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Wellbeing

"Neid macht uns emotional arm": Warum wir Neid verstehen und dieses Gefühl ernst nehmen sollten

30. September 2026

geschrieben von Fiona Torke

Eine junge Frau schaut auf ihr Handy und ist genervt – hinter diesem Gefühl tarnt sich oft Neid.

Bin ich genervt oder neidisch? Ob das scheinbar perfekte Leben der anderen auf "Instagram", die neue Tasche der Kollegin oder der Club der Taylor-Swift-Fans: Neid begegnet uns überall. Nur erkennen wir ihn oft nicht als solchen. Denn: Neid tarnt sich gerne als Genervtsein. Ärztin und Coachin Frauke Bataille erklärt, was sich hinter diesem Gefühlsmix verbirgt, warum Begeisterung und Zugehörigkeit so eng zusammenhängen und wie wir aus dem ewigen Vergleichs-Karussell aussteigen.

femtastics: Lass uns persönlich starten. Brennst du für bestimmte Dinge – eine Band, einen Verein, eine Person? Oder was begeistert dich?

Frauke Bataille: Ich begeistere mich für Natur, Sport und Musik, und habe tatsächlich angefangen, Cello zu spielen. Eigentlich kann ich mich für alles begeistern, was mir zufällig begegnet. Am meisten fasziniert mich das Offensein für das, was nicht antizipierbar ist. Natürlich gibt es Menschen, die ich bewundere oder an denen ich mich orientiere. Aber dass ich ein richtiger Fan von einer Person bin, trifft auf mich nicht zu.

Ich höre gerne Musik von Taylor Swift und finde spannend, was ihre Fanbase in Menschen auslöst: Manche fühlen sich davon gestört, andere möchten dazugehören, Freundschaftsbänder knüpfen und sich auch stolz "Swiftie" nennen. Geht es hier um Neid?

Es geht dabei oft um die Frage: Gehöre ich dazu oder nicht? Wenn ich eine Fangemeinschaft wie die von Taylor Swift sehe, die sich begeistert und zu riesigen Konzerten geht, aber ich selbst nicht dazugehöre, denke ich automatisch: Was haben die, was ich nicht habe? Die haben Freude miteinander, obwohl sich die Leute zum Teil gar nicht kennen, aber es gibt diesen gemeinsamen Anknüpfungspunkt. Das ist heute oft gar nicht mehr auf natürliche Weise gegeben, unsere Gesellschaft kämpft sehr mit dem Thema Einsamkeit.

Wenn man sieht: Da ist etwas, das Menschen verbindet – eine Wertegemeinschaft, eine Zugehörigkeit, ein gemeinsames Gefühl. Und ich habe das nicht, dann kann das wehtun. Es macht einem bewusst, dass man etwas nicht lebt oder erlebt, was man sich vielleicht selber auch wünscht.

"Neid entsteht, weil mir jemand oder etwas den Spiegel vorhält, dass ich nicht gut für mich sorge."

Wie hängen Neid und FOMO (Fear of Missing Out) zusammen?

Bei Neid geht es darum, dass ich Bedürfnisse habe, die nicht wirklich gelebt werden. Und jemand anderes mir diesen Spiegel vorhält, weil sie oder er die eigenen Bedürfnisse lebt und gut für sich sorgt. In diesem Fall habe ich auf einer bestimmten Ebene eine Art Mangel. FOMO hingegen ist eher das Gefühl, etwas zu verpassen: Irgendwo schweben Informationen, die ich nicht habe, und ich renne dem hinterher, ohne innere Ruhe zu finden. Da geht es nicht darum, jemandem etwas zu neiden, sondern darum, nicht auf dem neuesten Stand zu sein, nicht mitreden zu können. Die Gemeinsamkeit beider Gefühle ist die Angst, nicht dazuzugehören.

Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit wächst durch Social Media: Ich beobachte das Leben der anderen, zu dem ich nicht dazugehöre. Wie kann ich Social Media so stressfrei wie möglich nutzen, wenn ich tendenziell neidisch bin?

