Journalistin Eva Schulz von „Deutschland3000“: „Jeder ist politisch!“

Mal ist sie auf den „Fridays for Future“-Demos unterwegs, mal begleitet sie junge Handwerkerinnen auf die Baustelle, mal serviert sie im Altenpflegeheim das Essen und mal erklärt sie Für und Wider des bedingungslosen Grundeinkommens: Journalistin Eva Schulz ist Gesicht und Frontfrau von „Deutschland3000“, einem jungen, digitalen Politikformat von ARD und ZDF. In wöchentlichen Videos auf Facebook und Instagram sucht Eva mit viel Humor und fundierter Recherche Antworten auf die großen und kleinen gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart. Vor zwei Jahren wurde die 28-Jährige dafür vom „Medium Magazin“ zur „Unterhaltungsjournalistin des Jahres“ gekürt und 2018 nahm Forbes sie in seine „30 Under 30“-Liste auf. Wir haben Eva in Berlin getroffen, wo sie lebt und arbeitet, und mit ihr ein sehr ehrliches Gespräch geführt. Sie hat uns erzählt, warum sie den Satz „Du musst dich für Politik interessieren!“ für totalen Quatsch hält, wie sie damit umgeht, wenn sie von älteren, männlichen Kollegen unterschätzt wird, und wie es war, plötzlich Chefin einer ganzen Redaktion zu sein.

 

femtastics: Du warst kürzlich für eines eurer Videos im Kuhstall unterwegs. Wie war das so?

Eva Schulz: Richtig schön. Bauernhof-Drehs sind mir die liebsten, weil das wie bei meinem alten Reporterjob ist. Du fährst raus an einen Ort, an dem du noch nie warst, triffst Menschen, die leidenschaftlich für eine Sache brennen, und lernst was von ihnen. Ich habe melken gelernt und ganz viel über ökologische Landwirtschaft. Es ging darum, kurz vor der EU-Wahl über Agrarsubventionen zu sprechen und ob sich aus Sicht der Öko-Landwirte da etwas ändern muss. Das war echt super. Aber wir sind sieben Stunden hin und sieben Stunden wieder zurück gefahren. Ich dachte kurz so: Echt jetzt? Zwei Reisetage?

Gab es keinen Bauernhof in der Nähe?

Wir hatten einen super Interviewpartner gefunden, der auch ein bisschen auf Social Media unterwegs ist, was wir immer schön finden, weil man darüber direkt in die jeweiligen Filterblasen reinkommt. Und wir wollen ja raus! Ich will nicht, dass „Deutschland3000“ wie ein Berlin-Format wirkt. Deswegen muss und will ich auch mal nach Rheinland-Pfalz.

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Wir treffen Eva Schulz im Café „Selig“ in Berlin.

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Wie ist „Deutschland3000“ entstanden?

„Deutschland3000“ ist die Dachmarke, unter der wir politische und gesellschaftliche Themen aus junger Perspektive und für junge Leute aufgreifen. Mein Gefühl war früher oft: Ich hab‘ irgendwie mitbekommen, dass dieses oder jenes anliegt – aber wie soll ich mich dazu positionieren? Ich habe dann immer geschaut, wer schon eine Meinung zu einem Thema hat. Ah okay, Böhmermann vielleicht, aber darüber hinaus gab es nur wenig junge Haltungen, an denen man sich orientieren konnte. Das war die Motivation vor der Bundestagswahl 2017, als wir mit der Idee gestartet sind: Ich wollte mehr junge Formate und Stimmen da draußen. Das hat „Deutschland3000“ jetzt hoffentlich geschafft. Die Leute wissen, dass es uns gibt und wir ihnen helfen, sich eine Meinung zu bilden. Wir regen ja auch Debatten an auf Facebook – und das, obwohl die sozialen Medien für echte Debatten vermeintlich schon kaputt sind. Bei uns funktioniert‘s aber.

Ich wollte mehr junge Formate und Stimmen da draußen. Das hat „Deutschland3000“ jetzt hoffentlich geschafft.

Die Debatten entstehen über die Kommentare unter euren Videos?

