Moderatorin Janin Ullmann über Diversität in der TV-Branche: „Wir brauchen mehr Vorbilder!“

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10. Juni 2021
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Es war Heike Makatsch, die Janin Ullmann zu ihrer späteren Berufswahl bewegt hat. Als Teenager sah sie Makatsch mit blond gefärbten Haaren und Seitenscheitel vor der Kamera des damaligen Musiksenders „Viva“. „Und ich dachte mir: Das sieht nach Spaß aus, sowas möchte ich auch machen!“, erzählt Janin heute. Kurz nach ihrem Abitur nahm sie an einem Casting bei „Viva“ teil und setzte sich gegen 3.000 Bewerberinnen durch. Der Startschuss für eine langjährige TV-Karriere mit vielfältigen Schwerpunkten: Mittlerweile kennt man die 39-Jährige unter anderem als Moderatorin von Primetime-Shows wie „Das Ding des Jahres“ auf Pro7, oder als Host und Journalistin des Social-Factual-Formats „Wie lange ist für immer?“ auf ZDFneo. Für den NDR und die ARD steht sie im Ensemble des politischen Satiremagazins „extra3“ vor der Kamera, wofür sie im Team den Deutschen Comedy- und den Deutschen Fernsehpreis gewonnen hat. Mit ihrem aktuellsten Projekt wagt sie den Sprung in eine neue Branche: Zusammen mit „eyes + more“ hat sie eine zwölfteilige Sonnenbrillen-Kollektion auf den Markt gebracht. Warum die Frauen in ihrem Leben dabei eine besonders große Rolle spielen und weshalb die Fernsehbranche mehr weibliche Vorbilder à la Makatsch braucht, erzählt sie im Interview und beim anschließenden Fotoshooting in ihrer Wahlheimat Hamburg.


femtastics: Wie kamst du darauf, deine Brillenkollektion den Frauen in deinem Leben zu widmen?

Janin Ullmann: Ich hatte vor einer Weile eine schwierige Phase in meinem Leben. Meine Freundinnen haben mir viel geholfen und mich sehr unterstützt. Teilweise haben wir jeden Tag miteinander telefoniert und ich wüsste gar nicht, was ich ohne sie gemacht hätte. Und auch in der Zeit der Pandemie war es wichtig für mich zu wissen, dass ich nicht alleine bin. Mit meiner Sonnenbrillen-Kollektion wollte ich ihnen etwas zurückgeben und habe deswegen Modelle nach ihnen benannt. Sie haben sich sehr darüber gefreut! Schon immer haben mir Frauen in meinem Leben vermittelt, was wir schaffen können, wenn wir einfach machen! 

Frauen in meinem Leben haben mir vermittelt, das alles aus einem selbst heraus entstehen kann.

Was bedeuten dir die Frauen in deinem Leben?

Sie geben mir sehr viel Halt. Ich bin schon immer stark von Frauen geprägt gewesen und ohne Vater aufgewachsen. Er hat uns verlassen, als meine Mutter gerade mit mir schwanger war. In meinem Leben waren eher die Frauen dominant – meine Mutter, meine Schwester und meine Oma, die hat auch immer mitgemischt. (lacht) Sie haben mir vermittelt, dass alles aus einem selbst heraus entstehen kann. Das fand ich sehr inspirierend. Gleichzeitig ist mir erst später klar geworden, warum ich so ticke wie ich ticke. Denn für mich war es ja ganz normal, dass ich mit lauter selbstversorgenden Frauen um mich herum aufgewachsen bin. 

Bei sich zu sein finde ich sehr stark. Es klingt so einfach. Aber es bedeutet viel Arbeit im Vorfeld.

Was macht eine Frau für dich „stark“?

Eigentlich mag ich den Begriff „starke Frau“ gar nicht so gern – man sagt ja auch nicht „starke Männer“. Blöderweise steht es aber für alles, was man genau damit ausdrücken möchte. Nämlich, dass man weiß, wo und wofür man steht, unabhängig, warmherzig und aufrecht zu sein. Dass man für seine Werte einsteht und seinen Weg geht, auch wenn der mal holprig ist. Bei sich zu sein finde ich sehr stark. Es klingt so einfach. Aber es bedeutet viel Arbeit im Vorfeld – zum Beispiel, aus einer Situation heraus zu wachsen und durch Phasen zu gehen, die nicht nur schön und leicht, sondern auch mal herausfordernd sind. Zu Frauen, die das geschafft haben, schaue ich sehr auf. Sie zeigen mir und anderen, was möglich ist. Das ist wichtig.  