Gerade mit KI wird zunehmend eine Welt dargestellt, die nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Wenn ich gerade in einer Situation bin, in der ich nicht gut für mich sorgen kann, verstärkt das meine Bedürftigkeit noch mehr. Ich finde es sinnvoll, die Nutzung zu reduzieren und stattdessen ins reale Leben zu gehen. Echte Gespräche mit Menschen aus dem eigenen Umfeld zu führen, nicht nur oberflächlich "Wie geht's – gut, dir auch", sondern sich wirklich für das Gegenüber zu interessieren. Dann kommen auch die eigentlichen Sorgen zur Sprache, und das hilft, sich selbst zu verorten. Wenn man einen ehrlichen Kreis um sich hat, und dafür reicht oft schon eine vertraute Person, gibt das Stabilität und Zugehörigkeit.

Warum fühlt sich Neid oft an wie Gereiztheit?

Wenn ich jemandem etwas neide, gerät mein Körper in Stress. Stress lässt mich den Bezug zu mir selbst verlieren. Neid entsteht, weil mir jemand oder etwas den Spiegel vorhält, dass ich nicht gut für mich gesorgt habe. Genau an dieser Stelle treffen Neid und Stress aufeinander. Wenn ich zu sehr im Stress bin, stelle ich mich selbst zurück und bin nicht mehr gut mit mir verbunden.

Im Coaching frage ich dann: Was erlaubt sich die andere Person, was ich mir selbst verbiete? Vielleicht nimmt sie sich selbst ernst, nimmt sich Zeit oder Geld, um sich etwas zu gönnen oder sich zu belohnen. Dann kann man sich fragen: Wenn ich das nicht eins zu eins übernehmen kann, was kann ich stattdessen in meinen eigenen Möglichkeiten Gutes für mich tun? Wenn ich mir die teure Tasche nicht kaufen kann, die ich bei jemandem beneide, kann ich mir vielleicht einen Eiskaffee gönnen. Man kann das Bedürfnis, das hinter dem Neid steckt, an die eigene Lebenssituation adaptieren.

"Die Superpower hinter Neid: Sich selbst ernst zu nehmen, statt trotzig durch die Welt zu gehen."

Ich kann das genervte oder neidische Gefühl also produktiv für mich nutzen?

Absolut. Es ist wie ein Wink unserer Emotionen: Ich merke, ich bin neidisch oder genervt. Statt dabei stehen zu bleiben oder das Gefühl zu verurteilen, frage ich mich, was das konkret bedeutet. Was nervt mich wirklich, und was könnte mir das sagen wollen? Steckt dahinter ein Bedürfnis, das mir nicht bewusst ist? Und wie kann ich es selbst erfüllen, um wieder in eine innere Ausgeglichenheit zu kommen? Wenn jemand anderes etwas Gutes für sich tut, ist das ja an sich nichts Schlimmes für mich.

Ich empfehle, dafür gedanklich auf eine Meta-Ebene zu gehen. Sich quasi in einen kleinen Hubschrauber zu setzen und von oben herab auf die eigenen Emotionen zu schauen: Worum geht es hier eigentlich? Ist es wirklich das Ding, das mich nervt, oder eher, dass ich selbst schon lange nichts Gutes mehr für mich getan habe? Es geht darum, sich selbst ernst zu nehmen, statt trotzig durch die Welt zu gehen.

Wie finde ich den Kontakt zu mir selbst wieder und nehme die Bedürfnisse meines Körpers wahr?

Wenn wir von uns selbst nicht spüren, verlieren wir den Bezug zu unseren Bedürfnissen und sind oft nur noch im Kopf. Ich nenne das Dis-Connection. Unser Bauchgefühl und unsere Emotionen nehmen wir dann kaum oder gar nicht mehr wahr. Das führt im Umkehrschluss dazu, dass wir diese Bedürfnisse auch nicht mehr erfüllen, uns nichts Gutes mehr tun.Was hilft: Bewusst eine Pause einzulegen. Das kann etwas ganz Kleines sein: aus dem Fenster schauen, einen Spaziergang machen, ein Gespräch mit einem lieben Menschen oder ein lang ersehnter Kinobesuch. Wichtig ist dabei, sich diese Auszeit bewusst zu gönnen, um aus dem Stressmodus herauszukommen.