Genau. Der einfachste Hebel, um Leute auf Facebook zu erreichen, wäre Hysterie und Wut. Dass man etwas ablässt wie: Die Gesundheitspolitik von Spahn ist kacke! Ich bin aber überhaupt kein wütender Mensch und finde das auch zu platt. Deshalb haben wir überlegt: Was sind andere Hebel, mit denen man Menschen auf Facebook erreicht? Es geht auch, indem du ein bisschen sachlicher provozierst. Wir haben immer gute Argumente, Belege und Quellen. Dadurch sind wir nicht so leicht angreifbar, verursachen aber trotzdem Reibung. Wenn ich sage, ich bin für das und das, dann können die Leute antworten: Ja, stimmt! Oder sie sagen: Nein, du hast doch dieses oder jenes Argument völlig außen vor gelassen! Dadurch findet unter jedem Video eine ziemlich konstruktive Diskussion statt. Die ist für uns genauso wichtig wie das Video selbst. Die Perspektive der Öko-Landwirte zum Beispiel habe ich in meinem Video gezeigt. Was dann darunter passiert: Die Perspektive der Konsumenten und Konsumentinnen kommt dazu und natürlich die der konventionellen Landwirtschaft.

Wie bist du zum Zugpferd von „Deutschland3000“ geworden?

Wir werden finanziert von funk, dem jungen Content-Netzwerk von ARD und ZDF. Für die hatte ich, als sie gerade gestartet waren, schon ein Snapchat-Format entwickelt. 2017 dachte ich: Okay, bald ist Bundestagswahl und das junge Angebot von ARD und ZDF braucht natürlich auch was zur Bundestagswahl. Also bin ich mit meinen Ideen und ein paar Beispielen aus den USA zu denen hingegangen und habe gesagt: Ich würde das unheimlich gern machen. Sie meinten: Super, mach! Im Grunde war deren einzige Vorgabe, dass es auf Facebook stattfinden soll. Mein heimlicher Ansporn war auch: Geht das überhaupt? Weil viele meinten: Wenn du als junge Frau auf Social Media was mit Politik machst, hast du einen Shitstorm quasi abonniert. Ich habe mich sogar präventiv coachen lassen, weil ich wissen wollte: Wie geht man damit um, wenn ein Shitstorm kommt?

Und ist er gekommen?

Ich hatte im Kleinen vorher schon mal erlebt wie das ist, wenn du eine Troll-Armee am Hals hast. Das fühlt sich überhaupt nicht gut an, das macht viel mit dir. Das war aber noch vor „Deutschland3000“ und ich dachte: Boah, was wird jetzt erst kommen? Aber die Befürchtung ist nicht eingetreten. Ich bekomme weder übermäßig viele sexistische Kommentare, noch greift mich jemand politisch extrem an. Natürlich kommen unsachliche Bemerkungen, wenn wir etwas über Geflüchtete, die AfD oder Gender Pay Gap machen. Aber gegen mich persönlich geht erstaunlich wenig.

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Das Interview führt femtastics-Autorin Katharina Rudolph.

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Eure Videos sind immer nur etwa drei Minuten lang. Wieso diese extrem kurze Form?

Wir haben uns am Anfang gefragt: Welche Zielgruppe wollen wir erreichen und mit welchen Themen und welcher Tonalität kann das auf Facebook funktionieren? Da wirst du sehr schnell sehr kurz. Weil sich auf Facebook– anders als bei YouTube – eben niemand ein Zwanzig-Minuten-Video anschaut, sondern alle permanent am Scrollen sind. Was wir generieren müssen, ist der Moment, in dem dein Daumen stoppt. Zum Beispiel, wenn du die ersten Sekunden von einem Video siehst und denkst: Okay, das ist interessant.

Und deshalb haben eure Videos auch diese plakative Optik?

