Claudia Müller vom „Female Finance Forum“: Warum besonders Frauen sich um ihre Finanzen kümmern müssen

18. Juli 2019

Claudia Müller gibt in unserer „Female Finance“-Kolumne regelmäßig Tipps rund ums Thema Finanzen, speziell für Frauen. Als Gründerin des „Female Finance Forum“ hat sich Claudia auf genau diesen Bereich spezialisiert. Ursprünglich hatte sie nach ihrem VWL-Studium eine klassische Bankkarriere geplant – bis sie feststellte, wie groß der Bedarf für finanzielle Bildung ist. Jetzt hält die 32-Jährige mit ihrer sympathischen Art Workshops und Vorträge, in denen es ihr immer wieder gelingt, vermeintlich trockene Themen zugänglich und unterhaltsam zu machen. Warum sich besonders Frauen mit dem Thema Geldanlage und Absicherung beschäftigen sollten, und wie man damit am besten anfängt, das erzählt Claudia in unserem Interview.

 

Femtastics: Was genau ist das „Female Finance Forum“?

Claudia Müller: Das „Female Finance Forum“ ist eine Bildungseinrichtung zum Thema Finanzen für Frauen. Es geht um die Fragen: Warum muss ich mich mit dem Thema befassen und wie mache ich das? Was kann ich selbst umsetzen? Und das Allerwichtigste: Wenn ich es nicht selbst umsetzen möchte oder kann, wie finde ich den richtigen Berater? Ich verkaufe keine Produkte, sondern gebe Workshops und halte Vorträge, um zu erklären wie der Finanzsektor funktioniert. Wie funktioniert zum Beispiel private Altersvorsorge? Wie lege ich Geld an? Wie sichere ich mich finanziell ab?

Wie kam dir die Idee zum „Female Finance Forum“?

Ursprünglich durch meine Arbeit bei der Deutschen Bundesbank. Ich war dort für das Thema Green Finance zuständig, also nachhaltige Geldanlage. Ich wollte Menschen beibringen, wie sie ihr Geld nachhaltig anlegen können. Aber im Gespräch mit anderen Menschen ist mir klar geworden, dass nicht die Nachhaltigkeit bei der Geldanlage das Problem ist, sondern die Geldanlage an sich. Solange die Leute nicht wissen, wie diese funktioniert, können sie auch nicht nachhaltig Geld anlegen. Das heißt, es müssen zunächst die Grundlagen der Geldanlage verstanden werden – dann kann die Nachhaltigkeit als I-Tüpfelchen dazukommen. So bin ich zum Thema finanzielle Bildung im Allgemeinen gekommen und habe dann geschaut, was die Problematik ist, warum dieser Bereich so schlecht aufgestellt ist in Deutschland.

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Ich habe festgestellt, dass der Wissenstand zum Thema Finanzen bei Frauen nicht viel schlechter ist als bei Männern. Alle machen zu wenig, aber die Auswirkungen des Nichtstun sind bei Frauen ungleich gravierender als für Männer.

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femtastics-Autorin Marie Freise trifft Claudia Müller im Berliner Café „Zimt und Zucker“.

Wie kamst du dazu, den Fokus auf Frauen zu legen?

Ich habe festgestellt, dass der Wissenstand zum Thema Finanzen bei Frauen nicht viel schlechter ist als bei Männern. Alle machen zu wenig, aber die Auswirkungen des Nichtstun sind bei Frauen ungleich gravierender als für Männer.

Warum sind sie gravierender?

Frauen sind häufiger in Teilzeit erwerbstätig oder arbeiten in Berufen mit niedrigem Gehalt. Das wirkt sich auf die Rente aus: Die Rente von Frauen lag 2016 bei 884 Euro monatlich. Im Vergleich dazu sehen die 1.740 Euro der Männer richtig gut aus. Wir Frauen sind also viel mehr auf unsere private Vorsorge angewiesen. Wenn wir uns nicht darum kümmern, stecken wir womöglich in finanzieller Abhängigkeit oder Altersarmut. Daher ist es so wichtig, dass wir uns selbständig um unsere Finanzen kümmern.

Wie lange hast du vorbereitend an deiner Selbstständigkeit gearbeitet?

