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Feminismus

Was bedeutet es, in Deutschland mit wenig Geld zu leben, Miriam Davoudvandi?

09. Juni 2026

geschrieben von Hannah Jäger

"Armut in Deutschland trifft Frauen* strukturell härter": Miriam Davoudvandi über Existenzangst, Mental Health und Klassismus

Warum Armut in Deutschland Frauen* strukturell härter trifft

"Dass es jede*r schaffen kann, stimmt einfach nicht", sagt Miriam Davoudvandi. Die Journalistin ist im Sozialbau einer süddeutschen Kleinstadt aufgewachsen. Obwohl ihre Eltern viel gearbeitet haben, war die Familie von Armut betroffen. Klassenfahrt und Klamotten? Waren nicht selbstverständlich. Heute lebt die Moderatorin in Berlin, spricht im Podcast "Danke, gut." über mentale Gesundheit und schreibt in ihrem Buch "Das können wir uns nicht leisten" darüber, wie es ist, in Deutschland wenig Geld zu haben.

Dass Aufstiegsgeschichten wie ihre beliebt sind, macht Miriam Davoudvandi wütend. Sie romantisieren Armut und verschleiern strukturelle Probleme. Etwa dass soziale Herkunft in Deutschland noch immer über Bildungschancen entscheidet, kritisiert die Autorin: "Kinder in Armut starten nicht bei null, sondern bei minus zehn." Im Interview spricht Miriam Davoudvandi über Existenzängste, Mental Health als Klassenfrage sowie toxische Girlboss-Narrative. Und darüber, warum Frauen* in Deutschland häufiger von Armut betroffen sind.

femtastics: Aktuell werden in Deutschland diverse Sozialleistungen gekürzt oder ganz gestrichen. Armut wird noch immer als individuelles Versagen behandelt. Warum hält sich dieses Narrativ so hartnäckig – und wen trifft das besonders?

Miriam Davoudvandi: Das ist seit Jahrhunderten tief verankert, nicht erst seit Friedrich Merz. Wir feiern sehr reiche Menschen öffentlich ab und erzählen uns permanent Aufstiegsgeschichten von Einzelnen, die "es geschafft haben". Darunter auch immer mehr Geschichten von Menschen aus marginalisierten Gruppen. Da denkt man schnell: "Wer es nicht schafft, ist selbst schuld". Diese Narrative werden medial und politisch total gefüttert. Schon in den Agenda-2010-Debatten wurden arme Menschen als Schmarotzer dargestellt. Mich macht wütend, dass ständig Sündenböcke in Form von Migrant*innen und Bürgergeldempfänger*innen gesucht werden. Gleichzeitig sehen wir fast nie Geschichten über strukturelle Armut, also über Menschen, die einfach versuchen, mit zu wenig Geld irgendwie klarzukommen. Das passt nicht in unsere Aufmerksamkeitsökonomie.

"Ich wusste früh, dass wir kein Geld haben und dass ich irgendwie mitverantwortlich bin."
Miriam Davoudvandi

Du arbeitest selbst als Journalistin. Welche medialen Darstellungen von Armut machen dich besonders wütend?

Vor allem Voyeurismus. Wir sind alle mit dem sogenanntem "Assi-TV" aufgewachsen: Sendungen über Schulden, Obdachlosigkeit oder Sucht. Mich erschreckt, wie kultig diese Formate geworden sind. Anstatt strukturelle Probleme aufzuzeigen, machen sie Armut zur Unterhaltung. Oft ist das Narrativ, dass arme Menschen "gerettet" werden müssen. Diese Fernsehsendungen funktionieren transaktional nach dem Prinzip: Du bekommst Hilfe, aber dafür musst du dein Elend öffentlich machen. Dass den meisten Menschen nicht wirklich damit geholfen wurde, wissen wir mittlerweile aus späteren Interviews.

Wann hast du selbst zum ersten Mal verstanden, dass eure Familie "sich das nicht leisten kann"?

Sehr früh, vor allem in der Schule. Schule ist der Ort des permanenten Vergleichens. Da geht es um Kleidung, um Sprache, um das Zuhause, aus dem man kommt. Ob du auf Klassenfahrt mitfahren kannst, ob du Markenklamotten trägst, ob du einen ruhigen Platz hast, um Hausaufgaben zu machen. Ich wusste früh, dass wir kein Geld haben und ich wusste auch früh, dass ich irgendwie mitverantwortlich bin.

