ADHS im Job: "ADHS ist meine Business-Superpower."
12. Februar 2026
geschrieben von Fiona Torke

"Du hast ADHS? Dann bist du bestimmt immer hibbelig und kannst dich nicht konzentrieren!". Auch wenn immer mehr Menschen offen über Neurodivergenz sprechen, halten sich Vorurteile hartnäckig. ADHS im Job ist für viele Betroffene weiterhin ein sensibles Thema: aus Scham, Angst vor Stigmatisierung oder dem Gefühl, nicht ernstgenommen zu werden.
Alina Grigoleit hat sich bewusst entschieden, offen mit ihrer Diagnose umzugehen. Die Gründerin der "LinkedIn"-Agentur "Bee Seen" spricht online darüber, warum sie ADHS im Job heute als Ressource erlebt und wie es ihre Art zu arbeiten und zu denken beeinflusst.
Hinweis: ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung)und Neurodivergenz zeigen sich bei jeder Person unterschiedlich. Die folgenden Aussagen spiegeln ausschließlich die persönlichen Erfahrungen von Alina Grigoleit wider und erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. ADHS kann für viele Menschen mit großen Herausforderungen verbunden sein – dieser Beitrag soll weder Symptome verharmlosen noch eine bestimmte Lebens- oder Arbeitsform empfehlen, sondern eine individuelle Perspektive sichtbar machen.
"Ich habe mich anders, irgendwie falsch gefühlt und dachte, mit mir stimmt etwas nicht."
femtastics: Alina, du sprichst online offen über deine ADHS-Diagnose. Wann hast du diese bekommen und wie erging es dir damit?
Alina Grigoleit: Ich war als Kind häufig zappelig, habe aus dem Fenster geschaut und fand jeden Vogel spannender als den Unterricht. Als ich meine ADHS-Diagnose bekommen habe, wusste ich erstmal gar nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich habe mich anders, irgendwie falsch gefühlt und dachte, mit mir stimmt etwas nicht.
Daraufhin folgten ein Schulwechsel und Umwege bis zum Abitur, immer begleitet von dem Gefühl, nicht in das klassische System reinzupassen. Das hat sich erst im Studium verändert, als ich mich endlich mit etwas beschäftigen durfte, das mich wirklich interessiert hat.
"Wenn ich etwas wirklich will, bin ich super leistungsfähig. Ich bin risikoaffin, packe Dinge an und traue mich, neue Ideen umzusetzen."
Wie erlebst du ADHS im Job heute als Unternehmerin?
ADHS ist herausfordernd und eine spürbare Belastung, auch wenn es bei mir eher leicht ausgeprägt ist. Ich habe für mich gelernt, dass ich Abwechslung und Struktur in einer gewissen Balance benötige. Ich kann beispielsweise nicht immer am selben Ort arbeiten, sondern brauche regelmäßig Veränderung. Daher sitze ich mit meinem Laptop mal im Café, mal im Coworking Space und manchmal zu Hause.
Meine Routinen helfen mir dabei, im Gleichgewicht zu bleiben: bewusste Pausen, handyfreie Zeiten und kleine Belohnungen nach langweiligeren Aufgaben. Wenn ich zwei Stunden etwas Anstrengendes gemacht habe, weiß ich inzwischen über mich, dass ich danach Bewegung oder einen Reset benötige. Neben den Challenges bringt mein ADHS auch Aspekte mit sich, die ich für meine Arbeit nutzen kann. Zum Beispiel in Phasen von Hyperfokus: Wenn ich kreativ arbeite oder Content entwickle, kann es passieren, dass ich vier, fünf Stunden in meiner Aufgabe versinke und alles um mich herum vergesse – selbst das Essen.
Wann hat sich dein Blick auf dein ADHS verändert und wie hast du deinen Umgang damit gefunden?
