Food Noise im Kopf? "Lasst uns endlich aufhören, Essen ständig zu bewerten!“
25. Februar 2026
geschrieben von Julia Allmann

Pausenloser Food Noise in sozialen Medien, negative Glaubenssätze, die mit uns am Tisch sitzen – und dann fragt doch ernsthaft jemand, ob wir wirklich die große Pizza bestellen wollen. Geht es ums Essen, geraten wir leicht in eine Endlosschleife aus Bewertungen und Vergleichen. Welche Auswirkungen das auf unser Essverhalten hat, wie wir gelassener damit umgehen können und wann Food Noise auf Social Media problematisch wird, erklären die Journalistinnen Nora Burgard-Arp und Marlene Borchardt in ihrem neuen Buch "Essen und essen lassen". Im Interview teilen sie ihre wichtigsten Erkenntnisse und Tipps.
"Der Struggle: Genuss darf erlaubt sein – aber dann fühlen wir uns schnell verpflichtet, Gegenmaßnahmen zu ergreifen."Marlene Borchardt
femtastics: Ihr schreibt, dass viele Menschen von widersprüchlichen Ernährungstipps verunsichert sind. Warum haben wir oft das Gefühl, beim Essen ständig alles richtig machen zu müssen?
Marlene Borchardt: Viele Ernährungstipps gelten gar nicht für alle Menschen, sondern müssten individuell betrachtet werden, weil wir unterschiedliche Voraussetzungen haben. Durch Aufmerksamkeitsmechanismen und all den Food Noise, vor allem in sozialen Medien, entsteht jedoch der Eindruck, ein Tipp sei für alle richtig. Komplexe Zusammenhänge werden stark vereinfacht dargestellt – das sorgt für Irritation.
Nora Burgard-Arp: Ein weiterer Aspekt, den uns die Soziologin Eva Barlösius erklärt hat: Gesellschaftliche Themen wurden schon immer auch über Essen verhandelt. Heute spielt Selbstoptimierung eine große Rolle – man möchte ständig die bessere Version seiner selbst sein. Neben Sport wird Ernährung dabei zu einem zentralen Faktor. Viele Menschen definieren sich stark darüber, wie gut sie essen, und klammern sich an Tipps, weil sie Halt geben. Eva Barlösius nennt das Ernährungsfrömmigkeit – ein Begriff, den ich sehr passend finde.
"Wie möchte ich sein? Welchem Trend folge ich und warum? Es geht darum, sich über Ernährung zu positionieren."Nora Burgard-Arp
Früher stand Schlanksein im Fokus, heute sind es Longevity und gesunde Selbstoptimierung. Warum sind wir dabei so auf unsere Ernährung fokussiert?
Marlene: Das hat zwei Seiten: Sich bewusst zu ernähren kann Ausdruck gesunder Selbstfürsorge sein. Es gibt Lebensmittel, die besser für uns sind als andere, und es kann etwas Schönes haben, den eigenen Körper durch Ernährung gut zu versorgen. Gleichzeitig kann das schnell in eine sehr restriktive Ernährung kippen, also in ein Essen nach immer strengeren Regeln, bei dem Lebensmittel in "erlaubt" und "verboten" eingeteilt werden. Außerdem ist nicht alles, was unter Longevity beworben wird, tatsächlich wissenschaftlich fundiert.
Nora: Problematisch wird es aus unserer Sicht, wenn eine Moralisierung dazukommt: "Wie, du gehst nicht viermal die Woche in die Sauna?" oder "Du hältst Intervallfasten nicht durch?". Das ist oft eine privilegierte Diskussion und suggeriert, jede*r sei allein dafür verantwortlich, wie alt oder gesund er*sie wird – das greift zu kurz.
Wir haben beobachtet, dass es bei vielen Trends um moralische Überzeugungen geht: Wie möchte ich sein – oder nicht sein? Welchem Trend folge ich und warum? Früher wollte man vor allem skinny wie Kate Moss sein, egal, ob das gesund ist. Heute zeigt sich das in anderen Gewändern, doch oft geht es weiterhin darum, sich über Ernährung zu positionieren.
Welche typischen Glaubenssätze führen dazu, dass wir unser Essen ständig bewerten?
