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Finanzen

"Momflation": Die unsichtbaren Kosten des Mutterseins und wer sie zahlt

28. Mai 2026

geschrieben von Anissa Brinkhoff

"Momflation": Die unsichtbaren Kosten des Mutterseins und wer sie zahlt

Baby-Tax, Mom Guilt, Rentenlücke – und wer die verdeckten Kosten des Mutterseins trägt

Lasst uns für einen Moment die Elterngeld-Debatte, Teilzeit-Falle oder Motherhood Penalty beiseite schieben. Über die großen, strukturellen Themen wird glücklicherweise immer mehr gesprochen. Was dabei oft außer Acht gelassen wird: All die kleinen, privaten Ausgaben, die uns Müttern unbemerkt das Geld aus dem Portemonnaie ziehen. Finanz-Journalistin Anissa Brinkhoff hat nachgerechnet, was es wirklich kostet, Mutter zu werden – und wo ihr eigenes Geld in den ersten Babyjahren hingeflossen ist.

"Shopping hilft vermeintlich gegen 'Mom Guilt': dieses unterschwellige schlechte Gewissen, nicht genug zu tun."

Vielleicht habt ihr schon von "Friendflation" gehört. Das beschreibt den Moment im Erwachsenenleben, in dem Treffen mit Freund*innen plötzlich automatisch teurer werden: Es wird Crémant statt Sekt getrunken. Nicht mehr in der WG gekocht, sondern auswärts gegessen. Statt dem Festival ein Wellness-Wochenende gebucht. Die unsichtbare und teure Dynamik gibt es auch beim Kinderkriegen. Ich nenne sie "Momflation".

Noch vor dem Baby: Wenn schon der Start extra kostet

Offizielle Zahlen des Statistischen Bundesamtes beziffern die Kosten für ein Kind auf rund 763 Euro pro Monat. Bis zum 18. Lebensjahr summiert sich das auf 164.808 Euro. Wer auf eine Kinderwunschbehandlung angewiesen ist, merkt schnell, dass der Weg zum Wunschkind auch eine Budgetfrage ist. Trotz Krankenkassen-Zuschüssen liegt der Eigenanteil für eine IVF- oder ICSI-Behandlung inklusive der Medikamente schnell bei 1.500 bis 2.000 Euro pro Versuch. Neben der finanziellen Belastung ist das vor allem eine enorme emotionale Probe für die Beziehung, die Kraft kostet.

Ist der Test dann positiv, geht es weiter mit den Selbstzahler-Leistungen, um die man aber irgendwie nicht drumherum kommt: Folsäure, die wichtig fürs Baby ist, vielleicht eine zusätzliche Ultraschalluntersuchung und irgendwann Akupunktur und Osteopathie als Geburtsvorbereitung und gegen die Rückenschmerzen, wenn der Bauch immer größer wird. Zack, stehen wieder ein paar hundert Euro pro Monat mehr auf der Rechnung.

"Baby-Tax" und "Mom Guilt": Hallo Baby-Bubble

Als First-Time-Mom will man nach der Geburt verständlicherweise alles richtig machen – und genau in diesem Moment öffnet sich die bunte Welt der Baby-Industrie. Bei mir fing es an, als ich in einem Hebammen-Podcast von Wolle-Seide-Bodys hörte: Sie wärmen an kalten Tagen, kühlen an wärmeren und sind ideal für Neugeborene, die ihre Temperatur noch nicht selbst regulieren können. Also kaufte ich drei Stück. Natürlich in Bio-Qualität, für 60 Euro das Stück.

"Sobald 'Baby' oder 'Postnatal' auf einem Produkt steht, greift die Baby-Tax, die diese verletzliche Phase geschickt nutzt."