Wie meinst du das?

Mir war schon als Kind klar: Wir haben kein Geld. Ich wusste, wie hart meine Eltern arbeiten und dass ich sie nicht zusätzlich belasten darf. Viele Kinder aus armen Familien werden extrem früh parentifiziert – sie übernehmen als Kinder Verantwortung, die eigentlich Erwachsenen gehört. Ganz oft schützt man sich gegenseitig durch Verschweigen und voreinander Dinge verstecken. Meine Eltern wollten nicht, dass ich ihre Sorgen mitbekomme. Und ich wiederum wollte nie zeigen, wenn es mir schlecht ging, weil ich wusste, wie hart sie dafür arbeiten, dass wir es besser haben. Dieses früh Verantwortung übernehmen geht extrem auf die Psyche.

Ich bin an sich die perfekte Aufstiegserzählung, aber es wird total romantisiert, wenn Leute sagen: "Sie hat sich hochgearbeitet." Zu welchem Preis? Ich finde nicht, dass ein Kind parallel zur Schule so viel arbeiten sollte, um sich seine Schullaufbahn mitzufinanzieren, oder im Vollzeitstudium zwei Teilzeitjobs machen sollte. Die Jugend sollte eigentlich eine Zeit sein, in der man sich unbeschwert ausprobieren darf. Ich hatte die nicht. Wenn du arm bist, hast du ständig Existenzangst.

"Psychische Gesundheit lässt sich nicht losgelöst von Klassenkampf denken. Wenn du drei Jobs hast und nicht weißt, wie du deine Miete zahlen sollst, hilft kein Mental Health Walk."
Miriam Davoudvandi

Du widmest dem Thema psychische Gesundheit und Armut ein ganzes Kapitel. Warum hören Armutserfahrungen oft nie auf zu wirken, selbst wenn man es materiell "rausgeschafft" hat?

Weil sich diese Erfahrung einbrennt. Wer weiß, wie es ist, nicht zu wissen, wie man über den Monat kommt, entwickelt eine extreme Grundangst. Viele, die arm aufgewachsen sind, laufen mit diesem Gefühl durchs Leben: Es könnte jederzeit wieder alles weg sein. Wir wissen, wie sich Armut anfühlt, wie schlimm es wirklich ist. Deswegen klammern sich viele Menschen später extrem ans Geld oder entwickeln ein schwieriges Verhältnis dazu. Geld bleibt etwas Ehrfürchtiges, etwas, das Angst macht.

Du schreibst, psychische Gesundheit und Armut lassen sich nicht trennen. Was meinst du damit?

Mental Health wird heute extrem individualisiert. Es geht immer darum, was du tun kannst: meditieren, spazieren gehen, Selfcare, Journaling. Aber vielen Menschen geht es psychisch schlecht, weil sie arm sind. Dieses Hoffnungs- und Antriebslose, was viele Menschen aus der Depression kennen, ist für mich auch ein Symptom von Armut. Existenzangst, Überarbeitetsein, ständiger Stress, all das macht krank. Wenn du zwei oder drei Jobs hast und nicht weißt, wie du deine Miete zahlen sollst, hilft kein Mental Health Walk. Diese Lebensrealitäten sind in gesellschaftlichen Erzählungen über Depressionen kaum präsent.

Dazu kommt: Therapie ist mittlerweile auch eine Klassenfrage. Wer Geld hat, kann sich privat Hilfe suchen. Wer arm ist, wartet monatelang oder bekommt gar keinen Therapieplatz. Und gleichzeitig wird aktuell darüber debattiert, Honorare von Psychotherapeut*innen zu kürzen. Auch so etwas trifft zuerst arme Menschen. Psychische Gesundheit lässt sich nicht losgelöst von Klassenkampf denken.

"Frauen* sind häufiger alleinerziehend und Alleinerziehende gehören zu den am stärksten armutsgefährdeten Gruppen."
Miriam Davoudvandi

Der Armutsbericht 2025 zeigt: Fast sieben Millionen Frauen* in Deutschland sind armutsgefährdet. Das Risiko liegt in allen Altersgruppen mit 16 Prozent höher als bei Männern*. Warum ist Frauenarmut in Deutschland strukturell so hartnäckig?

