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Wellbeing

Dis-Connection: Wenn wir im Alltag mehr funktionieren als fühlen

24. Februar 2026

geschrieben von Fiona Torke

Dis-Connection: Wenn wir im Alltag mehr funktionieren als fühlen

Selbstoptimiert, aber erschöpft: Wie wir den Kontakt zu uns selbst wiederfinden

Noch nie wussten wir so viel über Selbstfürsorge – und trotzdem läuft das Leben oft auf Autopilot. Wenn Termine, Erwartungen und Verantwortung den Alltag bestimmen, geht die Verbindung zum eigenen Körper schnell verloren. Zwischen Leistungsanspruch und Selbstoptimierung entsteht ein Zustand, den Frauke Bataille als "Dis-Connection" bezeichnet. In ihrem Buch "Wieder spüren, wer ich bin" erklärt die Ärztin und Coachin, warum Kopf und Körper oft getrennte Wege gehen und wie wir den Kontakt zu uns selbst wiederfinden, wenn wir im Alltag mehr funktionieren als fühlen.

"Der Alltag ist vollgepackt, ein Termin jagt den nächsten, und irgendwann hören wir auf, uns zu fragen, wie es uns eigentlich geht oder was wir wirklich wollen."

femtastics: Du bezeichnest Dis-Connection als eine stille Volkskrankheit. Wie macht sich im Alltag bemerkbar, wenn jemand den Kontakt zu sich selbst verloren hat?

Frauke Bataille: Mit Dis-Connection ist ein Zustand gemeint, den wohl die meisten von uns kennen: Wir funktionieren nur noch. Der Alltag ist vollgepackt, ein Termin jagt den nächsten, und irgendwann hören wir auf, uns zu fragen, wie es uns eigentlich geht oder was wir wirklich wollen. Stattdessen passen wir uns an Erwartungen von außen an, funktionieren im Job, in der Familie, im Freundeskreis und erfüllen gesellschaftliche Rollenbilder.

Mit der Zeit geraten wir dadurch in den Autopilot-Modus. Wir tun, was wir glauben, tun zu müssen. Aber wir verlieren den Kontakt zu unserem inneren Erleben. Das zeigt sich dann nicht nur psychisch, sondern auch körperlich. Unser Stresssystem läuft auf Hochtouren, während die Signale aus dem Körper wie Müdigkeit, Hunger oder das berühmte Bauchgefühl kaum noch wahrgenommen werden. Kopf und Körper sind dann einfach nicht mehr im Dialog.

Als Ärztin und Coachin unterstützt du Menschen, dich sich dis-connected fühlen. Warum ist das Thema zu deinem persönlichen Anliegen geworden?

Ich erlebe in meiner Arbeit als Ärztin der Pathologie immer wieder, wie schwer es Patient*innen fällt, in existenziellen Situationen Entscheidungen über ihre Behandlung und die nächsten Schritte zu treffen. Viele fühlen sich hilf- und ratlos, wenn es darum geht, was sie eigentlich wollen und was ihnen guttut.

Mich beschäftigt also die Frage: Wie können Menschen in schwierigen Lebenslagen gute Entscheidungen treffen, wenn sie den Kontakt zu sich selbst verloren haben? Man muss nicht krank sein, um sich im eigenen Leben orientierungslos zu fühlen. Deswegen habe ich mich entscheiden, mein Wissen auch in Coachings weiterzugeben.

"Wir denken, machen, funktionieren, aber wir spüren kaum noch. Wenn Körpersignale wegfallen, wird das emotionale Erleben flacher – wie ein Gericht ohne Gewürze."

Woran merke ich im Alltag, dass ich den Kontakt zu mir selbst verliere?

Dis-Connection ist ein Ungleichgewicht im Nervensystem. Der Sympathikus, zuständig für Stressreaktionen, ist ständig aktiv, während der Parasympathikus, der für Entspannung sorgt, kaum noch zu Wort kommt. Entscheidend dabei ist der Vagusnerv: Er übermittelt Signale vom Körper an das Gehirn und sorgt dafür, dass wir spüren, was in uns vorgeht. Bei dauerhaftem Ungleichgewicht wird dieser Bote immer leiser – die Signale kommen kaum noch an.

Die Folge: Wir denken, machen, funktionieren, aber wir spüren kaum noch. Gedanken kreisen unaufhörlich, Emotionen wirken flacher, und unsere Reaktionen passen oft nicht mehr zu unserem eigentlichen Wesen. Viele kennen das: Man sagt etwas im Stress, das man später bereut, oder reagiert gereizt, obwohl man das eigentlich gar nicht will.

