Vermögen aufbauen ohne Erbe: 9 Schritte – und was Frauen* dabei im Weg steht
26. Oktober 2026
geschrieben von Anissa Brinkhoff

Der beste Finanztipp? Reiche Eltern haben. Klingt zynisch, ist aber ziemlich nah an der Wahrheit: Ein Erbe ist der größte Vermögensbooster in Deutschland. Wer ohne startet, braucht einen langen Atem, die richtige Strategie und ein bisschen Glück. Finanzjournalistin Anissa Brinkhoff zeigt, wie Vermögen aufbauen ohne Erbe trotzdem gelingen kann. Und ordnet ein, welche Hürden vor allem Frauen* dabei im Weg stehen, die mit Disziplin allein nicht zu überwinden sind.
"In der kapitalistischen Welt bedeutet Geld Macht, Freiheit und Selbstbestimmung. Deshalb ist es mehr als okay, viel davon haben zu wollen."
400 Milliarden Euro werden jährlich in Deutschland vererbt. Das ist viel Geld, das aber nur auf wenige Menschen verteilt wird. Denn die reichsten 20 Prozent in Deutschland erben laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung wesentlich häufiger als alle anderen. Du gehörst nicht zum Club der Erb*innen? Dann wird es für dich wesentlich schwieriger, ein eigenes Vermögen aufzubauen. Aber unmöglich ist es nicht.
Warum ein Erbe so viel ausmacht
Wer erbt, startet mit ganz anderen Bedingungen ins Leben:
- hat seit der Kindheit mehr Geld für Bildung
- ein Sicherheitsnetz im Hintergrund
- könnte sich höhere Risikobereitschaft leisten
- und wohnt vielleicht sogar mietfrei.
Allein diese Aufzählung zeigt, welche anderen finanziellen Prioritäten Menschen setzen, die nicht erben werden. Denn erstmal muss die Miete bezahlt werden, bevor Geld in den Vermögensaufbau gesteckt werden kann.
Trotzdem gibt es immer noch die klassischen Aufsteiger*innen-Geschichten. Ich habe Freund*innen, deren Eltern nicht studiert haben oder aus dem Ausland nach Deutschland eingewandert sind. Sie hatten wenig Hilfe bei den Hausaufgaben, keine Vorbilder bei der Studiengangwahl. Heute besitzen sie Immobilien und ein gut gefülltes Depot. Wenn ich genauer hinschaue, haben sie aber fast alle eines gemeinsam: ein sehr hohes Gehalt.
Ihre Geschichten zeigen, dass Vermögensaufbau ohne Erbe möglich ist. Sie zeigen aber auch, wie viel dafür zusammenkommen muss. Für eine*n Erzieher*in, eine Pflegekraft oder eine alleinerziehende Mutter in Teilzeit sieht dieselbe Rechnung ganz anders aus. Hier habe ich über "Momflation: die versteckten Kosten des Mutterseins" geschrieben.
"Wenn es so einfach wäre, Vermögen aufzubauen, wie sich dieser Text liest, dann wären wir alle reich."
Vermögen aufbauen ohne Erbe: Was hilft – und was im Weg steht
Trotzdem werden all diese Ratgeber über Finanzen ja nicht ohne Grund geschrieben. Denn ganz rational gesehen, gibt es tatsächlich Steps, die dir helfen, Vermögen aufzubauen. Doch nicht jede*r kann sie einfach Schritt für Schritt umsetzen. Wir Frauen* stoßen gegen gläserne Decken, die uns von den Chefinnen-Posten fernhalten. Krankheiten können uns ausbremsen, und spätestens mit Kindern arbeiten und verdienen viele von uns nicht mehr in Vollzeit. Beim Vermögensaufbau gehst du außerdem ein gewisses Risiko ein, dass du mal eine falsche Entscheidung triffst oder die Anlageklasse, in die du investierst, zumindest zeitweise weniger wert ist.
Deshalb hier der Disclaimer: Wenn es so einfach wäre, Vermögen aufzubauen, wie sich dieser Text liest, dann wären wir alle reich.