Nora: Viele glauben an Easy-Fix-Lösungen und dass sie alles selbst in der Hand haben. Zum Beispiel: "Wenn ich diesen Ernährungsstil verfolge, bin ich supergesund und supersportlich." Gleichzeitig geht viel Bodyshaming damit einher, vor allem Fat-Shaming sitzt bei vielen Menschen sehr tief. Ein Glaubenssatz lautet etwa: "Du bist selbst schuld, wenn du so aussiehst, weil du nicht genug diszipliniert gegessen hast." Das ist zugespitzt, spiegelt aber oft die Realität wider.
Marlene: Häufig wird mehrgewichtigen Menschen abgesprochen, sich mit Ernährung auszukennen – obwohl das Quatsch ist.
"Als Teenie war ich stolz, viel essen zu können und trotzdem schlank zu bleiben. Wir haben "McDonald's"-Burger bestellt und über andere getuschelt, die nur einen Salat gegessen haben."Nora Burgard-Arp
Warum sind wir beim Thema Essen oft so streng – mit anderen und mit uns selbst?
Nora: Viel Härte richtet sich gegen uns selbst. Wir haben im Schreibprozess versucht, uns bewusst zu machen: Diese Strenge kommt oft im Selbstoptimierungskostüm daher. Der Körper wird als etwas gesehen, das verbessert oder geformt werden muss, häufig verbunden mit negativen Kommentaren: "Jetzt hab ich zu viel gegessen, übertrieben."
Marlene: Ein weiterer Glaubenssatz: Essen ist etwas, das man sich verdienen muss, auch Genuss. Studien zeigen, dass es vielen Menschen in Deutschland schwerfällt, einfach zu genießen. Genuss darf erlaubt sein – aber man fühlt sich oft verpflichtet, Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
Welche alltäglichen Sätze erzeugen noch Druck?
Marlene: Sprüche wie "Davon kannst du ja gar nicht satt werden" oder "Eine ganze Pizza? Das würde ich ja nicht schaffen".
Nora: Es geht in beide Richtungen. Entweder man wird verurteilt, wenn man viel isst und "so richtig reinhaut", oder man ist die typische Salat-Pickerin: Isst man zu wenig, wird einem abgesprochen, Freude am Essen zu haben. Selbst wir geraten oft noch in diese Bewertung. Als Teenie war ich stolz, viel essen zu können und trotzdem schlank zu bleiben. Ich erinnere mich an einen Besuch bei "McDonald's" mit Freundinnen: Wir haben Burger bestellt und über andere getuschelt, die nur einen Salat gegessen haben.
"Habe ich Lust auf Pizza? Dann ist mein Parameter Genuss und nicht die größtmögliche Menge Ballaststoffe auf meinem Teller."Nora Burgard-Arp
Wie kann man lernen, sich von solchen Kommentaren weniger beeinflussen zu lassen?
Marlene: Wir haben durch die Arbeit am Buch gelernt, nach eigenem Maßstab zu essen. Bin ich in der besten Pizzeria der Stadt, liebe Pizza und esse deshalb eine? Dann ist mein Parameter Genuss und nicht die größtmögliche Menge Ballaststoffe auf meinem Teller. Wenn ich das für mich klar vor Augen habe, muss ich mich auch nicht mit anderen abgleichen.
Nora: Es hilft wirklich, wenn man sich selbst fragt, wonach man das Essen gerade bewertet. Bin ich auf einer Hochzeit und möchte das ganze Menü mitessen, dann ist das der Maßstab, nachdem ich mich verhalten. Das nimmt Druck raus und reframed Sätze wie: "Du bist, was du isst." Ich darf je nach Situation entscheiden, wie ich essen möchte und in welcher Rolle, ohne mich dafür zu rechtfertigen.
Marlene: Was dabei wichtig ist: Es gibt natürlich auch Erkrankungen, die mit dem Essen zu tun haben – wenn jemand eine Essstörung hat, sieht das anders aus, da helfen solche Tipps nicht. Doch wenn es um die Bewertungen unabhängig von Erkrankungen geht, kann das hilfreich sein. Deshalb: Lasst uns aufhören, unser Essverhalten ständig zu bewerten.
Welche Auswirkungen hat Food Noise – also das ständige Denken an und Bewerten von Essen – auf unser Essverhalten und unsere mentale Gesundheit?