Es sind sehr viele Faktoren, die dazu führen, dass Frauen* in Deutschland als vulnerable Gruppe strukturell stärker armutsgefährdet sind. Wir haben einen Gender Pay Gap. Frauen* arbeiten häufiger in Care-Berufen, die schlechter bezahlt werden. Frauen* sind häufiger alleinerziehend und Alleinerziehende gehören zu den am stärksten armutsgefährdeten Gruppen. Und Frauen* landen viel häufiger in Altersarmut, weil sie wegen der Care-Arbeit weniger aufs Rentenkonto einzahlen. Dazu kommen finanzielle Abhängigkeiten in Beziehungen. Weibliche Perspektiven auf Klasse fehlen, vor allem in der Klassenliteratur. Viele Geschichten über soziale Herkunft sind sehr männlich erzählt.

Gleichzeitig fehlt oft auch in feministischen Erfolgsnarrativen die Klassen-Dimension.

Mich stört generell dieses Abfeiern von Frauen* dafür, dass sie "stark" waren und etwas überlebt haben. Natürlich respektiere ich das. Was mir fehlt, ist die Kritik an den Umständen: Warum sind Frauen* überhaupt in solchen Situationen? Warum muss eine einzelne Frau* zur Heldin werden, die alles allein stemmt? Und dann bekommen oft vor allem bestimmte Frauen* mediale Aufmerksamkeit: Die gelernt haben zu sprechen, die aus bestimmten Milieus kommen, die Zugang zu Öffentlichkeit haben. Die ganzen Girlboss-Debatten werden oft von Frauen* angeführt, die es geschafft haben und jetzt ihre eigene Erfolgsstory erzählen. Und dabei Lebensrealitäten propagieren, die für die meisten Frauen* schlicht unerreichbar sind.

Dabei steht das Äußere von diesen Frauen* auch stärker im Mittelpunkt als von männlichen Aufsteigern. Warum wird das Aussehen von armen Frauen* so stark moralisiert?

Weil Menschen glauben, Armut sei eine individuelle Entscheidung und weil wir es mögen, Menschen vorzuschreiben, was sie sich von ihrem Geld kaufen sollen. Deshalb wird ständig gejudged, wofür vor allem arme Frauen* ihr Geld ausgeben. Warum jemand Gelnägel hat, warum jemand bestimmte Kleidung trägt, warum man sich "so etwas" leisten kann, warum man das Geld nicht besser für seine Kinder ausgibt.

Nicht gesehen wird, dass viele dieser Dinge Überlebensmechanismen sind, um dazugehören und weniger aufzufallen. Denn ein bestimmtes Aussehen kann dir gesellschaftliche Vorteile verschaffen. Aussehen ist immer auch eine Währung.

"Früher habe ich versucht, möglichst 'reich' auszusehen mit einer Bluse und Perlenohrringe von 'Bijou Brigitte'."
Miriam Davoudvandi

Du sagst, du hast dich als Kind für deine Herkunft geschämt – und schämst dich heute genau dafür. Wann hast du gemerkt, dass du dich aktiv von deiner Herkunft distanzierst?

Ich habe versucht, anders zu sprechen, mich anders zu kleiden, mich anzupassen. Mein Vater hatte zum Beispiel immer ein paar Hemden von Marken wie "Tommy Hilfiger" oder "Boss". Er ist geschniegelt auf die Baustelle gegangen, weil er wusste, dass ein bestimmtes Aussehen beeinflusst, wie Menschen dich behandeln. Und ich erinnere mich daran, dass ich irgendwann selbst versucht habe, möglichst "reich" auszusehen mit einer Bluse und Perlenohrringe von "Bijou Brigitte", weil ich dachte, ich könnte mir dadurch vielleicht auch die Vorteile anderer Kinder aneignen.

Was müsste sich politisch ändern, damit mehr Chancengleichheit möglich wird?

Am Ende hängt alles mit Finanzen zusammen. Es müsste viel mehr Geld in soziale Infrastruktur fließen – in Bildung, Kindergrundsicherung, Unterstützungssysteme. Kinder in Armut starten nicht bei null, sondern bei minus zehn. Und dann versuchen wir ernsthaft so zu tun, als hätten alle dieselben Chancen. Kinder brauchen gute Bedingungen zum Lernen. Sie brauchen Platz, Ruhe, Nachhilfe, Freizeitangebote, die Möglichkeit, auf Klassenfahrten mitzufahren. Und dafür brauchen ihre Eltern vor allem eines: mehr Geld.

Hier findet ihr Miriam Davoudvandi:

Foto: Julius Gabele