The Female Health Lab – Warum wir unsere Brüste öfter anfassen sollten

22. Oktober 2020

Nachdem ich letzten Monat sehr ausführlich über den Zyklus geschrieben habe – was passiert wann und wie wirken welche Hormone auf uns – lege ich heute eine kleine Zykluspause ein und widme mich einem anderen weiblichen Geschlechtsmerkmal, den Brüsten. Anlass ist der „Breastcancer Awareness Month“, der seit 1985 jedes Jahr im Oktober ausgerufen wird.

Ich wünsche mir einen Paradigmenwechsel in der öffentlichen Debatte, wenn es um das Thema Brüste geht.

Nun will ich diesen Text nicht ausschließlich dem Thema Krankheit und Brustkrebs widmen – im Gegenteil. Beginnen möchte ich mit einem Wunsch: Ich wünsche mir einen Paradigmenwechsel in der öffentlichen Debatte, wenn es um das Thema Brüste geht. Ist euch aufgefallen, dass meistens im sexuellen oder im pathologischen Kontext über Brüste gesprochen wird (wenn sie nicht gerade ein Tabu sind und auf Social Media geschwärzt oder gelöscht werden)? Es ist höchste Zeit, das zu ändern!

Ich fange mit meinem eigenen Erfahrungsschatz an – auch wenn einige Erlebnisse eher zur Kategorie „Hätte-ich-gut-und-gerne-auch-drauf-verzichten-können“ gehören. Ich stand viele Jahre mit meinen Brüsten auf Kriegsfuß. Nicht nur, dass ich zu Teenager-Zeiten die scheinbar Letzte war, deren Brüste anfingen zu wachsen, nein, ich war auch die mit den stets kleinsten Brüsten – so zumindest meine Wahrnehmung. Für mich waren die kleinen Dinger immer ein Riesenthema. Meine frühe Pubertät verbrachte ich damit, mir die wildesten Push-Up-Vorrichtungen zu basteln, die tatsächlich auch bombenmäßig aussahen. Bei den ersten sexuellen Erfahrungen sind mir die Dinger dann aber sprichwörtlich auf die Füße gefallen. Das tat körperlich nicht weh (waren ja aus Schaumstoff), seelisch aber schon. Ich habe meine Brüste immer versteckt. Grauzone, nicht existent. Wo schon nicht viel war, habe ich quasi alles wegradiert.

Aber warum erzähle ich so etwas Intimes überhaupt? Weil es genau darum geht – um das kleine verletzte Mädchen, das in der Pubertät nicht selbstbewusst zur jungen Frau heranwachsen konnte, weil es von Paradigmen geprägt war, die es daran hinderten. Und nein, ich meine nicht nur mich. Ich meine uns, viele von uns. Ich erzähle euch das, weil ich das Paradigma ‚Brüste & Sex‘ bis ins Erwachsenenalter mit mir herumgeschleppt habe. Ich erzähle euch das, weil sich Frauengesundheit nicht nur auf körperlicher Ebene abspielt, sondern bei unseren Glaubenssätzen anfängt, die uns mental krank machen können.

 Heute muss ich über meine Zweifel und mein damaliges Verhalten lachen. Zum Glück. Heute bin ich aber auch 35 Jahre jung. So lange hat es natürlich nicht gedauert. Irgendwann mit Mitte 20 habe ich angefangen, meine Brüste zu akzeptieren. Ich fand sie zwar immer noch zu klein, aber okay, manchmal sogar schön. Von einer großen Liebe kann da aber immer noch nicht die Rede gewesen sein. Meine Brüste berührt habe ich nur auf Wunsch meines Gynäkologen – ab und an mal auf Knoten kontrollieren, geht klar. Wieder ein neuer Glaubenssatz. Brüste sind entweder erotisch oder können krank werden, na toll.

Einen wirklich liebevollen Zugang zu meinen Brüsten habe ich erst in der Schwangerschaft entwickelt.

Einen wirklich liebevollen Zugang zu meinen Brüsten habe ich erst in der Schwangerschaft mit meinem Sohn entwickelt. 2,5 Jahre habe ich ihn gestillt und plötzlich kapiert (ich musste dafür wirklich 31 Jahre alt werden, Halleluja!), dass Brüste wahre Wunder der Natur sind. 2,5 Jahre haben sie ohne Wenn-und-Aber mein Baby genährt und mich jeden Tag aufs Neue überrascht. Meine kleinen Brüste, verrückt! Auf einmal habe ich meinen Körper in einem anderen Licht gesehen und angefangen, sie wirklich toll zu finden und auch gerne selbst zu berühren. Ohne sexuelle oder pathologische Hintergedanken. Einfach aus purer Dankbarkeit, weil ich das Bedürfnis hatte, sie zu halten, sie zu verwöhnen, ihnen etwas zurückzugeben. Sechs Monate nach der Geburt meines Sohnes habe ich also angefangen meine Brüste zu massieren. Jeden Tag. Meistens unter der Dusche, um überschüssige Milch auszustreichen, später nach dem Duschen und irgendwann am liebsten kurz bevor ich meine Tage bekommen habe und sie unfassbar gespannt haben. Klingt das befremdlich für euch? Wenn ja, wisst ihr, warum ich dieses Thema gewählt habe!

