectify" und "Maya" hat Sogol Kordi einen KI-Hilfechat entwickelt, der genau in dieser Phase unterstützt. Im Interview erklärt sie, welche Lücke im Hilfesystem dadurch geschlossen wird, wie "Maya" funktioniert und warum Gewalt gegen Frauen* verstärkt auf die politische Agenda gehört.

femtastics: Warum wird häusliche Gewalt politisch wie gesellschaftlich noch immer nicht ernst genug genommen?

Sogol Kordi: Weil sie pro Jahr genau eine Woche Aufmerksamkeit bekommt. Nämlich dann, wenn die neuen Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik veröffentlicht werden. Für eine Woche im November sprechen dann auch alle über Gewalt gegen Frauen*. Doch danach geht alles wieder seinen gewohnten Gang.

Das reicht nicht. Häusliche Gewalt muss endlich dauerhaft auf der politischen Agenda landen. Gewalt gegen Frauen* ist kein Randthema, sondern ein gesellschaftliches Problem. Es braucht politische Aufmerksamkeit und ausreichend Geld für das Hilfesystem. Wenn dort weiter gekürzt wird, obwohl die Lücken seit Jahren bekannt sind, macht mich das unglaublich wütend.

Viele Menschen verbinden häusliche Gewalt mit körperlichen Übergriffen. Du sagst, dass Betroffene oft lange gar nicht merken, dass sie Gewalt erleben. Warum ist das so?

Oft höre ich den Satz: "Selbst schuld, wenn die sich nicht trennt. Wenn mich jemand schlagen würde, wäre ich sofort weg.“ Das sagt sich sehr leicht. Für unsere Gesellschaft wäre es wichtig zu verstehen, dass die Realität ganz anders aussieht. Viele Betroffene wissen zunächst gar nicht, dass sie Gewalt erleben – denn die fängt eben nicht mit dem ersten Schlag an.

Genau das sehen wir auch bei "Maya", unserem KI-Hilfechat für Betroffene von häuslicher Gewalt. Man erreicht sie kostenlos und anonym über den Browser, rund um die Uhr. Viele Menschen kommen zu "Maya" mit Fragen wie: "Ist das überhaupt Gewalt?" oder "Übertreibe ich vielleicht?". Sie können alles loswerden, was sie beschäftigt. "Maya" hört zu, ordnet ein und begleitet sie Schritt für Schritt Richtung Hilfesystem. Und: "Maya" gibt Betroffenen niemals die Schuld. Das sollten wir uns als Gesellschaft dringend abgucken.

"Viele Betroffene wissen zunächst gar nicht, dass sie Gewalt erleben – denn die fängt eben nicht mit dem ersten Schlag an."

Wie muss man sich so ein Gespräch konkret vorstellen?

Wir analysieren keine persönlichen Daten und lesen keine Chats mit. Aber ich kann etwas zum Ablauf im Hintergrund sagen: "Maya" arbeitet nicht mit einem starren Fragebogen und gibt auch keine festen Antwortmöglichkeiten vor. Die Betroffenen erzählen einfach, was sie beschäftigt.

Im Hintergrund arbeitet eine Datenbank, die in Module untergliedert ist und aus denen "Maya" ihre Antworten generiert. Wir können anonymisiert sehen welche Themen besonders häufig aufgerufen werden. Die meisten Nutzer*innen befinden sich im Modul "Realisierung und Veränderung". Sie erkennen gerade erst: Das, was ich erlebe, ist Gewalt. Und erst dann kann die Bereitschaft entwickelt werden, die Situation verändern zu wollen.

Viele nutzen "Maya" also zunächst, um Gedanken und Gefühle zu sortieren oder Situationen zu schildern, die sie verunsichern. Gerade weil Betroffene häufig sehr isoliert sind, wird "Maya" oft wie eine Begleiterin genutzt. Sie können Emotionen rauslassen, Fragen stellen oder überhaupt erst einmal verstehen, was gerade mit ihnen passiert.