Shopping hilft vermeintlich gegen "Mom Guilt": dieses unterschwellige schlechte Gewissen, nicht genug zu tun. Die "Mom Guilt" wird von allen Seiten gefüttert, oft auch von anderen Moms und Social Media. Dort sieht man Babys in makellosen Beige-Tönen oder Dopamin-Dresses in der Wippe liegen. Plötzlich hat man das Gefühl, man brauche unbedingt den einen hippen Schnuller, DIE ergonomische Designer-Trage oder fancy Windeltasche eines Trend-Labels. Und täglich perfekt abgestimmte Outfits für das Kind. Sobald das Wort "Baby" oder "Postnatal" auf einem Produkt steht, greift die sogenannte "Baby-Tax", die diese verletzliche Phase geschickt nutzt. Denn natürlich geht man auch zum Babyschwimmen, "PEKiP"-Kurs oder zur Mama-Kind-Massage. Was jeweils schnell über 100 Euro kostet.

In diesem Kontext ist der oft gut gemeinte Rat "Ein Baby braucht ja am Anfang nicht viel" zwar ziemlich charmant, geht aber an der Realität vorbei. Klar braucht ein Neugeborenes theoretisch wenig. Praktisch spucken, kacken und kleckern Babys aber ununterbrochen. Wer nur drei minimalistische Outfits im Schrank hat, lässt die Waschmaschine jeden Tag laufen. Ob dieser Strom- und Wasserverbrauch dann auch minimalistisch ist, ist wohl Rechensache.

Kaffee, Müdigkeit und der Wunsch nach Gesellschaft

Nach dem Wochenbett hat mich der Elternzeit-Alltag eingeholt. Wenn das Baby seine Schläfchen am liebsten in der Trage macht, geht man plötzlich so viel spazieren, wie noch nie in seinem Leben – und ist dabei selbst so unfassbar müde. Klar, habe ich mir dann täglich meinen Kaffee im Café geholt. Auch weil das manchmal der einzige Moment war, an dem ich unter anderen Erwachsenen war. Hatte ich diese Ausgabe in meinem Elterngeld-Budget eingeplant? Nein. Als emotionale Überlebensstrategien und um mich von der unendlichen Care-Arbeit zu erholen, wollte ich aber trotzdem nicht darauf verzichten.

Und das ist auch völlig okay, denn mentale Gesundheit hat im Familienalltag Priorität – sie darf nur nicht von einer Person allein bezahlt werden. Damit aus diesen kleinen Alltags-Rettern kein privates Minusgeschäft wird, braucht es einen partnerschaftlichen Blick auf das gesamte Budget.

"Auch das ist Teil der 'Momflation': Die Kosten für den körperlichen Neustart der Mutter landen fast immer auf ihrer Rechnung."

Der Schrank-Check nach der Babypause: Wenn plötzlich nichts mehr passt

Es gibt noch einen weiteren, sehr pragmatischen Kostenfaktor, den ich noch auf keiner Liste der Eltern-Ratgeber gefunden habe – weil er wieder nur Frauen* betrifft. Durch Schwangerschaft, Wochenbett und die Stillzeit verändert sich der Körper der meisten Mütter über Monate hinweg massiv. Fast zwei Jahre lang kauft man eigentlich keine normalen Klamotten, sondern elastische Umstandshosen, weite Still-Oberteile und Still-BHs.

Wenn dann die Babyzeit langsam vorbei ist, man vielleicht wieder in den Job einsteigt und den Schrank öffnet, wird einem klar: Die eigene Körperform hat sich so verändert, dass nichts mehr passt, alles völlig unpraktisch für den Alltag mit Kind ist oder sich alle Klamotten schlicht outdated anfühlen. Sich dann auf einen Schlag eine komplett neue, passende Garderobe für den After-Baby-Body zuzulegen, ist natürlich unrealistisch. Gleichzeitig würde es so sehr dabei helfen, sich endlich wieder gut zu fühlen im eigenen Körper. Und so ist auch das für mich Teil der "Momflation": Die Kosten für den körperlichen Neustart der Mutter landen fast immer auf ihrer privaten Rechnung.

