Rettet Lebensmittel: „The Good Food“ bietet Produkte zweiter Wahl an

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Krummes Obst und Gemüse, Backwaren vom Vortag und Lebensmittel, die noch gut sind, bei denen jedoch das Mindesthaltbarkeitsdatum schon überschritten ist – „The Good Food“-Gründerin Nicole Klaski und ihr Team haben sich der Rettung von Waren verschrieben, die ansonsten in der Mülltonne landen würden. Größtenteils handelt es sich dabei um Spenden von regionalen Lebensmittelerzeugern und -Händlern, mit denen „The Good Food“ Kooperationen geschlossen hat. Wir besuchen die 35-Jährige in ihrem Laden in Köln-Ehrenfeld. Dort erzählt sie uns, wie sie das Projekt ins Leben gerufen hat und welche Herausforderungen die Leitung von mittlerweile mehr als 50 ehrenamtlichen Mitarbeitern mit sich bringt.

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Es gibt eine Statistik, die besagt, dass in einem Jahr in Deutschland so viele Lebensmittel verschwendet werden, wie in den Kölner Dom passen.

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femtastics: Wie viele gute Lebensmittel landen in Deutschland tatsächlich im Müll?

Nicole Klaski: Es gibt eine Statistik, die besagt, dass in einem Jahr in Deutschland so viele Lebensmittel verschwendet werden, wie in den Kölner Dom passen. In der Landwirtschaft höre ich oft, dass es zwischen 30 und 40 Prozent der Ernte sind. Wir haben vorletztes Jahr von unserem Bauer die Information bekommen, dass er sogar 50 Prozent seiner Kartoffelernte wegschmeißen musste. Verlässliche Zahlen zu bekommen ist gar nicht so einfach, weil oft unklar ist, was und wie gezählt wird. Was den Handel angeht ist das Problem, dass die Supermärkte keine Pflicht haben, das was sie aussortieren, zu dokumentieren. Sie geben nur freiwillig Zahlen heraus, die natürlich oft geschönt sind.

Was genau ist das Konzept von „The Good Food“?

Bei uns im Laden gibt es nur Lebensmittel, die für den „normalen“ Verkauf nicht in Frage kommen. Wir verkaufen zum Beispiel MHD-Ware, wollen aber auch etwas gegen Lebensmittelverschwendung tun, indem wir regelmäßig Nachernte machen. Das heißt, wir gehen zu verschiedenen Landwirten, mit denen wir Kooperationen haben, und die sagen uns, welche Gemüsesorten wir an diesem Tag bei ihnen nachernten können. Wenn wir das nicht machen würden, würde dieses Gemüse einfach auf dem Feld liegen bleiben.

Was gab für dich den Ausschlag, ein derartiges Projekt in Angriff zu nehmen?

Ich habe mich darüber geärgert, dass wir so viele gute Lebensmittel wegwerfen, weil das eine große Ressourcenverschwendung ist. Denn wir schmeißen letztlich nicht nur den Apfel weg, sondern auch das Wasser, die ganze Arbeit und Liebe, die hineingeflossen ist. Dagegen wollte ich etwas tun.

Was hast du vor „The Good Food“ gemacht?

Ich habe Jura in Köln studiert. Währenddessen habe ich sogar in einer Kanzlei gearbeitet und hatte die Illusion, ich könnte mit dem, was ich im Studium lerne, viel verändern und durchsetzen. Aber erst der Master of Human Rights, den ich in Australien gemacht habe, hat wirklich die Themen abgedeckt, die mich interessieren. Danach habe ich in Nepal in einer NGO gearbeitet. Zurück in Köln habe ich angefangen mit „Foodsharing“. Später habe ich dort sogar die Geschäftsführung übernommen. Das war mein erster Job im Bereich der Lebensmittelrettung.

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Und wie sahen dann die Anfänge von „The Good Food“ aus?