Ja, wir blenden zum Beispiel immer große Überschriften ein. Anfangs dachten wir: Puh, ist irgendwie nicht so ästhetisch. Aber es funktioniert total gut, das ist ein Trigger, der dich reinzieht. Du scrollst und siehst, meist noch ohne Ton, diese junge Bäuerin und darüber steht sofort, was das Video dir gibt. Manchmal bin ich auch verkleidet oder wir bauen Explosionen ein, damit die Leute denken: Häh, was macht die Frau da? Dann habe ich ihre Aufmerksamkeit, sie bleiben dran und bestenfalls machen sie den Ton an. Unsere Inhalte sind so optimiert, dass sie auf Facebook funktionieren. Das hört auch nicht auf, wenn das Video produziert ist. Wir müssen überlegen: Wie kriegen wir das an den Mann oder die Frau? Ein Video über Landwirte ist zwar für alle interessant, aber vor allem für die Landwirte und Landwirtinnen. Also sitzt mein Community Manager einen Tag lang da, schreibt Nachrichten und postet das Video in die entsprechenden Facebook-Gruppen, schickt es an die größten Influencer und Influencerinnen in der Landwirtschaft und so weiter.

Uns interessiert, was die größten Schmerzpunkte in der Gesellschaft sind und welche Themen man angehen muss.

Ihr macht ganz verschiedene Videos, aber doch recht viel zum Thema Armut, oder?

Ja, auf jeden Fall. So viele Deutsche sind von Armut oder Armutsgefährdung betroffen, aber medial ist das Thema völlig unterrepräsentiert. Ich denke, das hängt auch damit zusammen, dass in vielen Redaktionen Armut gar nicht vorhanden ist, die Kolleginnen und Kollegen werden in der Regel ja gut bezahlt. Uns interessiert aber, was die größten Schmerzpunkte in der Gesellschaft sind und welche Themen man angehen muss. Allein in den letzten zwei Jahren haben wir fünf Filme zu Armutsthemen gemacht, die alle sehr gut gelaufen sind. Die Menschen sind da, aber ihre Probleme werden kaum gesehen. Hartz-IV-Empfänger oder junge Leute, die in Hartz-IV-Haushalten aufgewachsen sind, teilen dann unsere Videos, weil sie denken: Endlich werden wir mal abgebildet. Diese Stimmen zu stärken, ist für mich eine ganz große Motivation.

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Bist du manchmal enttäuscht, dass nur ein ganz kleiner Teil von dem, was du zum Beispiel auf dem Bio-Bauernhof erlebt hast, im Video gezeigt wird?

Am Anfang war ich das noch, weil ich früher fürs Fernsehen längere Reportagen gemacht habe. Jetzt habe ich die Vorgabe: Mach mal so drei Minuten. Aber ich habe schnell gelernt, dass ich dadurch ganz andere Leute erreiche. Die Gymnasiasten und Studierenden hat man mit so einem Politik-Format meist eh im Sack, die freuen sich, wenn es mal was junges Politisches gibt. Aber wir sprechen ja explizit Leute mit Real- oder Hauptschulabschluss an. Die sind oft hochpolitisch, aber haben nicht unbedingt Bock auf das klassische Politmagazin. Drei Minuten bei „Deutschland3000“ finden sie jedoch interessant.

Man muss schauen: Wo und bei wem kommt Politik an? Da gehen wir hin.

Das heißt, ihr seid auch eine Art Einstiegsmedium, um junge Menschen mehr für Politik zu begeistern?

Das hoffe ich! Wir reden in der Redaktion aber immer vom „Bundeszentrale für politische Bildung-Zeigefinger“, den wir auf keinen Fall heben wollen. Viele Kollegen und Kolleginnen würden ihren Lesern oder Zuschauern gerne vermitteln: Du musst dich für Politik interessieren! Das ist totaler Quatsch. Es ist eh jeder politisch. Wenn Leute mir sagen, „Ach, ich kann mit Politik nichts anfangen“, dann frage ich immer: „Was regt dich denn auf?“ Da weißt du nach fünf Minuten, was eine Person politisch umtreibt. Irgendwann findet fast jeder bei uns eine Reportage, die ihn auch anspricht oder aufregt. Wir könnten auch in den Bundestag gehen und in den Videos mit Abgeordneten sprechen. Machen wir aber nicht. Weil ich finde, dass Politik dort, wo sie gemacht wird, sehr weit weg ist von den Menschen, die sie betrifft. Im Bundestag sind aus deren Sicht vor allem Anzüge und viel Blabla. Man muss schauen: Wo und bei wem kommt Politik an? Da gehen wir hin. Ich muss also überhaupt nicht mit dem moralischen Zeigefinger kommen, die Leute finden bei uns ganz von allein zur Politik.

