Ruth-Maria Thomas über ihr neues Buch: "Die Vorstellung von der einen großen Liebe ist eine Illusion"
03. August 2026
geschrieben von Hannah Jäger

Kann Liebe wirklich alle Unterschiede überwinden? Ruth-Maria Thomas sagt: eher nicht. In ihrem neuen Roman "Die zweitgrößte Liebe" verliebt sich die ostdeutsche Michelle in den wohlhabenden Henry aus Hamburg. Und merkt schnell, dass Herkunft, Geld und familiäres Erbe nicht einfach verschwinden, nur weil man sich liebt.
Mit ihrem Debüt "Die schönste Version" stand die Bestsellerautorin 2024 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Im Interview spricht die ehemalige Sozialarbeiterin über den Druck beim Schreiben ihres neuen Romans, über ostdeutsche Lebensrealitäten und soziale Ungleichheit. Und warum sie Frauen* in den Mittelpunkt ihrer Geschichten stellt, die aufbrechen.
femtastics: Nach dem großen Erfolg von "Die schönste Version" waren die Erwartungen an deinen zweiten Roman enorm. Fiel es dir dadurch schwer, ein neues Buch anzufangen?
Ruth-Maria Thomas: Ich habe schon extrem viel Druck gespürt. Während des Schreibens hatte ich ganz oft Kritiker*innenstimmen im Kopf. Vor allem in den Phasen, in denen ich selbst noch gar nicht wusste, wohin das Buch eigentlich will. Es gab mehrere Momente, sogar noch kurz vor der Abgabe, in denen ich dachte: Ich schaffe das nicht. Daraus wird kein Buch. Ich werde alle enttäuschen.
Meine Freundin und Autorin Verena Keßler sowie meine Lektorin haben mir sehr beim Plotten geholfen, und am Ende wurde aus einem Texthaufen ein Buch.
So wie Michelle, die Protagonistin deines neuen Romans, bist auch du in Ostdeutschland aufgewachsen. Wie ähnlich sind eure Erfahrungen?
Natürlich trage ich meine ostdeutsche Biografie immer mit mir herum. Die Gerüche meiner Kindheit, bestimmte Geschmäcker, Erinnerungen an Erwachsene, bei denen ich aufgewachsen bin – all das beeinflusst mein Schreiben. Dadurch habe ich auch einen Zugang zu Michelles Welt, meiner Hauptfigur.
Am liebsten schreibe ich aber fiktional. Denn es wäre für mich ehrlich gesagt ziemlich langweilig, nur über mich zu schreiben, weil ich mein eigenes Leben ja schon kenne. Die Erfahrungen, Erinnerungen und Atmosphären, die ich mitbringe, übersetze ich in eine fiktive Welt.
"Die Vorstellung von der einen großen Liebe, die alles heilt und ganz von allein funktioniert, ist eine Illusion."
In "Die zweitgrößte Liebe" thematisierst du anhand einer Liebesgeschichte Klasse, Herkunft und soziale Ungleichheit. Warum eignet sich für diese Themen eine Liebesbeziehung so gut?
Mich interessieren große gesellschaftliche Themen. Aber ich wollte kein Sachbuch schreiben. Ich finde es viel spannender, solche Fragen auf die Mikroebene herunterzubrechen. In einer Paarbeziehung zeigt sich letztlich alles, was auch gesellschaftlich passiert: Machtverhältnisse, Unterschiede, Missverständnisse, Erwartungen. Und ich mag große Gefühle, große Bilder und wollte, dass es auch spicy wird. Dafür eignet sich die Liebesgeschichte perfekt.
Gleichzeitig wirkt es oft so, als würden wir romantische Beziehungen sehr individualisieren. Und viel zu selten darüber sprechen, welchen Einfluss Herkunft, Geld oder Bildung auf Liebe haben.
Total. Das kennen wir ja auch aus der systemischen Arbeit. Da schaut man eben nicht nur auf eine einzelne Person, sondern auf das ganze System, in dem sie lebt: Familie, Herkunft, Freundschaften, gesellschaftliche Bedingungen. Genauso ist es auch in Beziehungen. Wir kommen ja nicht als unbeschriebene Blätter zusammen. Wir bringen unsere Geschichte mit, unsere Erfahrungen, unseren Habitus. All das beeinflusst, wie wir lieben, wie wir Konflikte austragen und was wir voneinander erwarten.
Die Vorstellung von der einen großen Liebe, die dann alles heilt und ganz von allein funktioniert, ist eine Illusion. Wir alle bringen etwas mit in eine Beziehung – und das ist eben auch sozial geprägt.
Wie sehr hat deine eigene ostdeutsche Herkunft deinen Blick auf die Geschichte von Michelle und Henry geprägt?