Auch der Körper zeigt Warnsignale, wenn wir dis-connected sind. Typisch sind Stresssymptome wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Bluthochdruck, Magenprobleme oder chronische Müdigkeit. Dabei hat jede Person ihr eigenes Stresszentrum. Psychisch kann sich Dis-Connection als Emotionsmüdigkeit bemerkbar machen. Emotionen entstehen aus einem Zusammenspiel von Gedanken, Erinnerungen und Körpersignalen. Wenn der Körper als Informationsquelle wegfällt, wird das emotionale Erleben flacher – wie ein Gericht, dem wichtige Gewürze fehlen.

"Die meisten belastenden Lebensphasen sind Übergangszeiten. Wer sich selbst ernst nimmt und bewusst reflektiert, kann kleine Freiräume für sich schaffen."

Du sprichst von "Sensorship" als Schlüssel zurück zur Selbstwahrnehmung. Welche Fähigkeiten stecken dahinter und warum sind sie für unser Wohlbefinden so entscheidend?

Sensorship beschreibt die Fähigkeit, sowohl innere als auch äußere Signale bewusst wahrzunehmen. Dazu gehört das Gespür für die Gefühle anderer Menschen, also Empathie, ebenso wie die Wahrnehmung der eigenen Emotionen – zunächst ganz ohne Bewertung –, die sogenannte Impathie. Hinzu kommt die Exterozeption, also das bewusste Wahrnehmen äußerer Eindrücke wie Geräusche, Gerüche oder visuelle Reize, sowie die Interozeption, das Spüren körperlicher Signale wie Hunger, Anspannung oder Entspannung. Erst wenn all diese Aspekte zusammenspielen, können wir einschätzen, was uns guttut und was nicht – und genau das ist entscheidend für unser Wohlbefinde

Was können Menschen tun, die sich im Alltag stark fremdbestimmt fühlen, etwa durch Elternschaft, Pflegearbeit oder Schichtdienst – und kaum Raum für eigene Bedürfnisse haben?

Ja, das ist herausfordernd! Solche Situationen sind stark von außen gesteuert, weshalb der eigene Handlungsspielraum vor allem in der inneren Haltung liegt. Hilfreich ist es, sich bewusst zu fragen, welche Einstellung man zu der Situation hat, welche Fähigkeiten, Ressourcen oder Unterstützungsmöglichkeiten einem zur Verfügung stehen und welchen Sinn es für einen selbst hat, diese Phase zu bewältigen. Gerade die letzte Frage hilft, die stressige Phase ins große Ganze einzuordnen und ein Ziel vor Augen zu haben. Die meisten belastenden Lebensphasen sind ohnehin Übergangszeiten. Wer sich selbst ernst nimmt und bewusst reflektiert, kann selbst in fordernden Situationen kleine Freiräume für sich schaffen.

"Was ist das Ziel hinter dem Ziel: Sicherheit, Anerkennung, Freiheit, Sinn? Wer sich diese Frage ehrlich stellt, entdeckt oft mehrere Wege statt nur den scheinbar vorgegebenen."

Wie löse ich mich von dem gesellschaftlichen Ideal der Selbstoptimierung und finde wieder Orientierung an meinen eigenen Werten?

Das beginnt mit einer kritischen Betrachtung der eigenen Perspektive. In westlichen Gesellschaften verfolgen wir oft sehr konkrete, starre Ziele: einen bestimmten Job, Status oder ein Einkommen. In östlichen Philosophien wird dagegen zuerst gefragt: Was ist das Ziel hinter dem Ziel? Es geht vielmehr darum, sich zu überlegen, was man eigentlich wirklich will – ist es Sicherheit, Anerkennung, Freiheit oder Sinn? Wer sich diese Frage ehrlich stellt, entdeckt oft mehrere Wege statt nur den scheinbar vorgegebenen Plan. Das nimmt Druck raus und eröffnet neue Möglichkeiten, die besser zu den eigenen Werten und Lebenszielen passen.

Welcher erste, realistische Schritt hilft Menschen, die sich aktuell stark dis-connected fühlen, wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen?

Der erste Schritt ist, innezuhalten, sich einen Moment lang die Vogelperspektive zu verschaffen uns sich zu fragen: Wenn ich mich selbst wirklich ernstnehme, mir allem, was ich schon erreicht habe, was ich kann und was mich umgibt – wie sehe ich dann diese Situation? Schon ein kurzer Moment der Reflexion kann enorm helfen, einen neuen Blick zu gewinnen und wieder Verbindung mit sich selbst zu spüren.


Dr. med. habil. Frauke Bataille ist praktizierende Fachärztin und geschäftsführende Gesellschafterin ihrer Gemeinschaftspraxis für Pathologie. Darüber hinaus ist sie Gründerin des "Inhesa-Instituts für Health & Selfcare" in Berlin. Ihr Buch "Wieder spüren, wer ich bin" ist ab dem 25. Februar im Penguin-Verlag.

Hier erfahrt ihr mehr über Frauke Batailles Arbeit:

Foto: "Canva"