Auf Instagram haben wir knapp 5.000 Follower, obwohl wir da erst vor ein paar Wochen gestartet sind – das ging schnell. Die Leute denken sich: Cool, da kann ich mir ein bisschen Politik in meinen Feed reinmischen. So wie man sagt: Ich esse gern den ganzen Tag Kekse, aber ich muss auch einmal am Tag etwas Gesundes essen. Dann packe ich mir zwischen die ganzen Interior- und Mode-Accounts halt auch noch was mit Politik, was aber nicht so schwer daherkommt. Die User wollen nicht ständig Jens Spahn auf der Kachel haben. Bei uns hast du eben einen Bauern oder ein Foto von mir mit Huhn (lacht).

Politische Themen funktionieren also auch auf Instagram?

Ja, absolut! Es gibt da einen ganz großen Hunger nach Politik. Ich glaube, dass Instagram sich dahingehend entwickelt, dass du dort die ganze Breite an Themen finden kannst.

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Viele Influencer haben ja auch Werbung für die Europawahl gemacht …

Als Influencer oder Influencerin kannst du das Wählen schon cool machen, indem du ein Foto von dir im EU-Hoodie postest. Zum Wählen aufrufen können sie alle, damit sieht man hip und gebildet aus. Aber dass sie sich mal etwas stärker positionieren oder – wie wir das machen – ein Thema suchen, bei dem sie die Leute auch inhaltlich informieren oder politisieren, das passiert noch viel zu selten. Deshalb feiere ich auch Rezo so, der gerade mit seinem YouTube-Video über die Politik von Union und SPD viral gegangen ist. Von solchen starken, gut begründeten jungen Positionen brauchen wir noch viel mehr! Ich hoffe, dass sich jetzt viele weitere Stars und Helden der jüngeren Generation trauen, ihre Meinung zu sagen, und weniger Angst haben, Abonnenten und Anzeigenkunden zu verprellen.

Dass sich Influencer mal etwas stärker positionieren oder – wie wir das machen – ein Thema suchen, bei dem sie die Leute auch inhaltlich informieren oder politisieren, das passiert noch viel zu selten.

Ist es heute vielleicht schwieriger geworden, sich politisch zu äußern, ohne gleich zurechtgewiesen zu werden?

Ja, es ist leider gesellschaftlich überhaupt nicht mehr selbstverständlich, dass man sich hinstellt und sagt: „Lasst uns mal alle über dieses oder jenes Thema debattieren!“ Da wird man schnell mit sehr aggressiver Gegenrede konfrontiert, oder einzelne Sätze und Argumente werden herausgegriffen und ein Statement dadurch verkürzt oder verdreht dargestellt. Es ist auch nicht mehr normal, dass man mit einer Meinung rausgeht und sie wieder ändert. Ich habe bei „Deutschland3000“ auch schon Haltungen vertreten und dann geändert, weil zum Beispiel ein Argument von unseren Usern so stark war, dass ich dachte: Stimmt, das habe ich falsch gewichtet. Aber es ist total schwer, dann zu sagen: „Wisst ihr was? Ich habe meine Meinung geändert.“ Das wird nicht mehr so akzeptiert.

Was reizt dich generell an deinem Job als Journalistin?

Alles! Ich lerne einfach unheimlich gern und treffe auch Entscheidungen danach, was ich als nächstes lernen will. Als Journalistin darf ich regelmäßig an neue Orte, neue Leute kennenlernen. Das geht mir auch beim Podcast so, den ich seit kurzem für „Deutschland3000“ machen darf. Beim Sport soll man ja Kraft und Ausdauer kombinieren. Die Facebook-Videos sind Krafttraining. Das ist Pumpen – ein Thema ganz kurz präzise zusammenzufassen, auf den Punkt zu bringen und unterhaltsam zu vermitteln. Ausdauer ist, wenn du, wie ich im Podcast, eine Stunde lang mit jemandem über ganz viele Themen reden und gemeinsam nachdenken kannst. Da darf ich die Weisheit von anderen Leuten aufsaugen, dabei nehme ich viel mit. Ich hatte ein sehr bewegendes Gespräch mit Lena Meyer-Landrut. Das beschäftigt mich immer noch: Was bedeutet Prominenz? Was führt sie für ein Leben? Und warum ist es zum Beispiel auch für sie so schwer, sich politisch zu positionieren?