Wenn wir uns solche Pausen regelmäßig erlauben, sind wir in den anderen Zeiten nachweislich effektiver, motivierter und stabiler in unseren Emotionen. Auch Neid raubt Kraft, weil wir gedanklich immer wieder dahin zurückkehren, statt bei uns zu bleiben. Diesen Kreislauf zu unterbrechen ist sehr hilfreich, selbst wenn es nur 15 Minuten sind. Dabei kann auch ein Coaching helfen: in einem geschützten Raum mit einer*einem Sparringspartner*in sprechen. Durch andere Fragestellungen und einen Perspektivwechsel kann man einen neuen Zugang finden und sich davon befreien. Neid macht uns emotional arm, engt uns ein und kappt uns von der Gesellschaft ab und von allem, was uns bereichert.

"Neid macht uns emotional arm, engt uns ein und kappt uns von der Gesellschaft ab und von allem, was uns bereichert."

Ein Beispiel: In einer Freundschaft ist die eine Person gerade unzufrieden mit dem eigenen Leben und reagiert spürbar genervt, während bei der anderen Person scheinbar alles super läuft. Wie geht man als die Person, die beneidet wird, damit um und schützt sich selbst?

Ich empfehle, das direkt anzusprechen, und zwar in einer Ich-Botschaft: "Ich nehme wahr, dass du in unseren Gesprächen in letzter Zeit gerne stichelst, und das macht etwas mit mir. Was ist deine Motivation dahinter?" Man kann auch offen fragen, ob die andere Person vielleicht neidisch ist, wofür es oft gar keinen sichtbaren Grund gibt. Manchmal begegne ich Leuten, die scheinbar ein großartiges Leben haben. Wenn man dann ins Gespräch kommt, merkt man, dass jede*r ihren*seinen Rucksack an Belastungen trägt.

Wenn wir neidisch sind, fokussieren wir uns nur auf das eine Ding, das wir beneiden. Mit dem Tunnelblick übersehen wir schnell das größere Bild, etwa Probleme mit den Kindern, in der Beziehung, am Arbeitsplatz, mit den Eltern oder eigene Krankheiten. Nicht jede*r trägt diese Themen offen vor sich her.

Wir haben jetzt viel über die Schattenseite des Vergleichens gesprochen. Welche Vorteile hat es eigentlich, wirklich für etwas zu brennen, sei es ein Star, ein Hobby oder etwas ganz anderes?

Der Vorteil ist, dass man dabei Selbstwirksamkeit erlebt. Man probiert sich aus, beschäftigt sich mit etwas, erlebt vielleicht kleine Rückschläge, merkt aber auch, dass man etwas bewirken kann, sei es im Kontaktaufnehmen, im Organisieren oder Umsetzen. Dieses Gefühl von Selbstwirksamkeit ist wichtig, um zu sich selbst zu finden, Vertrauen in sich zu entwickeln und eine Art Resilienz aufzubauen. Das trägt zur Herausforderungsfähigkeit bei. Wenn neue Situationen auf uns zukommen, erinnern wir uns daran, wie wir frühere Situationen gemeistert haben. Mit Leidenschaft bleibt man auch bei Rückschlägen dran und probiert es einfach anders. Das ist sehr positiv.

Und wenn ich noch nichts habe, wofür ich brenne – wie finde ich das?

Ich würde empfehlen zu schauen, wofür sich andere begeistern, und zu prüfen, ob das emotional etwas mit mir macht. Ansonsten hilft es, einfach Dinge auszuprobieren – möglichst ohne den Kopf einzuschalten und ohne zu überlegen, was andere darüber denken könnten. Es geht darum, das Leben auf sich zukommen zu lassen: Was begegnet mir? Und wenn mich etwas anspricht, dann lasse ich es einfach zu.


Wir haben mit Dr. med. habil. Frauke Bataille ein weiteres Interview geführt: "Dis-Connection: Wenn wir im Alltag mehr funktionieren als fühlen". Sie ist praktizierende Fachärztin und geschäftsführende Gesellschafterin ihrer Gemeinschaftspraxis für Pathologie und hat das "Inhesa-Institut für Health & Selfcare" in Berlin gegründetet.

Hier erfahrt ihr mehr über Frauke Batailles Arbeit:

Foto: "Canva"