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Feminismus

Fernandes, Pelicot, Epstein: Wie soll das gehen – mit Männern leben?

02. April 2026

geschrieben von Ciani-Sophia Hoeder

Fernandes, Pelicot, Epstein: Wie soll das gehen – mit Männern* leben?

Collien Fernandes, Gisèle Pelicot, Epstein-Akten. Die Schlagzeilen der letzten Monate wühlen auf und machen einmal mehr deutlich: (digitale) Gewalt gegen Frauen* ist kein prominentes Ausnahmephänomen, sie ist Alltag. Unsere Kolumnistin ist zu müde, um sich immer wieder neu zu erschrecken. Und fragt sich: Wie soll ein Zusammenleben auf Augenhöhe gelingen, wenn ausgerechnet die Männer, die wir kennen und lieben, statistisch die gefährlichsten in unserem Leben sind?

"Wir können erst mit Männern auf Augenhöhe leben, wenn sie Frauen mögen. Wirklich mögen."

Der Fall Fernandes-Ulmen hat auch bei mir Spuren hinterlassen. Dabei müssen wir uns eigentlich noch vom Pelicot-Prozess und den Epstein-Akten erholen.

Der eigene Ehemann. Der Mensch, den man liebt, mit dem man lebt, dem man vertraut. Wie kann das möglich sein?

Männer töten, fast jeden Tag

Dabei ist das eigentlich Mainstream: Alle zwei bis drei Tage tötet ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin. Fast jeden Tag gibt es einen Tötungsversuch. Die meiste Gewalt geht nicht von einem unbekannten Mann aus, der plötzlich auf einer nebligen Straße auftaucht. Am gefährlichsten sind Männer, die wir kennen.

Der Partner. Der Vater. Der Onkel. Männer, mit denen wir leben. Männer, die wir lieben.

Eine Randnotiz, die keine ist: Es hat einen Grund, warum einstweilige Verfügungen über das Familiengericht laufen. Noch eine weitere: Hier geht es um Heteronormativität.

"Bis 1997 war es in Deutschland legal, die eigene Ehefrau zu vergewaltigen. So nah ist diese Vergangenheit."

Sexismus ist kein Extrem – er ist Alltag

Die konstante Gewalt gegenüber Frauen* erzeugt Wut, ja. Trauer auch. Aber vor allem breitet sich etwas anderes in mir aus: eine lähmende Ernüchterung. Eine unangenehme Erkenntnis: Mit Männern zu leben ist lebensbedrohlich. Wie Rauchen. Nein, gefährlicher. Wie mit einer tickenden Zeitbombe. Buchstäblich, wenn wir uns die internationale Politik ansehen. Die Kriege.

Das ist kein neuer Gedanke. Es ist eine alte Debatte im Feminismus. Doch die Gewalt bleibt hartnäckig – und daraus stellt sich die Frage: Wie können wir überhaupt mit Männern leben? Und noch drastischer: Sind wir naiv zu glauben, dass es überhaupt möglich ist?

Diese Fragen stellt die Philosophin Manon Garcia in ihrem Buch "Mit Männern leben". Ihre Analyse macht deutlich: Sexismus passiert nicht nur in Extremen, sondern im Alltag, im Zusammenleben. Unsere Gesellschaft ist davon durchdrungen.

Es sind diese archaischen Besitzansprüche – bei Pelicot und Ulmen –, die eines signalisieren: Für Männer sind Frauen* keine Menschen. Sie sind Objekte. Bis 1997 war es in Deutschland legal, die eigene Ehefrau zu vergewaltigen. So nah ist diese Vergangenheit.

"Das sind nicht nur die Pseudo-'Alphas'. Es gibt viele andere, die von dieser Ordnung profitieren. Und schweigen, wegschauen, zu unempört reagieren."

"Not all men" – und trotzdem profitieren fast alle

Natürlich melden sich an dieser Stelle die "Not all men"-Stimmen. Sie relativieren, beschwichtigen, doch hier geht es um Männlichkeit. Nicht den Mann, sondern die Idee vom "Mann". Die australische Soziologin Raewyn Connell fordert: Wir müssen uns von der Vorstellung einer einzigen Männlichkeit verabschieden.