Ende 2016 war ich noch festangestellt, aber habe gedacht, dass ich außerhalb meiner Arbeit für die Bundesbank gerne etwas Anderes machen würde. Am liebsten wollte ich etwas Eigenes auf die Beine stellen und es schien mir der richtige Zeitpunkt dafür zu sein: Ich hatte Arbeitserfahrung, keine Hypothek, die ich abbezahlen musste, keine Kinder, die von meiner Selbstständigkeit finanziell betroffen wären.

Im Mai 2017 war die Deadline für ein Start-up-Stipendium, auf das ich mich beworben habe, und am 1. Juli startete ich mit dem Programm. Dort habe ich mein Geschäftsmodell entwickelt und Mitte August 2017 meinen Job bei der Bank gekündigt. Momentan habe ich noch einen Nebenjob an der Uni. Das Stipendium bot keine finanzielle Unterstützung an, sondern Beratung. Im ersten Jahr habe ich 50 Prozent an der Uni gearbeitet und dann auf 25 Prozent reduziert. Mittlerweile bin ich soweit, dass ich von meinem Unternehmen leben kann, und auch der Vertrag an der Uni geht nur noch bis Ende des Jahres.

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Mit welchen Finanzfragen kommen Frauen am häufigsten auf dich zu?

„Wo bekommt man heutzutage noch Rendite? In Aktien zu investieren, ist doch unsicher da spekulativ, oder? Sollte ich das alles nicht den Experten überlassen?“ Viele Frauen fragen mich nach dem Thema Geldanlage. Ich sage dann immer: Gerade, wenn wir nicht viel Geld haben, ist es gut, etwas anzulegen. Denn wenn wir viel haben, ist es nicht so wichtig, auf jeden Groschen zu achten. Was viele Menschen nicht wissen, ist, dass man schon ab 25 Euro monatlich in einen Aktienfond investieren kann. Das heißt noch einmal klar: Wir müssen nicht vermögend sein, um zu investieren. Wir müssen jedoch investieren, damit es später reicht.

Mit Versicherungen beispielsweise kenne ich mich nicht gut genug aus, dazu berate ich nicht. Dafür gibt es andere Experten und Expertinnen. Mein Fokus ist die Geldanlage.

Welche finanziellen Themen sind besonders brisant für Frauen?

Es fängt mit dem Thema Finanzen in Partnerschaften an. Mein Thema lautet nicht unbedingt nur „Frauen anders als Männer“, sondern „Mütter anders als alle anderen“.

Insgesamt haben Frauen eine andere Herangehensweise an das Thema als Männer, aber die prekäre Lage taucht erst auf, wenn Frauen Mütter werden. In Deutschland sind die Frauen diejenigen, die erstmal lange Elternzeit nehmen und anschließend in Teilzeit arbeiten, die sich vorher die Jobs suchen, bei denen sie einen pünktlichen Feierabend machen können, was meist leider die schlechter bezahlten Jobs sind. Und das alles wirkt sich eins zu eins auf die Rente aus.

In Partnerschaften mit Kindern sollte man mit dem Geld fair umgehen. Wenn ein Partner mehr arbeitet, während der andere sich mehr um die Kinder kümmert, sollte er dem anderen auch finanziell den Rücken freihalten und zum Beispiel in dessen Altersvorsorge einzahlen. Es gibt viele mögliche Modelle, man muss nur darüber reden! Und was die Leute nicht hören wollen: 40 Prozent aller Ehen werden geschieden. Das Problem sind nicht die Jahre, in denen wir verheiratet sind, sondern die Jahre danach. Die durchschnittliche Scheidung kommt in Deutschland nach 14 Jahren. Dann ist man zum Beispiel mit Mitte 40 wieder getrennt, hat bis dahin in Teilzeit gearbeitet, sich um die Kinder gekümmert und dem Mann den Rücken frei gehalten. Das heißt, Frauen sind dann in der Regel in einer finanziell viel schwierigeren Lage als Männer.

