Stewardess Victoria über den Traum vom Fliegen

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16. Mai 2015

Endlose Mythen ranken sich um den Beruf der Stewardess: Vom Glamour der goldenen Pan-Am-Zeiten bis hin zur vermeintlichen Kaffeeschubse im Billigflieger. Aber wie ist es nun wirklich, als Flugbegleiterin zu arbeiten? Die Hamburgerin Victoria, 34, ist eigentlich ausgebildete Grafikdesignerin und ist vor wenigen Jahren zu den Wurzeln ihrer Eltern zurückgekehrt: dem Flughafen. Warum die Arbeit hoch oben im Himmel ihr Traumjob ist und warum sie es liebt, wenn bei der Landung applaudiert wird, erzählt sie uns in ihrer Wohnung in Hamburg-St. Georg – und natürlich am Flughafen.

Femtastics: Wie ist es nun wirklich mit dem sagenumwobenen Stewardessen-Job – ist es ein Traumberuf?

Victoria: Es fühlt sich toll an, weil es diesen Mythos noch gibt. Die Realität ist natürlich anders. Ich bin jeden Abend wieder zu Hause und fliege auch nicht auf Südsee-Inseln, um dort eine Woche in Traumhotels mit Piloten zu verbringen.

Schade!

Es ist ein Job, zu dem du hingehst und deine Arbeit machst. Aber es fühlt sich unheimlich toll an und macht einen Riesenspaß. Abends komme ich nach Hause und denke: Wow, du bist heute über den Ätna geflogen, hast die schneebedeckten Alpen und die Côte d’Azur gesehen. Die Kollegen haben teilweise auf der ganzen Welt gearbeitet. Mit deiner Uniform und dem kleinen Köfferchen wirst du überall angeguckt, das ist einfach so.

 

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Veränderst du dich, wenn du deine Uniform trägst?

Total. Es ist ein bisschen wie eine Show. Ich gehe anders, ich kaue kein Kaugummi und rauche auch nicht. Das Zurechtmachen macht einfach Spaß.

 

Ich könnte acht mal am Tag starten und landen, das macht mir überhaupt nichts aus.

 

Deine Leidenschaft fürs Fliegen kommt nicht von ungefähr – was genau haben deine Eltern am Flughafen gemacht?

Meine Eltern haben beide bei British Airways gearbeitet. Ich bin quasi im Flugzeug groß geworden. Bis ich 19 war, sind wir unglaublich viel rumgereist. Meine Mutter hat als Dispatcherin die Ladung überwacht. Später hat sie richtig Karriere gemacht und war zuletzt District Cargo Managerin für Süddeutschland. Mein Vater war Pilot. Sie hat immer seine Flugzeuge beladen und überwacht. Irgendwann haben sie sich in einander verliebt.

Also hast du das Fliegen in den Genen?

Ich habe Flugzeuge und alles, was zum Fliegen gehört schon immer geliebt. Als kleines Mädchen wollte ich Kampfjetpilotin werden. Ich könnte acht mal am Tag starten und landen, das macht mir überhaupt nichts aus. Aber das Fliegen war auch immer das Revier meiner Eltern.

Und du wolltest dein eigenes Revier?

Meine Mutter war eine große Persönlichkeit am Flughafen, immer sehr präsent. Ich hätte mir nicht vorstellen können, auch in dem Bereich tätig zu sein. Es kam überhaupt nicht für mich in Frage. Vor zehn Jahren hätte ich auch nie im Leben eine Uniform angezogen.

Aber die Leidenschaft war da. Was war dann der Auslöser, doch in die Fußstapfen der Eltern zu treten?

Ich wollte nicht mehr als Grafikdesignerin arbeiten und wusste schlichtweg nicht, was ich machen soll. Also habe ich mich am Flughafen beworben. Ich dachte immer, man bräuchte eine bestimmte Ausbildung. Aber das ist heute gar nicht mehr so. Ich war dann zunächst in der Bodenabfertigung bei einer Ground Handling Firma tätig und habe Check-ins am Gate koordiniert.

Klingt nervenaufreibend!

Die Zeit war absolut spannend und eine gute Lehre, was Menschenkenntnis betrifft – jedes Klischee wird erfüllt. Du musst sehr diplomatisch sein und entwickelst dich zum richtigen Kommunikationsprofi.

Dann hast du dich als Flugbegleiterin beworben?

Während der Zeit am Boden war ich bei einer jungen Fluglinie, die gerade sehr erfolgreich ist und deren Philosophie mich von Anfang an überzeugt hat. Die Chefin führt das Unternehmen mit einem Fairness-Gedanken, den es so bei anderen Airlines nicht gibt. Die Mitarbeiter werden für Branchenverhältnisse wirklich gut bezahlt und haben alle unbefristete Verträge. Ich habe mich also beworben und wurde prompt zusammen mit anderen 60 Bewerbern zum Assessment Day eingeladen. Ich bin unter die letzten 30 Bewerber gekommen, habe meinen Job gekündigt und bin zum Training nach Gatwick geflogen.