Sehr! Während ich an dem Roman gearbeitet habe, habe ich mich auch viel mit ostdeutschen Lebensgeschichten der Wendefrauen beschäftigt, unter anderem durch den "rbb"-Podcast "Der Bruch – Frauen zwischen Ost und West", den ich gehostet habe. Dabei wurde mir noch einmal bewusst, dass Erbe viel mehr bedeutet als Geld oder Immobilien. Menschen, die den Umbruch nach der Wende erlebt haben, hatten oft völlig andere Voraussetzungen als Menschen in Westdeutschland. Trotzdem haben sie ihr Leben gestaltet, Familien gegründet, Krisen überstanden und sich immer wieder neu orientiert.
Dieses Erbe interessiert mich. Nicht als finanzielles Vermögen, sondern als Erfahrung, als Haltung und als Überlebenswissen. Als ich die Mutter der Protagonistin, Marianne, geschrieben habe, hatte ich genau das im Kopf: dass sie Michelle etwas mitgibt, das viel größer ist als materieller Besitz.
"Literatur erweitert meinen emotionalen Horizont. Ich kann Menschen und Lebenswelten verstehen, die ich vorher vielleicht nur theoretisch kannte."
Dein Roman erzählt von eben diesen ostdeutschen Lebensrealitäten. Was kann Literatur sichtbar machen, das gesellschaftliche Debatten oder Sachbücher oft nicht schaffen?
Literatur kann vor allem Dinge fühlbar machen. Wenn wir Zahlen lesen oder Statistiken hören, bleiben das oft erst einmal Zahlen. Zum Beispiel, dass den Menschen in Ostdeutschland im europäischen Vergleich am wenigsten Immobilienvermögen gehört. Das ist eine krasse Information – aber eben erst einmal nur eine Information.
Wenn wir dagegen Figuren begleiten, ihre Gefühle kennenlernen und ihre Perspektive einnehmen, dann verstehen wir diese Zusammenhänge auf einer ganz anderen Ebene. Dann fühlen wir sie. Mir geht das beim Lesen selbst so. Literatur erweitert meinen emotionalen Horizont. Ich kann Menschen und Lebenswelten verstehen, die ich vorher vielleicht nur theoretisch kannte. Genau das wünsche ich mir auch für meine Bücher.
In deinem Roman erscheint westdeutscher Wohlstand oft als unsichtbare Norm. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass wir gesellschaftlich inzwischen eher über Armut sprechen als kritisch über Reichtum und Privilegien.
Ja, absolut. Für den Roman habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die sehr wohlhabend sind oder viel geerbt haben. Was mir dabei aufgefallen ist: Über Reichtum wird unglaublich wenig gesprochen. Es werden keine Zahlen genannt, vieles wird heruntergespielt oder relativiert. Über Armut dagegen wird viel offener gesprochen – wahrscheinlich auch, weil Geld dort ständig Thema ist. Wenn man wenig Geld hat, muss man über Geld sprechen. Es bestimmt den Alltag. Das kenne ich selbst noch aus meiner Kindheit und Jugend.
Unser ganzes Leben ist durch Geld geprägt. Trotzdem gilt immer noch dieser Satz: Über Geld spricht man nicht. Dabei gefährdet nichts den sozialen Frieden so sehr wie soziale Ungleichheit. Es geht gar nicht darum, dass alle Millionär*innen werden sollen. Es geht darum, dass der Abstand zwischen Arm und Reich nicht immer größer wird. Je größer dieser Abstand ist, desto schwieriger wird gesellschaftlicher Zusammenhalt. Darüber müssten wir viel häufiger sprechen.
Du erzählst die Geschichte auch aus Henrys Perspektive, einem sehr reichen, westdeutschen Mann*. Was war für dich schwierig daran?
Die größte Herausforderung war tatsächlich seine Welt. Die war für mich wahnsinnig abstrakt. Ich komme aus Cottbus – dort gibt es natürlich auch wohlhabende Menschen, aber nicht diesen flächendeckenden Wohlstand wie in Hamburg. Ich musste mich erst einmal hineinarbeiten. Ich habe viele Filme und Serien geschaut, war mit Google Maps in Hamburg unterwegs und habe meine Lektorin ständig mit Detailfragen gelöchert. Am Anfang war das alles noch sehr klischeehaft. Ich dachte zum Beispiel: "Na klar, die fahren nach St. Tropez." Und dann hieß es: "Nee, eher nicht." Solche kleinen Details waren wichtig, damit Henrys Welt glaubwürdig wird.
"Menschen lassen ihre Herkunft nicht automatisch hinter sich, nur weil sie heute mehr Geld haben."