Es gibt mehrere Formen. Männlichkeit ist kein Monolith. Und trotzdem dominiert eine Form hartnäckig: jene, die Kontrolle und Anspruch normalisiert.

Das sind nicht nur die Pseudo-"Alphas", die genüsslich durch die Manosphere surfen. Es gibt auch viele andere, die von dieser Ordnung profitieren. Und schweigen, wegschauen, zu unempört reagieren.

"Der Boyfriend, der betroffen reagiert – zumindest mit der eigenen Partnerin – aber nicht mit den Bros vom Handballtraining über Gewalt gegen Frauen* spricht."

Wo sind die Männer, wenn Frauen* auf die Straße gehen?

Das ist es, was beim Fernandes-Ulmen-Fall unangenehm auffällt: Die Solidarität von Frauen*, Gays und nicht-binären Personen ist laut, sichtbar, empowernd. Sie organisieren Demos, posten, sammeln Unterschriften und stellen Forderungen an die Bundesregierung.

Doch was ist mit den Männern? Ist es nicht auffällig still?

Und ich meine echte Gespräche. Nicht politisches Ausschlachten oder das klassische Achselzuckende mit dem "Ist es nicht zu performativ, wenn ich ein Video dazu aufnehme?" – um dann überhaupt nichts zu machen. Wenn etwa Friedrich Merz über Gewalt gegen Frauen* spricht und dabei vor allem rassistische Narrative bedient, zeigt das vor allem eines: wie schnell Verantwortung verschoben wird.

Die Banalität des Bösen – und die Stille daneben

Dabei ist die Realität unbequemer. Gewalt gegen Frauen* ist kein Randphänomen. Sie ist klassenübergreifend, altersübergreifend, unabhängig von Herkunft. Sie kommt von Männern. Punkt. Und trotzdem wird sie relativiert, instrumentalisiert, politisch ausgeschlachtet. Oft von genau denen, die nicht betroffen sind.

Die politische Theoretikerin Hannah Arendt nannte das die "Banalität des Bösen": Nicht das Monströse ist das Erschreckende. Sondern das Gewöhnliche. Menschen, die nicht widersprechen. Die nicht eingreifen. Die weitermachen. Der Boyfriend, der betroffen reagiert – zumindest mit der eigenen Partnerin – aber nicht mit den Bros vom Handballtraining über Gewalt gegen Frauen* spricht.

"Welche Frauen* finden sie interessant, die sie nicht attraktiv finden?"

Die eigentliche Frage: Mögen Männer Frauen* überhaupt?

Die Antwort auf die Frage, wie man mit Männern leben kann, ist vielleicht einfacher. Und unbequemer: Wir können erst mit Männern auf Augenhöhe leben, wenn sie Frauen* mögen. Wirklich mögen.

Diese Frage hat mir meine Freundin und Kollegin Aida Begehrenjagd gestellt: Wie viele Männer kennst du, die Frauen* mögen? Nicht als Ehefrauen. Nicht als Mütter. Nicht als Projektionsflächen. Sondern als Menschen.

  • Sprechen sie mit Frauen*?
  • Welche Autor*innen lesen sie?
  • Wie viel Musik von Frauen* hören sie?
  • Welche Frauen* inspirieren sie?
  • Wie oft empfehlen sie Arbeiten von Frauen* weiter?
  • Welche Frauen* finden sie interessant, die sie nicht attraktiv finden?
  • Mit wie vielen Frauen* sind sie befreundet – platonisch?

Wie sehr interessieren sie sich für Frauen* – nicht weil sie Frauen* sind, sondern weil sie Menschen sind?

xoxo Müder Millennial


Journalistin Ciani-Sophia Hoeder ist eine romantische Pessimistin. Sie pendelt zwischen Kritik und Hoffnung, zwischen Gesellschaftsanalyse und Zärtlichkeit. In ihrer femtastics-Kolumne "Soft Optimism" nimmt sie Leser*innen jeden Monat mit in Rabbit Holes, die zwischen Internettrends und politischer Hoffnung liegen.


Foto: Meg-Vada Hoeder
Collage: "Canva"