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Sind eigentlich alle Leute bei euch in der Redaktion so jung wie du?

Ja, wir sind alle zwischen Ende 20 und Anfang 30 und deutlich mehr Frauen als Männer. Wir wollten das mindestens paritätisch haben, der Rest war Zufall. Die Redaktionsleitung teilen sich zwei Frauen im Jobsharing, das ist total schön, dass man hinter den Kulissen auch innovativ sein kann.

Wir sind in unserer Redaktion alle zwischen Ende 20 und Anfang 30 und deutlich mehr Frauen als Männer.

Man hat den Eindruck, dass euch „Frauenthemen“ auch vor den Kulissen wichtig sind …

Männerthemen im Grunde auch, aber klar, wir haben immer wieder auch feministische Videos, über Frauen im Handwerk zum Beispiel. Anfangs hatten wir in der Redaktion oft diese Feminismus-Frage. Wir sind eine sehr feministische Redaktion, alle, auch die Männer. Aber wenn ich sagen würde, „Deutschland3000“ ist ein feministisches Format, dann würde ich einen gewissen Teil meiner Zielgruppe leider verlieren. Das wäre denen zu akademisch, zu schwer, oder sie würden denken: Mein Gott, Feminismus, bleibt mir weg damit! Aber sie gucken trotzdem ein Format, bei dem eine Frau vor der Kamera steht und feministische Themen macht. Auf diese Weise will ich Vorurteile gegenüber Feminismus nach und nach abbauen.

Eure Videos sind fast immer ein bisschen witzig. Ist das nur, um die Aufmerksamkeit der Leute zu gewinnen? Oder auch, weil ihr glaubt, dass man ernste Themen mit Humor etwas leichter nehmen kann?

Es geht ja gar nicht um leichter, sondern darum: Wann macht es mir Spaß, mich mit Dingen zu beschäftigen? Nämlich in dem Moment, wenn etwas unterhaltsam vermittelt wird. Allein, dass du das so fragst, heißt ja schon, dass wir als Gesellschaft gelernt haben: Oh, Politik, das sind immer die ernsten, verkopften Themen. Aber das ist ja überhaupt nicht so! Politik ist unser Alltag, ist überall. Dieses Café, in dem wir sitzen, ist Politik, weil man ihm Gentrifizierung vorwerfen könnte. Dann geht es hier aber auch um Gleichstellung und Minderheiten, die gestärkt werden, weil sie hier zum Beispiel immer wieder queere Veranstaltungen machen wie neulich den „Draggy Brunch“. Und dann hast du ein Haus weiter eine hohe Armutsquote, wie überhaupt in Neukölln. Wir versuchen bei „Deutschland3000“, ganz lebensnah und auch witzig auf Politik zu schauen, weil das Leben im besten Fall viel mit Humor zu tun hat.

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Tun sich ältere, vielleicht auch männliche Kollegen schwer mit dem Format oder mit dir?

So genau weiß ich das nicht, ich rede nicht so viel mit denen über das Format. Aber ja, es gibt schon Politikjournalisten, so ab vierzig aufwärts, die mich erst mal unterschätzen. Ich gehe inzwischen bewusst in solche Situationen, zum Beispiel zu Konferenzen oder Hintergrundgesprächen, weil ich denke: Ihr müsst sehen, dass eine junge Frau in Sachen Politik auch was zu sagen hat. Ältere Kollegen gefallen sich zum Beispiel oft sehr darin, nochmal ewig über ihre Analysen zur Flüchtlingskrise zu reden. Ich finde das ein bisschen nervig und denke manchmal: Ein Teil meiner Zielgruppe durfte noch gar nicht wählen, als das passiert ist. Und ihr redet immer noch drüber und gefallt euch so dabei. Dann sage ich: „Wollen wir nicht mal wieder übers Jetzt und Morgen reden?“ Manchmal kriege ich sie so. Manchmal reicht es auch schon, wenn ich ihnen unsere Abrufzahlen zeige.