Hat Dich etwas an seiner Figur überrascht beim Schreiben?
Ja, tatsächlich. Überraschenderweise war mir Henry als Figur emotional gar nicht so fremd. Seine kompromisslose Sehnsucht nach Liebe, dieses Gefühl von: "Ich tue alles für die Liebe, Hauptsache ich bin nicht allein" – das konnte ich gut nachvollziehen. Schwieriger war für mich teilweise Michelle. Ihre Welt war mir zwar vertraut, aber ihre Art, sich zu verschließen, kühl oder zynisch zu werden, war beim Schreiben manchmal herausfordernder als Henrys große Emotionalität.
Dabei glaubt Henry, Michelle müsse aus ihrer Herkunft gerettet werden…
Genau. Natürlich ist Scham ein großes Thema, wenn es um Armut geht. Aber ich wollte nicht erzählen, dass Michelle sich für ihre Herkunft schämt. Im Gegenteil: Sie ist stolz darauf, wer sie ist und woher sie kommt. Mir war wichtig zu zeigen, dass Menschen ihre Herkunft nicht automatisch hinter sich lassen, nur weil sie heute mehr Geld haben. Zur eigenen Biografie gehören auch Gewohnheiten und ein Stück Identität.
Henry versteht das lange nicht. Er glaubt, Michelle müsse gerettet werden. Dabei möchte sie sich nicht verändern, nur weil ihr Alltag sorgloser geworden ist. Sie möchte sich und ihr Erbe nicht verlieren. Ich glaube, darin steckt auch ein unbewusster Klassismus: die Annahme, dass die eigene Art zu leben automatisch die bessere ist.
In deinen Romanen geht es immer um Frauen*, die aufbrechen. Warum beschäftigt dich dieses Motiv so sehr?
Es ist schön, dass du das fragst. Genau das interessiert mich im Moment am meisten . Ich schreibe gerade an meinem nächsten Roman, und auch dort geht es wieder um eine Frau*, die geht.
Über Jahrhunderte waren Frauen* an Beziehungen, Familien und gesellschaftliche Erwartungen gebunden. Über ihre Körper wurden Besitz, Vermögen und Erbschaften geregelt. Heute leben wir zwar in einer anderen Zeit, aber trotzdem sind noch immer unglaublich viele Frauen* in gewaltvollen oder unglücklichen Beziehungen gefangen. Und sie bleiben, weil sie Verantwortung übernehmen – für Kinder, Eltern oder Angehörige.
Mich interessiert deshalb die Frage: Wie schafft man es eigentlich zu gehen? Und schafft man es überhaupt?
"Ich bin aufgewachsen und erzogen worden von Ostfrauen."
Was war dein persönlicher Aufbruch?
Ich habe Sozialarbeit studiert und gearbeitet. Dass ich heute vom Schreiben leben kann, hätte ich mir früher niemals vorstellen können. Manchmal habe ich auch ein schlechtes Gewissen. Es ist krass, dass ich jetzt dieses Leben führen kann mit Schreiben, jetzt gerade ein Interview von zuhause aus zu geben, mit Kaffee neben mir und morgen fahre ich zu meinem Verlag nach München. Andere stehen in der Nachtschicht und sorgen dafür, dass Kinder überleben.
Darfst du uns noch etwas mehr zu deinem nächsten Roman verraten?
Noch gar nicht so viel, ich habe ja noch fast nichts daran geschrieben (lacht). Aber mich interessiert der Mauerfall und diese große Offenheit, die plötzlich da war. Diese Vorstellung, dass auf einmal die ganze Welt vor einem liegt – und gleichzeitig die kleine Welt, aus der man kommt. Wie geht man mit all den Träumen um, die plötzlich möglich erscheinen? Was für ein Gefühl muss das gewesen sein, als junge Frau*? Deshalb widmet sich mein dritter Roman Christina, der Mutter von Jella aus "Die schönste Version".
Bist du aufgeregt, aus der Perspektive einer anderen Generation als deiner eigenen zu schreiben?
Nee, gar nicht, da mache ich mir keine Sorgen. Ich bin ja aufgewachsen und erzogen worden von Ostfrauen. Meine Oma und auch meine Mama haben mir sehr viele Geschichten erzählt. Ich bin oft noch bei meiner Oma in der Oberlausitz, da renovieren wir gerade als ganze Familie ihr Haus und ich bin auf viele alte Aufsätze von meiner Mama zur DDR- und Wendezeit gestoßen. Ich freue mich darauf, da einzutauchen.

"Die zweitgrößte Liebe" ist der zweite Roman der Bestsellerautorin Ruth-Maria Thomas.
Fotos: Jonas Holthaus