So funktioniert Vermögensaufbau (in der Theorie):
1. In dein Humankapital investieren
Unter "Humankapital" versteht man die Summe all deiner Kenntnisse, Fähigkeiten, Erfahrungen und Qualifikationen – kurz: deinen Marktwert. Dein wichtigstes Asset also, um einen Job zu bekommen und (gutes) Geld zu verdienen. Als Unternehmensberater*in würdest du wesentlich mehr verdienen als eine*r Erzieher*in. Dass es unfair ist, dass Care-Berufe schlechter bezahlt werden, brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber fest steht: Je mehr Geld du verdienst, desto einfacher kannst du Vermögen aufbauen.
Und so legt vielleicht schon deine Studienwahl den Grundstein für deine finanzielle Zukunft. Natürlich ist es nie zu spät, den Beruf zu wechseln oder sich weiterzubilden. Und dabei darauf zu achten: Welche Qualifikation brauche ich, um mehr Geld zu verdienen?
2. Alltagsfinanzen optimieren
Die Grundregel lautet: Nimm mehr ein, als du ausgibst. Das klingt genauso simpel, wie es wahr ist. Mit niedrigen Fixkosten hast du mehr Geld zum Sparen und Investieren zur Verfügung. Auch über variable Kosten schaffst du dir weiteren finanziellen Spielraum. Die Realität ist in Deutschland aber auch, dass viele Menschen sich genau so verhalten und trotzdem am Ende des Monats keinen Euro übrig haben.
Lesetipp: Hier habe ich die besten Finanz-Apps für Frauen* zum Tracken, Sparen und Investieren recherchiert.
Frauen* verdienen weniger als Männer*, werden seltener befördert und bekommen seltener Gehaltserhöhungen.
3. Einkommen und Notfälle absichern
Während – oder bevor – du dein Geld investierst, solltest du dich absichern. Damit du in Notsituationen nicht auf deine Investments zurückgreifen musst oder auch dann ein Einkommen hast, wenn du länger krank bist. Dazu gehören zwei Bausteine:
- Berufsunfähigkeitsversicherung (BU): Dein größtes Asset ist deine Arbeitskraft. Kannst du deinen Beruf wegen Krankheit nicht ausüben, zahlt dir die BU eine monatliche Rente aus. Das wird spätestens dann wichtig, wenn das Krankengeld der gesetzlichen Krankenkasse endet. Wichtig: Die BU-Rente sollte etwa deinen Lebenshaltungskosten entsprechen. Grundsätzlich gilt: Je gesünder und jünger du eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließt, desto günstiger ist der Tarif.
- Der Notgroschen: Drei bis sechs Nettomonatsgehälter gehören auf ein verzinstes Tagesgeldkonto. Dieser Puffer sorgt dafür, dass du bei ungeplanten Ausgaben (wie einer Autoreparatur oder neuen Waschmaschine) nicht deine ETFs mit Verlust verkaufen musst.
4. Einkommen steigern
Frauen* verdienen weniger als Männer* (Hallo Gender Pay Gap), werden seltener befördert und bekommen seltener Gehaltserhöhungen. Mit guten Verhandlungstricks und einem Netzwerk, das dir bei der Jobsuche hilft, kannst du die Gender Gaps ein bisschen austricksen.
"Was andere über die Summe denken, die ich mit 40 Jahren in meinem Depot erreicht haben möchte, ist mir egal."
5. Ziele setzen
Ich habe mir selbst eine Summe als Ziel gesetzt, die ich mit 40 Jahren in meinem Depot erreicht haben möchte. Was andere über die Summe denken, ist mir dabei egal. Denn finanzielle Situationen sind sehr individuell und was für andere viel Geld sein kann, ist für mich als selbstständige Mutter vielleicht wenig Geld. Aber: Seitdem ich dieses Ziel habe, erhöhe ich öfter meinen ETF-Sparplan oder investiere Einzelsummen, wenn ich mal eine große Rechnung schreiben konnte.
6. Zinseszins nutzen
An der Börse schlägt Zeit das Timing. Falls dir der Begriff "Zinseszins" nichts sagt, schau dir mit Hilfe eines Zinseszins-Rechners an, wie dieses Wunder Vermögen wachsen lässt. Erst recht, wenn du nicht nur ein bis zwei Prozent Zinsen auf dein Tagesgeldkonto, sondern acht, neun oder zehn Prozent auf deine Investments an der Börse erhältst:
- Investiere dafür breit gestreut in Welt-ETFs, wodurch das Risiko global auf mehrere tausend Unternehmen verteilt wird.