In Beziehungen über das Thema Geld zu sprechen, fällt vielen schwer. Doch im Nachhinein über Geld streiten, möchte auch niemand …

Genau. In der Hälfte aller Scheidungsprozesse geht es um Geld. Insbesondere um Geld im Alltag oder mangelndes Vertrauen, was mit dem gemeinsamen Geld passiert. Kommunikation ist auch in diesem Fall alles!

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Das Thema „Female Finance“ ist in den letzten Jahren zum Glück populärer geworden. Wie erklärst du dir das, woher kommt dieses neue Bewusstsein?

Die Dimension ist nicht vergleichbar, aber es ist ähnlich wie bei „Fridays for Future“. Lange Zeit hat man gedacht: Das wird schon alles werden mit dem Klima, niemand hat sich verantwortlich gefühlt. Und nun sind wir an einem Punkt, wo man merkt: Verdammt, es wird nicht werden mit dem Klima. Ähnlich ist es bei den Finanzen: Lange Zeit war es so, dass die Rente gereicht hat und alles, was man on top gemacht hat, war nett. Und jetzt verstehen die Leute langsam, dass es eine Änderung im Rentensystem gab und die Rente nicht mehr danach ausgerichtet ist, unsere gesamten Lebenshaltungskosten zu decken. Die Rente besteht aus drei Säulen und eine davon ist die private Vorsorge. Und das ist nichts für die Zukunft, sondern etwas, was wir sofort machen müssen.

Zum einen heißt es, dass die jetzige Generation bewusster und vernünftiger sei als die vorherige. Zum anderen habe ich das Gefühl, dass das ganze Frauenthema in den letzten Jahren eine neue Dimensionen angenommen hat. Und auch hier sind Finanzen noch einer der verstaubtesten Bereiche. Das Problem bei dem Thema ist: Wir lernen es weder im Elternhaus, noch in der Schule. Plus: das Thema ist ein absolutes Tabu! Es ist tief verankert, dass man über Geld nicht spricht. Das ist alles nicht hilfreich zur Aufklärung.

Du klärst Frauen einerseits über deine Website, deine Workshops und deine Texte auf, andererseits hältst du aber auch Vorträge in Unternehmen.

Richtig. Momentan liegt mein Fokus sogar darauf, mit Arbeitgebern zusammenzuarbeiten, um Vorträge für Mitarbeiterinnen zu halten. Auch dafür ist meine andere Arbeit wichtig. Ich erreiche Frauen zum Beispiel über meine Social Media Kanäle – und diese empfehlen mich dann vielleicht ihrem Arbeitgeber oder der Gleichstellungsbeauftragten in ihrem Unternehmen. Gerade beim Thema Finanzen spielt Vertrauen eine große Rolle. Und ich denke, dafür sind Social Media Kanäle wichtig.  

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Das Problem beim Thema Finanzen ist: Wir lernen es weder im Elternhaus, noch in der Schule. Plus: das Thema ist ein absolutes Tabu! Es ist tief verankert, dass man über Geld nicht spricht.

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Was waren die größten Herausforderungen zu Beginn deiner Selbstständigkeit?

Unternehmensgründung lernt man leider nirgendwo. Wie fängt man also an? Ich habe „Businessplan“ gegoogelt und „Was ist ein haltbares Geschäftsmodell?“. (lacht) Nervenaufreibend waren die ganzen Behördengänge. Und immer wieder die nächsten Schritte ins tiefere Wasser: Beim ersten Workshop, den ich gegeben habe, habe ich mich leider unter Wert verkauft. Der erste Vortag vor größerem Publikum, das erste Interview für eine Zeitschrift, der erste Auftritt im Fernsehen. Die Bühnen werden stetig größer – was toll ist und mir viel Spaß bereitet. Aber erstmal ist alles neu und mit viel Aufregung verbunden. Außerdem war es wichtig zu erkennen: Was sind meine Stärken und was nicht? Es ist sehr wichtig, sich immer weiter zu entwickeln. Momentan überlege ich, ob das Blog noch zeitgemäß ist oder ob ich mehr mit Podcasts und Videos arbeiten sollte. Der nächste Schritt wäre: Wo brauche ich Unterstützung? Was könnte ich delegieren? Ich hatte eine erste Praktikantin, das hat hervorragend funktioniert.

Gibt es andere Projekte, an denen du arbeitest?