Als Kind ist es mir schwergefallen. Ich habe die Diagnose als etwas von außen Auferlegtes empfunden, das mich in eine Schublade steckt: unkonzentriert, faul, unfähig. Inzwischen weiß ich zum Glück, dass mein ADHS mich nicht ausbremst, sondern antreiben kann: Wenn ich etwas wirklich will, bin ich super leistungsfähig. Ich bin risikoaffin, packe Dinge an und traue mich, neue Ideen umzusetzen.
Als ich meine Agentur "Bee Seen" gegründet habe, hatte ich keinen perfekten Businessplan. Ich habe einfach gemacht. Wenn ich einen Business Plan hätte schreiben müssen, gäbe es die Agentur wahrscheinlich bis heute nicht.
"Ich habe mich entschieden, auf "LinkedIn" über meine Diagnose zu sprechen, weil mir Authentizität wichtig ist."
Welche Erfahrungen hast du gemacht, seitdem du offen über deine Diagnose sprichst?
Ich habe mich entschieden, auf "LinkedIn" über meine Diagnose zu sprechen, weil mir Authentizität wichtig ist. Klar hatte ich Angst, dass potenzielle Kund*innen denken könnten, ich sei unstrukturiert, und dadurch nicht mit mir zusammenarbeiten wollen. Ich durfte hier jedoch sehr korrigierende Erfahrungen sammeln und habe viel positives Feedback bekommen. Mich haben zahlreiche Nachrichten von Menschen erreicht, denen es genauso geht oder die sich bei mir für meine Offenheit bedankt haben. Ich hatte zum Glück keine einzige negative Erfahrung.
Ein verbreitetes Narrativ ist, dass ADHS besser zur Selbstständigkeit passe als zum Angestelltenverhältnis. Wie siehst du das?
Das lässt sich gar nicht pauschal sagen. Es hängt von der Ausprägung des ADHS, der eigenen Persönlichkeit und dem eigenen Umgang mit den Symptomen ab. Wer etwas aufbaut, dass nicht zu ihm*ihr passt, wird wahrscheinlich scheitern. Meine Erfahrung ist: Wenn man etwas macht, worauf man wirklich Lust hat, kann ADHS ein riesiger Vorteil sein.
Ideenreichtum, Mut, Hyperfokus – diese Aspekte befeuern das Unternehmer*innentum. Mein ADHS ist meine Superpower.
"Mir hat es unglaublich geholfen, mir Vorbilder zu suchen."
Was würdest du einer Person raten, die eine ADHS-Diagnose frisch bekommen hat und sich noch schwer damit tut, sie anzunehmen?
Mir hat es unglaublich geholfen, mir Vorbilder zu suchen. Es gibt inzwischen viele Creator*innen, die offen über ihr Leben mit ADHS sprechen. Dadurch spürt man, dass man nicht allein ist. Das kann unfassbar entlastend sein. Natürlich hat ADHS schwierige Seiten und ist vor allem erstmal anstrengend. Es kann aber etwas sehr Kraftvolles sein. Ich habe gelernt, mit der Diagnose und den Symptomen zu arbeiten, statt dagegen.
Und was würdest du einer Person raten, die sich selbstständig machen möchte, aber ihre Passion noch nicht gefunden hat?
Der wichtigste Schritt ist: ausprobieren! Und gleichzeitig zurückschauen: Was hat mir früher Spaß gemacht? Oft liegt da mehr, als man denkt. Bei mir war Social Media zum Beispiel mit 18 ein Thema: Ich war damals selbstständig, habe einen "Instagram"-Kanal aufgebaut. Ich hatte eine größere Community und habe Kooperationen gemacht. Heute ist es nicht mehr "Instagram", sondern "LinkedIn", aber das Grundding ist ähnlich: kreativ arbeiten, Inhalte entwickeln, Menschen und Marken sichtbar machen. Das war wie ein Full-Circle-Moment.
Hier findet ihr Alina Grigoleit:
Foto: Alina Grigoleit
Collage: "Canva"