Stephanie Johne ist Doula und Female Health Mentorin und lebt und arbeitet in Wien und Berlin.

Als Doula und Women’s Health Coach begegnen mir immer wieder Frauen, die wie ich keine gute Beziehung zu ihrem Busen haben. Das äußert sich spätestens nach der Geburt eines Kindes, wenn das Stillen einfach nicht klappen will. Das kann natürlich viele Gründe haben, aber die fehlende Beziehung zu unseren Brüsten kann mit dazu führen, denn unsere Psyche und unser Unterbewusstsein steuern mehr, als wir denken. Oft spüre ich, dass uns ein selbstverständlicher, liebevoller Zugang fehlt. Das Vertrauen und das Wissen um das Wunder Brust. Eine regelmäßige, liebevolle Brustmassage und Self-Care Routine können dabei eine große Rolle spielen. Diese Art der Fürsorge kann auch dazu führen, das lästige Zwicken vor der Periode in den Griff zu bekommen oder eine Brustentzündung frühzeitig zu erkennen und zu verhindern. Der Schlüssel liegt in der Verbindung mit uns selbst – ohne erhobenen Zeigefinger, sondern als Inspiration für jede von uns. Ich massiere meine Brüste jedenfalls seit 3,5 Jahren gerne und taste sie auch gleichzeitig auf Veränderungen ab – nicht aus Angst, sondern in Liebe und Dankbarkeit und aus Respekt.

Was kann dabei helfen, Brustkrebs vorzubeugen? Sollten wir nicht mehr präventiv über Brustgesundheit sprechend, anstatt sie erst zu thematisieren, wenn sie bereits krank sind oder krank werden könnten?

Denn natürlich bleibt Brustkrebs ein großes und wichtiges Thema, das wir ernst nehmen und über das wir reden müssen. Was mich stört, ist der ständige Fokus auf die eventuelle Krankheit, die wir bekommen könnten – anstatt zu schauen, wie kann ich meine Brüste gesund halten? Was kann dabei helfen, Brustkrebs vorzubeugen? Sollten wir nicht mehr präventiv über Brustgesundheit sprechend, anstatt sie erst zu thematisieren, wenn sie bereits krank sind oder krank werden könnten? Wieder heißt die Antwort: ja! Und bevor ich über Brustgesundheit im Allgemeinen spreche, kommt hier noch ein kleiner Exkurs für alle Mamis: Langzeit-Stillen (mindestens zwei Jahre) ist eine der besten Präventionen gegen hormonell bedingten Brustkrebs (mehr Informationen dazu findet ihr hier, hier oder hier.). Das heißt nicht, dass wir davor gefeit sind, aber es verringert das Risiko immens. Mein Appell an alle Mamis – setzt euch damit auseinander und stellt nicht immer nur die Frage in den Mittelpunkt, wie gut das Stillen für das Kind ist (die finden das übrigens auch Bombe). Wenn es mit eurem Lebensstil vereinbar ist, ist es unbedingt eine Überlegung wert! Und wenn das Stillen nicht klappt, holt euch Hilfe. Alles kann, nichts muss, klar. Aber wir müssen nichts einfach intuitiv können und wissen, sondern dürfen uns in all diesen Fragen Unterstützung holen, zum Beispiel von einer IBCLC-Stillberaterin. Exkurs off!

Die Massage regt die Lymphe und die Durchblutung an und ist ein purer Akt der Selbstliebe. Denn neben den physischen Vorteilen geht es vor allem um die liebevolle Verbindung zur eigenen Brust.