Du wirst oft als die Stimme deiner Generation bezeichnet.

Ja, das finde ich aber ein bisschen doof, wenn man meint, eine Person könne für eine ganze Generation sprechen. Was mir total wichtig ist: Klar, wir sind mit „Deutschland3000“ bei Facebook, Instagram und YouTube auf Plattformen, wo ganz viele junge Leute unterwegs sind. Aber ich will nicht, dass eine Kluft entsteht. Das ist gefährlich, dass Medien die Gesellschaft fragmentieren und auf einmal Alt und Jung, Rechts und Links, Empört und Gelassen, Europabefürworter und Europagegner gar nicht mehr miteinander reden. Deshalb bin ich auch froh, dass wir immer wieder Seniorinnen und Senioren in unseren Videos haben, zum Beispiel zum Thema Pflege oder gerade Analphabetismus. Wir versuchen, die Generationen zu verbinden.

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Das ist gefährlich, dass Medien die Gesellschaft fragmentieren und auf einmal Alt und Jung, Rechts und Links, Empört und Gelassen, Europabefürworter und Europagegner gar nicht mehr miteinander reden.

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Woher nimmst du das Selbstbewusstsein, dich immer wieder mit teils auch kontroversen Haltungen vor die Kamera zu stellen?

Vor der Kamera habe ich schon immer gern gestanden. Aber ich bin heute auf jeden Fall viel selbstbewusster als noch vor zwei Jahren. Zum einen, weil ich natürlich mehr in der Öffentlichkeit stehe, aber vor allem, weil hinter den Kulissen etwas passiert ist, das ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte: Ich wurde auf einmal Chefin – von Leuten, die genauso alt sind wie ich. Da habe ich Führung gelernt, im kalten Wasser. Wir mussten uns fragen: Wie baut man eine Redaktion auf, in der alle gern zusammenarbeiten und einander auf Augenhöhe begegnen? Natürlich macht man auch Fehler. Dann müssen wir als Leitungsteam unserer Crew sagen: „Entschuldigung, das haben wir jetzt gelernt und ihr habt leider darunter gelitten.“ Zum Glück haben sie meistens Verständnis.

Ich wurde auf einmal Chefin – von Leuten, die genauso alt sind wie ich. Da habe ich Führung gelernt, im kalten Wasser

Gibt es Augenblicke, in denen du keine Lust auf Politik hast?

Na klar! Ich bin total froh, wenn ich am Wochenende auch mal keine Nachrichten hören muss. Es gibt ja so Nachrichten-Junkies, die das brauchen. Ich könnte, glaube ich, keinen tagesaktuellen Journalismus machen, weil du dann immer diesen Pegel halten musst. Die Leute, die „Deutschland3000“ sehen, ziehen sich ja auch nicht drei Stunden am Tag Nachrichten rein und sehen jede Woche Anne Will. Da darf ich doch genauso mal meine Interior-Zeitschrift durchblättern. Das zu vermitteln ist aber nicht so einfach. Ich habe irgendwann mal eine Kochshow entwickelt, die existierte nur als Konzept, weil sich damals keiner getraut hat, das zu finanzieren. Heute bin ich aber froh, dass es nicht geklappt hat, sonst wäre ich jetzt die Food-Tante. Und aus der Food-Ecke rauszukommen, ist nicht leicht. Wenn ich eine Kochsendung hätte, würde mich wahrscheinlich niemand mehr eine Politik-Show machen lassen. Oder es wäre zumindest sehr schwer. Das ist total schade, weil Unterhaltung doch auch ein hohes Gut ist! Wir wollen alle unterhalten werden und wenn uns etwas Spaß macht, dann hat es doch Relevanz. Wenn du aber einmal Politik gemacht hast, kannst du, glaube ich, alles machen. Das ist mein Vorteil. Auf dem Bauernhof hab ich wieder gedacht: Och, so eine Bauernhofsendung, da kann ich immer Hühner und Kälber streicheln, das wäre doch auch nett (lacht). Aber jetzt kommen erst mal die Landtagswahlen.

Vielen Dank, liebe Eva, für das spannende und offene Gespräch!

Hier findet ihr Eva Schulz und „Deutschland3000“:

   

Layout: Kaja Paradiek

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