 

 

Was genau beinhaltet das Training?

Wir wurden drei Wochen in der Nähe des Terminals auf zwei Flugzeugtypen trainiert. Die Fächer reichen von Cultural Awareness bis hin zu einem dreitägigen First-Aid-Training. Außerdem werden wir dafür sensibilisiert, jeden Tag die weltweiten Nachrichten zu checken. Es gibt auch viele Sicherheits- und Terror-Trainings.

Schaut ihr euch auch Flugzeugabstürze an?

Wir schauen uns das an und sprechen darüber, ja.

 

Wir sind keine Kaffeeschubser, sondern Krankenschwestern, Lebensretter, Psychologen und Kinderbetreuer in einem.

 

Wie sieht es mit Konflikt-Management aus?

Das ist auch ein großes Thema, vor allem hinsichtlich des Geschlechts. Also, wann ist es besser, eine Flugbegleiterin zur Verstärkung zu holen und wann einen Flugbegleiter?

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Was sind die wichtigsten Eigenschaften für den Job als Flugbegleiterin?

Diplomatie, Belastbarkeit, Selbstbewusstsein und eine hohe Disziplin. 98 Prozent der Konflikte lassen sich mit Humor und Charme lösen.

Du hast den Blick hinter die Kulissen. Wie ist das Flug-Business?

Früher steckte noch viel Geld in der Branche. Heute muss alles günstig sein und vor allem schnell und präzise von statten gehen. Die Turnarounds – also die Zeit am Gate zwischen Landung und Start – sind heute auf dreißig Minuten limitiert. Es ist ein toughes Business.

Wie gehst du damit um?

Ich mag das. Es gibt ein exaktes Prozedere, das einen reibungslosen Ablauf gewährt. Daran muss man sich halten. Der Job fordert viel Disziplin und Seriosität. Da tut man den Flugbegleitern oft unrecht. Wir sind keine Kaffeeschubser, sondern Krankenschwestern, Lebensretter, Psychologen und Kinderbetreuer in einem.

Der Job ist auch körperlich anstrengend, oder?

Das war tatsächlich meine einzige Sorge: Schaffe ich das? Auch psychisch. Ich habe einen großen Freiheitsdrang und haue gern ab, wenn ich abhauen will. In der Luft geht das nicht. Wenn man im Flugzeug arbeitet, hat man allerdings ein ganz anderes Gefühl, als wenn man angeschnallt in seiner Reihe sitzt.

Die Perspektive ändert sich.

Auf den ersten drei Flügen habe ich mich gar nicht getraut, irgendwas anzufassen. Aber dann wird das Flugzeug dein Revier und die Anderen sind die Gäste. Es kommt dir auch nicht mehr so eng vor.

Ihr habt sehr genaue Vorschriften, wie eure Kleidung und das Make-up auszusehen haben. Nervt das?

Es gibt viele Richtlinien, wie kleine Ohrringe oder Haare zurück. Bei meiner Airline darf man allerdings auch tätowiert sein. Das ist nicht überall so.

Danke für diesen Einblick, Victoria!

7 Kommentare

  • Julia sagt:

    IhrLieben,

    danke für das schöne Interview. Nun frage ich mich allerdings, nach welchen Kriterien ihr euch die Leute aussucht.

    Liebe Grüße

    Julia

    • Lisa van Houtem sagt:

      Liebe Julia,
      danke für das Feedback! Wir sind der Meinung, dass jede Frau eine spannende Geschichte zu erzählen hat – somit gibt es keine Kriterien.
      Liebe Grüße,
      Lisa

  • janni sagt:

    Sympathische Dame! Ich mag, dass ihr nicht nur PR-Frauen, Bloggerinnen, Redakteurinnen und Café-Besitzerinnen vorstellt.

  • Nina sagt:

    Ein soooo sympathisches Interview! Ich mag eure Auswahl auch unheimlich gern.

  • Anna sagt:

    Sehr interessantes Interview! 🙂

  • Anja sagt:

    Super spannend eure Einblicke in die verschiedensten Berufswelten. Ich bin schon gespannt auf die nächsten Interviews! 🙂
    LG

  • Isabella sagt:

    Tolles Interview! Mit gefällt es sehr gut, wenn ihr nicht nur Frauen porträtiert, die sich mit Trends beschäftigen und dementsprechend gekleidet und eingerichtet sind – sondern einen eigenwilligen Stil haben. Die Wohnung von Victoria wirkt sehr authentisch und nicht auf Hochglanz poliert. Man erkennt, wie sehr sich die Person darin widerspiegelt. Bitte mehr davon!

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