Das Setup für faire Familien-Finanzen: ein Rechenbeispiel

Und so tragen Mütter im Alltag immer noch den Großteil der versteckten Zusatzkosten – und das, obwohl sie oft nur Elterngeld oder Teilzeit-Gehalt bekommen. Dagegen hilft: eine gute Konten-Struktur. ALLE Ausgaben, die das Kind und das gemeinsame Leben betreffen, gehören konsequent auf ein Gemeinschaftskonto. Für mich gehören dazu sowohl der Still-BH als auch der für nach dem Abstillen.

Ein Rechenbeispiel: A verdient 3.000 Euro netto, B durch die Teilzeit nur 1.500 Euro. Die gemeinsamen Fixkosten liegen bei 2.000 Euro. Zahlen beide die Hälfte, hat A danach noch 2.000 Euro auf dem Konto, B aber nur mickrige 500 Euro. Faire Partnerschaft löst das über das Taschengeld-Modell: Beide Gehälter wandern gedanklich in einen Topf (4.500 Euro). Nach Abzug der Fixkosten bleiben 2.500 Euro übrig. Diese Summe wird exakt halbiert. Das Ergebnis: Beide Partner*innen haben am Monatsende exakt 1.250 Euro zur freien Verfügung.

"Finanzielle Gleichberechtigung funktioniert am besten, wenn Care- und Erwerbsarbeit aufgeteilt werden."

Richtig fair wird es, wenn man dann auch noch die Altersvorsorge mitdenkt, denn A zahlt in unserem Beispiel wesentlich mehr in die Rentenversicherung ein. Bevor das restliche Geld als Taschengeld aufgeteilt wird, geht vom Gemeinschaftskonto ein fester Betrag – zum Beispiel 400 Euro – als Ausgleichszahlung direkt in einen privaten ETF-Sparplan, der allein auf den Namen von B läuft. Erst danach wird der Rest halbiert.

Finanziell gleichberechtigte Partnerschaft funktioniert allerdings am besten, wenn Care- und Erwerbsarbeit aufgeteilt werden. Das bedeutet auch: Beide Elternteile teilen sich die Elternzeit auf. Wenn beide Partner*innen so gleichermaßen im Care-Alltag ankommen, gelingt danach auch beiden der Wiedereinstieg.

Meinem Partner und mir hilft dabei ein Geld-Gespräch am Ende und zu Beginn jeden Jahres. Dann rechnen wir, wer wie viel verdient hat – als Selbstständige weiß ich das am Anfang des Jahres nicht. Aber auch, wer von wem Ausgleichszahlungen bekommt und was wir uns dieses Jahr als Familie leisten können.

Diese konkreten Finanz-Tipps können helfen helfen gegen "Momflation":

  • Pragmatismus vor Statussymbolen: Second-Hand, Vinted und Flohmärkte sind voll mit kaum getragenen, wunderschönen Baby-Sachen, die nur einen Bruchteil des Neupreises kosten. Das schont das Konto und ist durch die bereits ausgewaschenen Schadstoffe oft sogar gesünder für die Babyhaut.
  • Drogerie-Eigenmarken nutzen: Hochwertige Pflege und Windeln müssen kein Vermögen kosten. Die Eigenmarken der Drogerien schneiden in Tests regelmäßig hervorragend ab.
  • Wünsche kanalisieren: Wenn Familie und Freund*innen zur Geburt schenken möchten, wünscht euch gezielt Gutscheine für die Drogerie, Zuschüsse zu den wirklich teuren Anschaffungen (wie dem Autositz) oder Unterstützung für Kurse, die euch als Mutter wirklich guttun.
  • Konsequente Budget-Trennung: Alles, was für das Kind gekauft wird – vom Coffee-To-Go auf dem Spaziergang bis zum Windel-Abo –, gehört konsequent auf das Gemeinschaftskonto und darf nicht das private Budget der Mutter belasten.
  • Langfristig denken: Unbezahlte Care-Arbeit sollte finanziell ausgeglichen werden, denn sonst wird aus Teilzeit finanzielle Abhängigkeit und Altersarmut.

Foto: Sarah Buth, Collage: "Canva"