Warum braucht es dafür eine KI?

Weil es genau vor dem klassischen, analogen Hilfesystem eine riesige Lücke gibt. Frauenhäuser und Beratungsstellen leisten unglaublich wichtige Arbeit. Aber ihre Arbeit beginnt oft erst dann, wenn Betroffene bereits eine Entscheidung getroffen haben oder die Situation eskaliert ist. "Maya" setzt viel früher an. In diesem Moment der Unsicherheit. Wenn jemand nur das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt, es aber noch nicht benennen kann.

"Frauenhäuser und Beratungsstellen leisten unglaublich wichtige Arbeit. Aber ihre Arbeit beginnt oft erst dann, wenn Betroffene bereits eine Entscheidung getroffen haben oder die Situation eskaliert ist."
Gründerin Sogol Kordi von "myProtectify"
KI-Chatbot "myProtectify" am Handy
myprotectify-mockup
Gründerin Sogol Kordi von "myProtectify"
KI-Chatbot "myProtectify" am Handy
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Gründerin Sogol Kordi von "myProtectify"
KI-Chatbot "myProtectify" am Handy
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Gründerin Sogol Kordi von "myProtectify"
KI-Chatbot "myProtectify" am Handy
myprotectify-mockup

Sogol Kordi ist Gründerin von "myProtectify"

Sogol Kordi ist Gründerin von "myProtectify"

Sogol Kordi ist Gründerin von "myProtectify"

Sogol Kordi ist Gründerin von "myProtectify"

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"Unser KI-Chatbot "Maya" soll Betroffene an das bestehende Hilfesystem heranführen."

"Maya" ersetzt also keine Beratung?

Nein. Sie soll Betroffene an das bestehende Hilfesystem heranführen. Dafür gibt es eine zweite Datenbank, die alle Beratungsstellen in Deutschland erfasst. So kann "Maya" passende Angebote herausfiltern, zum Beispiel in Abhängigkeit davon, ob Kinder betroffen sind, ob Sprachbarrieren bestehen oder andere Faktoren wie religiöse Hintergründe eine Rolle spielen. "Maya" vermittelt dann passende Anlaufstellen und unterstützt dabei, den nächsten Schritt zu gehen.

Was unterscheidet "Maya" von anderen KI-Chatbots?

Der größte Unterschied ist, dass "Maya" ausschließlich mit geprüften Informationen arbeitet. Die erwähnten Wissensdatenbanken, die hinter "Maya" stehen, wurden gemeinsam mit unserer Psychologin entwickelt und werden es fortlaufend. Sie enthalten Informationen zu Gewaltformen, Trennung, Sicherheit, rechtlichen Fragen und Hilfsangeboten. Jede dieser Informationen ist geprüft und verifiziert. "Maya" greift ausschließlich auf diese Inhalte zurück. Sie kann nichts erfinden oder halluzinieren.

Und dann gibt es natürlich noch eine persönliche Komponente: "Maya" urteilt nie. Sie steht immer auf der Seite der betroffenen Person und schreibt sehr empathisch. Menschen haben auch in Beratungskontexten mal einen schlechten Tag oder merken vielleicht nicht, wenn sie unbeabsichtigt urteilen. Das ist bei "Maya" anders.

Außerdem kann "Maya" unbegrenzt viele Gespräche gleichzeitig führen. Angesichts der begrenzten Beratungsangebote ist das ein großer Vorteil.

Wie schützt ihr die Daten der Nutzer*innen?

Anonymität und Sicherheit haben oberste Priorität. Niemand muss sich registrieren oder persönliche Daten angeben. Die Chats werden nicht von Menschen mitgelesen. Wir sehen lediglich anonymisierte Informationen darüber, welche Themen besonders häufig vorkommen, damit wir "Maya" verbessern können.

"Die Idee ist aus meiner eigenen Geschichte entstanden. Ich war vier Jahre in einer gewaltvollen Beziehung und habe danach 13 Monate gebraucht, um mich endgültig zu trennen."