Ja, momentan schreibe ich an einem Buch. Ich werde im Sommer mit einer Freundin für drei Wochen in die Bretagne fahren und da konzentriert schreiben. Es wird ein Ratgeber für Frauen, wie man seine Finanzen in die Hand nimmt.

Wow, das klingt spannend. Gibt es schon ein Datum für die Veröffentlichung?

Nein, das erste Kapitel habe ich im April dieses Jahres eingereicht und das zweite vor kurzem. Toll wäre, wenn das Buch noch vor Weihnachten erscheint.

Wie kam es zu dem Buchvertrag?

Ich hatte mir vorgenommen, bei jedem Vortrag und bei jeder Podiumsdiskussion, bei der ich dabei war, eine Frage zu stellen. Das habe ich in den vergangenen Jahren durchgezogen. Darüber habe ich einige Leute getroffen und inhaltlich diskutiert. Ich bin nicht so gut im Vermarkten meiner selbst, aber das hat mir geholfen. Irgendwann kam tatsächlich ein Verlag auf mich zu mit dem Angebot, ein Buch von mir zu veröffentlichen.

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Das Wichtigste ist: Fang an, dich mit Finanzen zu beschäftigen. Es muss nicht perfekt sein und du musst nicht alles auf einmal machen.

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Wie sieht dein Arbeitsalltag aus, zwischen dem Schreiben, Vorträgen und so weiter?

Ich lege mir Termine gerne in den Morgen, das gibt meinen Tagen Struktur. Ich brauche strikte Deadlines, trotz aller intrinsischer Motivation. Es ist zum Beispiel super, dass ich den Druck vom Verlag habe, mit Kapitel-Deadline nach Kapitel-Deadline. Um produktiv zu bleiben, arbeite ich in einem Coworking Space.

Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich aufgebaut habe, und bekomme tolles Feedback, was mich freut und motiviert. Ich habe es in keiner einzigen Sekunde bereut, mich selbstständig gemacht zu haben. Das selbstbestimmte Arbeiten macht mir unglaublich viel Spaß, auch wenn ich viel mehr arbeite als vorher. Aber es sind alles meine eigenen Entscheidungen, es ist alles meine Arbeitsqualität. Irgendwann will ich dahin kommen, weniger zu arbeiten. Was schwierig ist, ist die Sozialkompatibilität meines Jobs: Meine Workshops finden außerhalb der normalen Nine-To-Five-Arbeitszeit statt, ebenso die Netzwerktreffen. Ich habe meinen Freunden von Beginn an gesagt, dass ich weniger Freizeit haben werde. Nun muss ich versuchen, mir bewusst Abende frei zu halten, damit ich meine Freunde treffen kann.

Was sind zusammenfassend die wichtigsten Tipps, die du Frauen geben kannst?

Das Wichtigste ist: Fang an, dich mit Finanzen zu beschäftigen. Es muss nicht perfekt sein und du musst nicht alles auf einmal machen.
Kleine Schritte sind besser als keine Schritte. Man läuft ja auch nicht von heute auf morgen einen Marathon. Fang beispielsweise mit einem Haushaltsbuch oder einer -App an, um einen Überblick zu bekommen. Baue deinen Notgroschen auf und lies dich in Ruhe in das Thema ein. Sieh es als Prozess, als längere Reise an und suche dir jemanden, der mitmacht, mit dem du dich gemeinsam motivieren kannst.

Der Finanzsektor profitiert davon, dass wir glauben, dass er kompliziert sei. Aber sobald man sich intensiv mit Finanzen beschäftigt, ist das Thema leicht zugänglich. Auch ein gewisser Pragmatismus ist hilfreich: nicht in der Analyse stecken bleiben, sondern ins Handeln kommen. Zuerst eventuelle Schulden abbauen, anschließend einen Notgroschen aufbauen, das sind die zwei wichtigsten ersten Punkte.

Vielen Dank für das interessante Gespräch und viel Erfolg und Freude mit deinem Buchprojekt, Claudia!

 

Hier findet ihr Claudia Müller:

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Fotos: Virginia Garfunkel

Interview: Marie Freise

Layout: Kaja Paradiek

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