„Das Brillenmodell ‚Garcon‘ liebe ich sehr. Eigentlich haben viele der Modelle ja Frauennamen, weil ich sie den Frauen in meinem Leben gewidmet habe. Mit der ‚Garcon‘ wollte ich auf unsere boyishe Facette eingehen und zeigen, wie vielfältig wir sein können.“
„Wenn ich mich nicht selbstbewusst fühle, setze ich gern eine große Brille auf. Ich gehe dann sofort anders aus dem Haus raus – nach dem Motto: ‚Okay Leute, heute gehört Hamburg mir“ (lacht).“ Hier trägt sie das Brillenmodell ‚CEO‘.

Wer hat dich besonders in deinem Leben beeinflusst?

Zum einen meine Oma, sie war ein echter „Pfundskerl“, oder wenn man so will, eine „Pfundsfrau“. Super pragmatisch und immer witzig, wir haben viel gelacht. Sie hatte immer einen passenden Spruch parat, zum Beispiel: „Am Horizont gibt es keine Balken.“ Ich hab mich immer gefragt, was sie eigentlich damit meint. Heute denke ich, sie wollte sagen, dass sich jeder selbst orientieren muss. Nichts ist vorgeschrieben. Dann natürlich meine Mutter. Sie hat gearbeitet, studiert und als Alleinerziehende meine Schwester und mich großgezogen. Und das alles in den starren DDR-Zeiten, in denen man als Frau für eine Trennung regelrecht geächtet wurde. Sie hat mir gezeigt wie wichtig es ist, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen – ein unheimlich großes Thema für uns Frauen. Und meine Schwester, die eine meiner besten Freundinnen ist. Wir telefonieren jeden Tag und ich vertraue ihr sehr, denn ich kann mich immer auf sie verlassen. Nach ihr habe ich auch eine Brille aus meiner Kollektion benannt, „Kathi“. Ich habe sie jeden Tag bei mir. 

„Zu den weichen Nude- und Blushtönen der Kollektion habe ich Signalfarben gewählt – mir gefällt dieser harte Kontrast.“ Janin trägt auf den Fotos das Modell ‚Julia‘.

Wen fragst du bei wichtigen Entscheidungen um Rat?

Meine beste Freundin Verena und meine Schwester Kathi. Sie wissen über alles Bescheid und geben mir sehr gute Ratschläge. Das heißt nicht, dass ich dann alles genauso mache – manchmal ist es einfach wichtig, eine andere Meinung zu hören. Als Mathe- und Physiklehrerin macht meine Schwester beruflich etwas ganz Anderes als ich und das hilft mir, aus meiner Blase rauszukommen und die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Wenn sie etwas blöd findet, sagt sie das auch ganz ehrlich – genau wie mein Team, das übrigens auch nur aus Frauen besteht. 

War das eine bewusste Entscheidung?

Ich arbeite unglaublich gut und gerne mit Frauen und Männern, da mache ich keinen Unterschied. Dass mein Team ausschließlich aus Frauen besteht, hat allerdings auch viele Vorteile. Wir diskutieren auf einer anderen Ebene, inspirieren uns, supporten uns und teilen unglaublich viel miteinander. Wir reisen zusammen und wissen viel von dem jeweils anderen. Mittlerweile fühlt es sich fast wie Familie an und ich finde es gut, all das mit Frauen zu machen. Ich fühle mich sehr wohl so, auch wenn es mit einem Mann sicher ähnlich funktionieren könnte. 

Wer ist für dich im Job-Umfeld „Vorbild“ und warum?

Wenn es um Ratschläge außerhalb meines Teams geht, tausche ich mich mit Männern und Frauen aus, von denen ich denke, dass sie integer, klug und auch mal kritisch sind. Nichts ist schlimmer als Leute, die immer nur alles toll finden. Steven Gätjen und Joko [Winterscheidt, Anm. Redaktion] sind zwei Kollegen, mit denen ich ab und zu spreche. Aber ich frage auch Kolleginnen wie Sophie Passmann oder Caroline Kebekus um Rat. Das sind alles Leute aus meinem erweiterten beruflichen Umfeld. Steven würde ich sogar als Kumpel bezeichnen, ich schätze ihn sehr. Die Fernsehbranche hat viele tolle Moderatorinnen; große Abendshows werden in Deutschland aber meist von Männern moderiert.

Einer Frau wird fälschlicherweise weniger zugetraut. Dabei sind auch die Männer nicht aus ihren Kinderzimmern auf die Showbühnen in der Primetime gefallen.

Einer Frau wird fälschlicherweise weniger zugetraut. Dabei sind auch die Männer nicht aus ihren Kinderzimmern auf die Showbühnen in der Primetime gefallen.