Nora: Bewertungen helfen nie, sie verschärfen Probleme. Studien zeigen, dass es bei Personen in Magersucht- und Bulimie-Recovery negative Effekte hat, wenn ständig die Mengen bewertet werden, die sie essen. Auch bei adipösen Menschen kann es schaden. Man weiß nie, was hinter dem Verhalten steckt. Deshalb sollten wir es endlich schaffen, ohne Bewertung über Essen zu sprechen.
"Für viele Content Creator*innen gehört Bewertung zum Geschäftsmodell, das ist Teil der Aufmerksamkeitsökonomie."Nora Burgard-Arp
Und dann sitzen wir auf Social Media ja auch noch an einem virtuellen Esstisch. Welche Rolle spielen Food-Content und Ernährungstipps?
Nora: Es ist die schiere Menge an widersprüchlichen Informationen. Wer einmal im Rabbit Hole des Food-Algorithmus landet, kommt schwer heraus. Früher konnte man Frauenzeitschriften oder Kochbücher zuklappen – heute beschallt uns der sogenannte Food Noise permanent. Das kann überwältigend sein. Hinzu kommt, dass teils absurde und auch gefährliche Theorien verbreitet werden. Viele Botschaften sind ideologisch aufgeladen oder extrem, etwa wenn Ernährung mit einer bestimmten Form von Menschenfeindlichkeit verknüpft ist: "Echte Patriot*innen essen Fleisch", "Veganer*innen verboten", "Gottes Nahrung ist roh". Wissenschaftliche Erkenntnisse werden da oft ignoriert.
Nora: Hier herauszufiltern, wo man gehaltvolle Informationen findet, ist extrem schwer. Marlene und ich sind beide Journalistinnen, wir schreiben über Ernährungsthemen, und sind selbst oft verwirrt. Und dann gibt es natürlich viel tollen Food-Content und ästhetisch ansprechende Kochvideos, die uns inspirieren. Aber gleichzeitig schnell mit "That Girl" konfrontieren, also mit der Frau*, die das perfekte Müsli macht und danach zum Yoga geht. Im Kopf der Betrachterin wird daraus: Druck, Druck, Druck.
In den Kommentarspalten geht die Bewertung dann weiter …
Marlene: Ja, da kann ich mich als Nutzer*in komplett verlieren. Es gibt Menschen, die so verwirrt von den unterschiedlichen Tipps und Meinungen sind, dass sie richtige Ängste rund um ihr eigenes Essverhalten und um bestimmte Lebensmittel entwickeln.
Nora: Für viele Content Creator*innen gehört Bewertung zum Geschäftsmodell, das ist Teil der Aufmerksamkeitsökonomie. Gerade Reaction-Videos provozieren, spalten und emotionalisieren – und wir tragen das aus dem Internet mit an den Esstisch.
"Kommentare spiegeln oft den Leidensdruck anderer wider – nicht immer böse Absicht. Wir alle tragen unser Päckchen. Dieses Bewusstsein bringt Gelassenheit."Marlene Borchardt
Was hilft konkret, um Food Noise zu reduzieren und wieder ohne Druck zu essen?
Nora: Wenn wir alle versuchen, weniger zu kommentieren und zu bewerten, ist im täglichen Leben schon viel gewonnen. Es hilft, das Grundrauschen zu dämpfen und auf sich selbst zu vertrauen: Cashews statt Walnüsse – voll okay, auch wenn bei Social Media jemand etwas anderes sagt.
Marlene: Ich habe gelernt, dass sich mein Essverhalten von Zeit zu Zeit verändert, und dass das okay ist. Das hat mir eine neue Gelassenheit gegeben. Kommentare spiegeln oft den Leidensdruck anderer wider – nicht immer böse Absicht. Wir alle tragen unser Päckchen und verhalten uns auf Grundlage eigener Erfahrungen und Prägungen. Dieses Bewusstsein bringt Gelassenheit.
Das Buch "Essen und essen lassen" von Marlene Borchardt und Nora Burgard-Arp ist ganz neu im "Penguin-Verlag" erschienen.
Hier findet ihr die Journalistinnen Marlene Borchardt und Nora Burgard-Arp:
Foto: Susanne Baumann