Am Anfang waren wir nur zu zweit. Wir hatten ein kleines Stipendium von „Social Impact“ gewonnen und damit konnten wir ein Büro im „Colabor“, einem Raum für Nachhaltigkeit hier in Köln, finanzieren. Dort haben wir dann gesessen und zunächst einmal in der Theorie durchgespielt, wie wir das Konzept aufziehen können. Beispielsweise wie wir Kooperationen mit regionalen Lebensmittelproduzenten und -Händlern schließen können.

Wie seid ihr das praktisch angegangen?

Die Kooperationen kamen ganz unterschiedlich zu Stande. Den Lammertzhof, mit dem wir seit einiger Zeit zusammenarbeiten, habe ich durch eine Nachernte, die der Landwirt selbst organisiert hat, kennengelernt. Er ist sehr engagiert und hat das damals initiiert, weil er sich genauso darüber geärgert hat, dass so viele der Lebensmittel, die er mit Liebe und Mühe angezogen hat, nicht verkauft werden können. Viele andere unserer jetzigen Kooperationspartner sind aber auch von sich aus auf uns zugekommen. Und so ist unser Netzwerk immer größer geworden.

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Vor etwas mehr als einem Jahr habt ihr euer Geschäft eröffnet. Wie kam es dazu?

Tatsächlich ist dieser Laden vor einem Jahr zu uns gekommen. Davor haben wir unsere Waren an einem Marktstand und in Pop-Up-Stores angeboten. Dort stand plötzlich ein Ehepaar vor mir und sie meinten, sie finden das Konzept so toll und sie hätten gerne, dass wir zu ihnen in den Laden ziehen. Damals war es aber für uns noch gar nicht klar, ob wir das überhaupt umsetzen können. Trotzdem habe ich mir den Laden mal angeguckt und festgestellt, dass er einfach superschön ist. Von da an haben wir daraufhin gearbeitet.

Was hat sich seitdem getan?

Inzwischen sind wir über 50 Leute, die sich regelmäßig für „The Good Food“ engagieren. Nicht alle machen Ladendienst, es gibt auch Leute, die nur raus zum Bauern fahren oder sich mit der Logistik beschäftigen. Dienstags gibt es eine Gruppe, die nur kommt, um uns dabei zu unterstützen, die neue Ware vom Bauern auszuladen. Manchmal helfen Menschen, die zufällig auf der Straße vorbeigehen. Das ist ziemlich cool. Insgesamt erfahren wir ganz viel Zuspruch und Unterstützung. Sei es Arbeitskraft oder auch Material, wie zum Beispiel Papiertüten für den Laden, die einige Omis vorbeibringen.

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Wie finanziert ihr euch?

Obwohl wir keine festen Preise haben und Kunden für die Lebensmittel zahlen können, was sie wollen, finanziert sich der Laden durch unsere dortigen Einnahmen komplett. Wir haben aber daneben noch unseren Catering-Bereich, bei dem wir verschiedene Bezahlsysteme etabliert haben. Manchmal bieten wir auf Veranstaltungen etwas zu essen an und stellen nur eine Spendendose auf. Aber es kommen auch vermehrt Anfragen für feste Catering-Aufträge, mit festen Posten. In diesem Fall stellen wir eine richtige Rechnung.

Warum habt ihr euch entschlossen, „The Good Food“ ehrenamtlich aufzuziehen?

Tatsächlich hatten wir in der Anfangszeit einfach wenig Geld zur Verfügung. Wir haben entgegen aller Start-Ups kein Crowdfunding gemacht, auch keinen Kredit aufgenommen oder ähnliches. Daher haben wir damit gearbeitet, was vorhanden war: Und das war nur unsere eigene Arbeitskraft. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass es etwas ganz Schönes ist, mit Ehrenamtlichen zu arbeiten, weil sie nur da sind, da sie Freude an der Arbeit haben. Eine Win-Win-Situation für beide sozusagen.

Und wie verdienst du dann deinen Lebensunterhalt?