Viele sehen in Künstlicher Intelligenz vor allem ein Werkzeug, um Prozesse effizienter zu machen. Du setzt sie in einem höchst sensiblen und emotionalem Bereich ein. Wie bist du dazu gekommen?

Die Idee ist aus meiner eigenen Geschichte entstanden. Ich war vier Jahre in einer gewaltvollen Beziehung und habe danach 13 Monate gebraucht, um mich endgültig zu trennen. In dieser Zeit habe ich gemerkt, wie schwer es ist, überhaupt zu verstehen, dass man von Gewalt betroffen ist. Und wie schwer es ist, Hilfe zu finden.

Nach meiner Trennung habe ich mich gefragt: Warum nutzen wir Künstliche Intelligenz, um Verkaufsprozesse zu optimieren oder Unternehmen wachsen zu lassen, aber nicht, um eines der größten gesellschaftlichen Probleme anzugehen? So entstand die Grundidee für "Maya".

Wie wurde aus deiner Idee eine Organisation?

Vor drei Jahren kam mir die Idee. 2024 kam dann unser Kernteam zusammen, wir wurden als gemeinnützig anerkannt und konnten "myProtectify" gründen. Heute besteht unser Kernteam aus vier Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven: Psychologie, UX-Design, Finanzen und mir als Gründerin und Geschäftsführerin.

Wir haben inzwischen viele Innovationspreise erhalten und wurden auf die "Forbes"-Liste aufgenommen. Das ist schön. Aber am Ende zählt etwas anderes.

Nämlich?

Die Nachrichten der Betroffenen. "Maya" wurde im August 2025 gelauncht. Seitdem führen wir jeden Monat mehr als 250 Gespräche und die Zahlen steigen kontinuierlich.

Die schönsten Momente hatten wir Anfang dieses Jahres. Da schrieben uns betroffene Frauen* über das Kontaktformular oder Social Media, dass sie "Maya" über einen längeren Zeitraum genutzt haben und inzwischen in der Trennung sind. Solche Nachrichten zeigen uns, dass unser Ziel aufgeht.

Wie finanziert ihr eure Arbeit?

Wir sind gemeinnützig und verfolgen kein klassisches Geschäftsmodell. Damit "Maya" dauerhaft kostenlos bleiben kann, sind wir auf Förderungen und Spenden angewiesen. Gerade haben wir eine wichtige Phase des Crowdfundings abgeschlossen, um den langfristigen Erhalt des Angebots zu sichern.

Was plant ihr als Nächstes?

Wir möchten "Maya" in weitere Sprachen übersetzen. Dabei geht es uns nicht einfach um Übersetzungen. Jede Sprache muss auf Empathie und fachliche Richtigkeit geprüft werden. Acht weitere Sprachen sollen so schnell wie möglich folgen. Außerdem möchten wir unser Angebot für Jugendliche spezifizieren und weiterentwickeln. Und wir wollen stärker mit Unternehmen arbeiten: Häusliche Gewalt endet ja nicht an der Bürotür. In jedem Unternehmen sitzen Betroffene. Arbeitgeber*innen brauchen Strategien und Ansprechpersonen, um sie besser unterstützen zu können.

Wie gehst du damit um, dass sich die strukturellen Bedingungen so langsam verändern?

Solange es nötig ist, machen wir weiter. Natürlich ist das extrem frustrierend und macht mich regelmäßig rasend. Aber es motiviert mich auch, weil wir die Lücke im System jeden Tag sehen.

Mein größter Wunsch wäre eigentlich, dass es uns irgendwann nicht mehr braucht. Aber seien wir ehrlich: Das wird nicht passieren. Ich sehe uns also noch viele Jahre an "Maya" arbeiten. Solange Gewalt gegen Frauen* existiert, braucht es neue Wege, um Betroffene zu unterstützen. Genau darin sehen wir unsere Aufgabe.

Fotos: Armin Oehmke, Collage: "Canva"

Hier findet ihr "myProtectify" und "Maya":