Für alle anderen: wie kann nun eine tägliche Brustpflege-Routine aussehen, um Brüste gesund zu halten? Das Zauberwort heißt Selbstmassage, am besten jeden Tag nach dem Duschen, oder zumindest einmal die Woche. Die Massage regt die Lymphe und die Durchblutung an und ist ein purer Akt der Selbstliebe. Denn neben den physischen Vorteilen geht es vor allem um die liebevolle Verbindung zur eigenen Brust. Das neu gewonnene Selbstvertrauen tragen wir am besten gleich zur Schau und verzichten so oft es geht auf einen BH! Nicht als feministischer Akt (gerne auch), sondern weil BHs die Blutzirkulation in der Brust behindern. Für Frauen mit sehr großen oder schmerzenden Brüsten mag ein BH natürlich Sinn machen, ansonsten erzieht er die Brust aber eher zu Faulheit, sie verliert an Straffheit und wird schneller schlaff. Auch die Brustwarzen und ihre Drüsen bekommen lieber Luft und fühlen sich unter Polyester nicht sehr wohl (wenn dann bitte hochwertige Bio-Baumwolle).

Überhaupt gilt es, Plastik vermeiden – vor allem in Form von Weichmachern und synthetischen Inhaltsstoffen, die sich als Zusätze in allen möglichen Beauty Produkten befinden, aber eben auch in Form von Kleidung direkt auf der Brust. Brüste bestehen größtenteils aus Fettgewebe – ein wahres Paradies für Giftstoffe, die sich hier unfassbar gerne anlagern. Während Massagen diese Giftstoffe zum Abtransport anregen können, ist es natürlich noch besser, ihnen gar nicht erst eine Chance zu geben. Und last but not least, klar – gesunde Ernährung: deine Hormone beeinflussen tatsächlich nicht nur deinen Zyklus, sondern auch deine Brüste. Du beobachtest bestimmt, dass sich deine Brüste über den Monat unterschiedlich anfühlen, empfindlicher sind, vielleicht sogar schmerzen. Das alles ist ein Zeichen dafür, dass sie genauso dem hormonellen Wandel im Körper unterliegen, wie der Rest deines Körpers. Wer seinen Zyklus verfolgen will, hat heutzutage unzählige Möglichkeiten. Ganz neu auf dem Markt und wirklich leicht und zuverlässig zu handhaben ist das System von inne. Inspiration, wie du deinen Körper in den unterschiedlichen Zyklusphasen optimal mit der Ernährung unterstützen kannst, findest du um Buch „Eat Like A Woman“.

Aber zurück zur Brustmassage: wie genau kann die aussehen? Hier ein kleiner Einblick: massiere ein Öl deiner Wahl (oder ein eigens dafür vorgesehenes Brustöl, zum Beispiel von Lunear oder ab November 2020 von Joni Joni) sanft auf die gesamte Oberfläche der Brust, den Nacken und die Haut unter und über deinen Brüsten. Beginne am Hals und in der Achsel und streiche von Außen nach Innen in Richtung der Brust, um die Durchblutung und den Lymphfluss zu stimulieren. Lasse dann die Hände um die Brust kreisen, wieder von Außen nach Innen, die Hände berühren sich in der Mitte über dem Herzen, einmal im und einmal gegen den Uhrzeigersinn. Wiederhole das so oft du magst. Lege dann die Hände auf, die Brustwarzen zwischen Zeige- und Mittelfinger und schüttele die Brüste leicht und liebevoll und schiebe sie anschließend sanft in der Mitte zusammen. Zum Abschluss kannst du die Hände unterhalb der Brust lang streichen, von der Achselhöhle hin zur Brust. Die Übungen müssen nicht in der Reihenfolge sein, probiere einfach mal ein paar Sachen aus – am Ende darf es alles sein, was sich für dich angenehm anfühlt und sanft ist.

Diese Art der Massage ist natürlich keine Brustkrebs-Früherkennung, dafür gibt es mittlerweile viele neue Innovationen, wie die Taktilographie. Auf ihrer Website schreibt die Wiener Initiative discovering hands: „Eine Behinderung wird zur Begabung – und fördert die Gesundheit.“ Die Idee: discovering hands bildet blinde und sehbehinderte Frauen zu Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen (MTUs) aus. Ihr herausragender Tastsinn wird in der Brustkrebsfrüherkennung eingesetzt und kann Leben retten. Klasse! Denn wenn eine Frau selbst etwas ertastet oder die Mammographie etwas erkennt, ist der Tumor oft schon ein kleiner Tumor – auch wenn er dann natürlich noch gut zu behandeln ist.

Der Brustkrebsmonat ist auch eine Erinnerung, dass Frauengesundheit bedeutet füreinander da zu sein und egal wie – jede Form der Aufmerksamkeit zählt. Den größten Unterschied und damit den ersten Schritt macht aber jede von uns im eigenen Badezimmer. Denn Gesundheit fängt bei uns selbst an!

Hier findet ihr Stephanie Johne:

Fotos: Hadas Strobl-Aloni Photography

Illustration: Helena Ravenne

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