- Je länger dein Geld am Kapitalmarkt arbeitet, desto stärker verzinst sich nicht nur dein eingezahltes Geld, sondern auch die bereits erhaltenen Zinsen.
- "Pay yourself first": Richte am Monatsanfang einen automatisierten Sparplan ein. So investierst du, ohne jeden Monat neu darüber nachdenken zu müssen.
[Mehr dazu lest ihr in unserem Beitrag: "Wie lege ich langfristig gewinnbringend Geld an?"]
7. Förderungen mitnehmen
Arbeitgeber*innen und der Staat unterstützen uns im Vermögensaufbau. Und wenn du alle Angebote nutzt, kommt ganz schön was zusammen. Das sind die wichtigsten:
- Vermögenswirksame Leistungen (VWL) & Arbeitnehmer-Sparzulage: Viele Unternehmen zahlen ihren Mitarbeitenden monatlich Zuschüsse, die direkt in einen Sparplan fließen können.
- Betriebliche Altersvorsorge (bAV): Lohnt sich besonders dann, wenn der Arbeitgeber einen deutlichen Zuschuss leistet.
- Altersvorsorgedepot: Ab 2027 fördert der Staat auch Investments an der Börse über das neue "Altersvorsorgedepot." Dazu gibt´s bald mehr auf femtastics.
"Ein riesiger Vermögensfresser für Frauen* ist unbezahlte Care-Arbeit."
8. Fremdkapitalhebel nutzen
An der Börse kannst du nur das Geld investieren, das du hast (es sei denn, du nimmst dafür einen Kredit auf – das ist aber selten eine gute Idee). Wie viel schneller würde dein Vermögen wachsen, wenn jemand anderes monatlich zuzahlen würde? Genau das passiert, wenn du in Immobilienkauf als Kapitalanlage investierst. Dabei kaufst du eine Immobilie – aber nicht, um selbst darin zu wohnen, sondern um sie zu vermieten. Dafür leihst du dir das Geld für den Immobilienkredit von der Bank und bringst selbst nur eine kleine erste Summe ein.
Im Idealfall geht die Rechnung dann so auf: Die Miete ist höher als die monatliche Rate an die Bank. Das Ergebnis: Die Miete einer anderen Person zahlt deinen Kredit ab. In zwanzig Jahren besitzt du so beispielsweise eine Immobilie für 150.000 Euro, für die du selbst nur 15.000 Euro Startkapital eingebracht hast. Und das nennt man "Fremdkapitalhebel".
9. Care-Arbeit ausgleichen
Ein riesiger Vermögensfresser für Frauen* ist unbezahlte Care-Arbeit. Wenn du über einen längeren Zeitraum den größeren Anteil dieser Care-Arbeit übernimmst, dann vereinbare mit deinem Partner oder deiner Partnerin einen verbindlichen finanziellen Ausgleich. Am besten haltet ihr dies in einem Ehevertrag fest – oder, wenn ihr nicht verheiratet seid, in einem Partnerschaftsvertrag. Dieses Geld, das du bekommst, sollte direkt auf Konten oder Depots fließen, die ausschließlich auf deinen Namen laufen.
"Mehr Geld in den Händen von Frauen* würde diese Welt zu einem besseren Ort machen."
Und wenn du jetzt denkst: Ist es überhaupt ok, reich werden zu wollen? Ich finde: Ja, ist es. Weil erst der Umgang mit Geld etwas darüber aussagt, ob Geld für etwas Gutes oder Schlechtes eingesetzt wird. Sowieso wird uns Frauen* immer noch anerzogen, mit weniger Geld zufrieden sein zu sollen. Wir leben aber in einer kapitalistischen Welt, in der Geld Macht, Freiheit und Selbstbestimmung bedeutet. Und deshalb ist es mehr als okay, viel davon haben zu wollen. Denn ganz ehrlich: Mehr Geld in den Händen von Frauen* würde diese Welt doch zu einem besseren Ort machen.
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Foto/Collage: "Canva"