„Ich mag den „Monkey Beach“ am Hamburger Mühlenkamp total gerne, vor allem wenn gerade niemand da ist. In den letzten Monaten habe ich diesen Ort ein bisschen für mich entdeckt. Außerdem liebe ich es, durch Winterhude zu spazieren, zum Beispiel den Leinpfad an der Alster entlang.“ Hier trägt Janin das Modell ‚Toni‘ passend zu ihren hellblauen Denim-Look.
„Die Sonnenbrille ‚The Bridge‘ mag ich total gern. Der Name soll an meine Heimatstadt Erfurt erinnern und an die berühmte Krämerbrücke“, erzählt Janin über ihre selbst entworfenes Design.

Warum hinkt die Branche deiner Meinung nach so hinterher?

Ich glaube, der Grund ist zum einen ganz simpel: Weil es schon immer so war. Aber nur weil etwas schon immer so war, muss es ja nicht zwingend gut sein. Früher wurde gar nicht darüber nachgedacht, ob eine Frau für ein bestimmtes Format infrage kommt – es war quasi von Anfang an gesetzt, dass ein Mann engagiert wird. Das hat sich mittlerweile schon geändert. Trotzdem wird häufig gesagt, dass Moderator XY mehr Erfahrung hat als eine Kollegin. Einer Frau wird daher fälschlicherweise weniger zugetraut. Dabei sind auch die Männer nicht aus ihren Kinderzimmern auf die Showbühnen in der Primetime gefallen. Wenn es um Quizshows geht, wird Frauen nicht zugetraut, dass sie genauso schlau sind, wie die männlichen Kollegen und deswegen weniger kompetent seien. Ein anderer und wichtigster Punkt ist meiner Meinung nach, dass Männer häufiger die Chance bekommen, sich zu entwickeln – diese Chance sollte Frauen genauso gewährt werden. Carolin Kebekus hat es sehr schön formuliert, sie spricht von der EINEN Frau, also einer „Quotenfrau“. Oft wird gesagt, „Wir haben doch schon eine Frau, die in der Hauptsendezeit moderiert.“ So nach dem Motto: „Wo ist eigentlich das Problem, eine Frau reicht doch!“ Aber das reicht nicht. Das Fernsehen sollte unsere Gesellschaft abbilden, vor und hinter der Kamera! Und es gibt viele Frauen, vielfältige Frauen! 

Die Branche muss komplett umdenken und Vorbilder liefern, die jungen Mädchen und Jungs gleichermaßen zeigen: „Das kannst du auch!“

Friendship Goals: Die Namen der Brillen sind an ihre Freundinnen angelehnt. Hier trägt Janin das Modell ‚Alex‘.
„Zu den Sonnenbrillen gibt es Cases in Neongelb, knalligem Rot und Pink. Außerdem haben wir ein Tuch in den passenden Farben designt. Man kann damit die Brillen reinigen und es gleichzeitig als Accessoire verwenden und zum Beispiel in die Haare binden. Mich erinnert das an Urlaub auf Ibiza. Da fühle ich mich immer wohl und frei“, sagt Janin.

Wie kann man das ändern?

Die Branche muss komplett umdenken und Vorbilder liefern, die jungen Mädchen und Jungs gleichermaßen zeigen: „Das kannst du auch!“. Einige Sender gehen diesen Weg bereits, im Moment ist viel in Bewegung, aber da geht noch mehr. Letztlich würde das allen Beteiligten nur guttun, neue Themen in den Fokus rücken und andere Zielgruppen ansprechen. Ich selbst hätte nämlich auch nie den Entschluss gefasst als Moderatorin zu arbeiten, wenn ich damals bei „Viva“ nicht Heike Makatsch gesehen hätte. Letztlich bin ich auch wegen ihr beim Fernsehen gelandet. Vorbilder sind wichtig, sie eröffnen einem eine neue Welt, ein Verständnis darüber wie andere Menschen denken und fühlen und damit im besten Fall auch ein größeres Miteinander. 

Vielen Dank für das Interview, Janin!

Janin liebt es durch die Straßen Hamburgs zu schlendern und immer wieder neue Ecken zu entdecken. Hier trägt sie ihre Sonnenbrille ‚Meltem‘.

Hier findet ihr Janin Ullmann:



Hier geht es zu ihrer Sonnenbrillenkollektion, die in Zusammenarbeit mit dem Label „eyes + more“ entstanden. ist.

Interview: Andrea Zernial


Layout: Kaja Paradiek

– Werbung: Diese Story ist in Zusammenarbeit mit „eyes + more“ entstanden –

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