Ich habe noch zwei andere Jobs. Einmal bei der „Klimaschutz Community Köln“ und als Koordinatorin der Nachbarschaftsarbeit in Ehrenfeld bei „Agora“. Aber in diesem Monat haben wir die erste bezahlte Stelle bei „The Good Food“ schaffen können, sodass ich dort als Geschäftsführerin zum ersten Mal ein Gehalt beziehe. Um das Ganze auf nachhaltige Beine zu stellen, ist das ein wichtiger Schritt für uns.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?

Die Tage variieren sehr. Ich habe viele verschiedene Aufgaben. Manchmal fahre ich nur Ware mit dem Fahrrad hin und her. Oder ich bin im Lager und rangiere die Paletten. Aber ich sitze genauso oft am Computer und kümmere mich um die Kommunikation, um Anfragen unserer Kooperationspartner oder der Presse. Außerdem schreibe ich den Newsletter und betreue unsere Social Media Kanäle. Einen bestimmten Tag, an dem ich nur Büro mache, gibt es aber nicht.

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Was ist die größte Herausforderung als Chefin?

In Bezug auf die Mitarbeiter ist mir wichtig, dass alle die Aufgaben bekommen, an denen sie Freude haben. Das ist ja das Schöne am Ehrenamt: dass alle nur da sind, weil sie wollen. Aber es ist manchmal nicht so leicht, das umzusetzen, bei so vielen Menschen. Da muss man verschiedene Dinge gut abwägen. Wenn beispielsweise jemand im Laden arbeiten will, aber ganz große Probleme hat, mit den Kunden ins Gespräch zu kommen, dann braucht man vielleicht noch jemand zweiten, dem die Kommunikation leichter fällt.

Während wir eben bei euch im Laden waren, waren ziemlich viele Kunden da. Wer kauft eigentlich alles bei euch ein?

Das Klientel ist sehr unterschiedlich. Zum einen sind es Leute, die nur ein geringes Budget zur Verfügung haben. Denen bieten wir die Möglichkeit, gutes und frisches Gemüse zu bekommen. Oder einfach nur Menschen, die etwas gegen die allgemeine Lebensmittelverschwendung tun wollen. Auch das Alter ist gemischt. Es kommen viele Mütter, die mit ihren Kindern gucken wollen, wie die Lebensmittel tatsächlich aussehen. Oder Rentner, die Nachernte noch von früher kennen.

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„Zahl, was es dir wert ist“ lautet euer Konzept. Bringt das auch Probleme mit sich?

Es sorgt zumindest immer wieder für Diskussionen. Gerade Leute, die zum ersten Mal bei uns einkaufen, wissen oft nicht, wie viel Geld sie geben sollen. Aber wir haben im Team besprochen, dass wir keine Preisansagen machen. Das irritiert. Wir können höchstens Dinge sagen wie „für die Kartoffel waren wir auf den Feldern“ oder „da ist viel Arbeit reingeflossen“. Einen festen Preis nennen wir also nicht. Anderseits haben wir mittlerweile viele Stammkunden, die sich bereits daran gewöhnt haben und diese Diskussionen sind schon viel weniger geworden.

 

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Wie sind deine Wünsche für die Zukunft?

Wir machen auch Caterings und sind unter anderem oft für Veranstaltungen im Nachhaltigkeitssektor gebucht oder auf Festivals. Das ist ein Bereich, der unbedingt noch wachsen muss. Denn bisher haben wir nur eine geliehene Küche. Damit die Logistik besser wird und nicht alles immer hin und her transportiert werden muss, suchen wir gerade eine eigene. Es wäre schön, wenn man dort Workshops anbieten könnte. Außerdem kann ich mir vorstellen, dass wir neben dem jetzigen Laden noch etwas Anderes aufmachen, wo es vielleicht einen Mittagstisch gibt. Aber das wird noch ein bisschen Zeit brauchen.

Danke für deine Zeit und die spannenden Einblicke in die Arbeit von „The Good Food“, liebe Nicole.

 

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Hier findet ihr The Good Food:

Adresse: Venloer Str. 414, 50825 Köln

Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 11-19 Uhr

 

Fotos: Judith Büthe

Interview: Julia Tries

Layout: Carolina Moscato

 

 

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